ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2009Schutzimpfung gegen neue Grippe: Mammutaufgabe

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Schutzimpfung gegen neue Grippe: Mammutaufgabe

Richter-Kuhlmann, Eva

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Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
Frei nach dem Motto „Die Amtsärzte werden’s schon richten“ geht der Bund davon aus, dass der öffentliche Gesundheitsdienst (ÖGD) die Bevölkerung im Herbst gegen die Neue Influenza H1N1/2009 impfen wird. Auch das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium (BMG) ist sich „ziemlich sicher“, dass der Dienst in der Lage ist, diese Aufgabe zu bewältigen. Schließlich sei die Impfung von 60 Millionen Bundesbürgern gegen Kinderlähmung im Jahr 1961 auch ohne große Probleme über die Bühne gegangen.

Doch anstatt rechtzeitig nachzufragen, hat der Bund die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Denn der ÖGD ist personell derzeit bei Weitem nicht in der Lage, diese Mammutaufgabe zu stemmen. Das wird er dem Bund in einer offiziellen Stellungnahme Anfang August auch mitteilen. „Der Bund hat falsche Vorstellungen. Wir können zwar die Koordination der Massenschutzimpfung übernehmen, aber nicht die Impfungen selbst“, erklärte der stellvertretende Vorsitzende des Bundesverbandes der Ärztinnen und Ärzte des öffentlichen Gesundheitsdienstes (BVÖGD), Dr. med. Thomas Menn, dem Deutschen Ärzteblatt. Das Aufgabenpensum im Rahmen des Pandemieplans sei immens. „Impfen nebenher geht nicht.“ Dazu mangele es sowohl an Ärztinnen und Ärzten als auch an medizinischem Fachpersonal.

In der Tat ist der Ärztemangel im ÖGD gravierend. In nahezu allen Bundesländern gibt es unbesetzte Stellen, wie eine aktuelle Umfrage bei den Landesverbänden belegt. „Wir sind in Gehalt und Besoldung völlig abgeschlagen und durch die derzeitige Tarifgestaltung ohne Wettbewerbschance bei der Suche nach Fachärzten“, bestätigte die Autorin der Studie und Vorsitzende des ÖGD-Landesverbandes Mecklenburg-Vorpommern, Dr. med. Marita Jenning. Der Rückstand im Grundgehalt gegenüber dem Tarif der kommunalen Krankenhäuser betrage zwischen 500 und 1 200 Euro.

Besonders zugespitzt hat sich die Situation in den letzten Jahren in Ostdeutschland. Für Dr. med. Regine Krause-Döring, Leiterin des Leipziger Gesundheitsamts und Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen, ist deshalb klar: „Wenn sich der Bund bei der Impfaktion auf den ÖGD verlässt, ist diese zum Scheitern verurteilt.“ Für die Stadt Leipzig hat es Krause-Döring berechnet: Alle Ärzte und Zahnärzte des ÖGD müssten gesund sein und einen Monat lang täglich 23,25 Stunden impfen, um die prioritären Gruppen der Leipziger Bevölkerung (30 Prozent) mit der ersten Teilimpfung zu versorgen. Unterstützung von Ärztinnen und Ärzten im Ruhestand – wie sie das Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­ium vorschlägt – ließe sich auch nicht so einfach bekommen, meint die Amtsärztin. „Rekrutieren können wir sie nicht. Wir sind ja nicht im Krieg. Bei den Impfungen handelt es sich schließlich um eine Vorsorgemaßnahme und nicht um einen Katastrophenfall.“

Für Menn gibt es deshalb nur einen Ausweg aus dem Dilemma: zusätzliche Finanzmittel. „Niedergelassene Ärzte, Betriebsärzte, Ärztinnen und Ärzte des Medizinischen Dienstes der Kran­ken­ver­siche­rung oder der Deutschen Rentenversicherung müssen für ihre zusätzliche Arbeit während der Impfaktion vergütet werden“, meint er. Besonders hoffnungsvoll schaut er dabei auf die Betriebs- und Werksärzte. Denn im Gegensatz zur Politik haben sie die prekäre Situation erkannt und ihre Unterstützung bereits angeboten.

Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Redakteurin für Gesundheits- und Sozialpolitik in Berlin
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