ArchivDeutsches Ärzteblatt30/2009Praxisführung: Vom Einschwingen auf Wellenlängen

STATUS

Praxisführung: Vom Einschwingen auf Wellenlängen

Stempfle, Doris

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Foto: Superbild
Foto: Superbild
In der Regel stellt sich der Arzt intuitiv auf die Bedürfnisse seines Gegenübers ein. Die Beschäftigung mit Patiententypologien erweitert die Handlungsoptionen.

Patiententypologien – benötigt eine Ärztin, braucht ein Arzt so etwas überhaupt? Sicherlich nicht in jeder Situation und in jedem Patientengespräch, aber es gibt Patientenkontakte, in denen es durchaus hilfreich ist, das mögliche Verhalten des Gegenübers besser einschätzen zu können. Ein klassischer Fall: Der Arzt muss dem Patienten eine Diagnose mit weitreichenden Konsequenzen mitteilen. Hat er es mit einem labilen Charakter zu tun, sollte er anders vorgehen als bei einem Menschen, von dem er weiß, dass er auch auf negative Nachrichten sachlich und rational reagieren wird. Auch im Beratungsgespräch ist es wichtig, patientenorientiert zu argumentieren und zu kommunizieren. Wenn die Patientin freundlich und offen reagiert, ist eine andere Gesprächsstrategie vonnöten als bei einem Patienten, der den Arzt permanent unterbricht und das Gespräch steuern will.

Selbstverständlich hat der Arzt nicht immer die Zeit und Muße, sich verstehend auf den Charakter eines Patienten einzulassen. Wenn er jedoch das Vertrauen eines Patienten gewinnen will und muss, weil dies positive Auswirkungen auf den Heilungsprozess hat oder weil er Wert darauf legt, mit ihm auf Augenhöhe und vertrauensvoll zu kommunizieren, liegen Gründe vor, sich mit dem Thema „Patiententypologie“ auseinanderzusetzen.

Ideal ist es, wenn der Arzt es intuitiv versteht, sich mitfühlend in die Patientenwelt zu begeben. In den meisten Fällen wird er dann angemessen reagieren. Allerdings: Jede intuitive Interpretation menschlicher Verhaltensweisen birgt die Gefahr, kräftig danebenzuliegen. „Wer sich mit Patiententypologien beschäftigt, erarbeitet sich weitere Handlungsoptionen“, betont dagegen ein Neurologe mit Praxis in Filderstadt bei Stuttgart, der die folgende einfache Typologie nutzt, um einen besseren Zugang zu seinen Patienten zu finden.

Kommunikationstyp 1: Der offen-freundliche Typ ist auf Sicherheit, Harmonie und Stabilität bedacht.

Dieser Patient möchte eine gute Beziehung zwischen sich und dem Arzt – und das gilt auch für die Mitarbeiter, also für das gesamte Praxisteam – aufbauen und kooperieren. Für ihn ist es wichtig, dass es auf der Beziehungsebene keine Störungen gibt. Aus Arztsicht ist dies ein „dankbarer“ Patient, weil er geduldig und bescheiden auftritt und zu den umgänglichen Menschen gehört.

Die Herausforderung besteht darin, sich auf die Wellenlänge des Patienten einzuschwingen und eine persönliche Beziehung zuzulassen. Dies erreicht der Arzt, indem er auch Privates und Persönliches von sich preisgibt, freundlich und herzlich reagiert und mit – natürlich anonymen – Patientengeschichten arbeitet. „Viele meiner Patienten nutzen das Behandlungskonzept, das ich auch Ihnen empfehle, und haben gute Erfahrungen damit gemacht, nämlich …“ Der kooperative Patient fasst schneller Vertrauen zum Arzt, weil durch die authentischen Patientenbeispiele sein Sicherheitsbedürfnis befriedigt wird.

Kommunikationstyp 2: Der dominante Patiententyp tritt fordernd und willensstark auf.

Dieser Patient weiß genau, was er will – und was nicht. Häufig ist er auch tatsächlich gut informiert und versucht, in ein Fachgespräch mit dem Arzt einzusteigen. Er unterbricht den Arzt zuweilen und will das Arzt-Patient-Gespräch sogar lenken und dominieren.

Der Arzt wird mit dem dominanten Typ am besten zurechtkommen, wenn er kurz und bündig zum Thema kommt und zielstrebig den Nutzen anspricht, den etwa eine Behandlungsmethode für den Patienten hat. Unklug ist es, das Dominanzstreben des Patienten brechen zu wollen – dieser dürfte dann aggressiv reagieren, der Arzt kann keinen Zugang zu ihm finden. Besser ist es, dem Patienten zuzustimmen und die eigenen Argumente als Alternative darzustellen.

Wenn ein dominanter Patient, der ins Ausland reisen will, die empfohlene Impfung ablehnt, stimmt der Arzt zunächst einmal zu. „Sie haben recht: Eine Impfung stellt immer auch ein Risiko dar.“ Dann aber fährt der Arzt fort: „Ich kenne allerdings auch Patienten, die sich nicht haben impfen lassen und die dadurch die folgenden Nachteile hatten …“ Wichtig ist, dass der Arzt – solange es medizinisch zu rechtfertigen ist – die endgültige Entscheidung dem Patienten überlässt.

Kommunikationstyp 3: Der hinterfragende Patiententyp kommuniziert sachlich und kühl und stellt sehr viele Fragen.

Dieser Patient hat ein außerordentlich großes Informationsbedürfnis. Oft verbirgt sich dahinter ein profundes Misstrauen, dem der Arzt begegnen sollte, indem er die belegbaren Fakten betont und auf Einwände des Patienten sachlich reagiert. Da dieser Patient keinen großen Wert darauf legt, auf der Beziehungsebene zu kommunizieren, konzentriert sich der Arzt auf die Inhalts- oder Sachebene und eine logisch einwandfreie Argumentation: „Schauen Sie mal, diese Statistik zeigt, dass in den meisten Fällen … Und vielleicht helfen Ihnen folgende Zahlen, Daten und Fakten weiter, eine Entscheidung zu fällen …“

Das bedeutet: Stellt der Arzt fest, dass er es mit einem hinterfragenden Typ zu tun hat, liefert er bei der Darstellung der Krankheitsdiagnose und der Therapiemöglichkeiten so viele Informationen wie möglich.

Beziehung stärken, Dominanzstreben akzeptieren, sachlich informieren – es gibt weitere Gesprächsstrategien, weil auf der Patientenseite zahlreiche Mischtypen existieren. Die dreiteilige Typologie hilft aber, eine erste Einschätzung des Patientencharakters vorzunehmen. Der Neurologe aus Filderstadt betont: „Wir sollten uns darüber im Klaren sein, dass Typologien vereinfachen und verallgemeinern. Wer eine Typologie nutzt, darf sich nie auf dieses Raster allein verlassen. Sie ist vor allem ein unterstützendes Hilfsinstrument bei der Einschätzung eines Menschen.“
Doris Stempfle
dstempfle@stempfle-training.de
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.