ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2009Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz: Die Medizin als Leitmotiv

KULTUR

Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz: Die Medizin als Leitmotiv

Dtsch Arztebl 2009; 106(31-32): A-1573 / B-1349 / C-1317

Klinkhammer, Gisela

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Marcel und sein Bruder Robert Proust, der als Urologe unter anderem durch ein Verfahren zur Prostatektomie bekannt wurde. Fotos: Bibliotheca Proustiana Reiner Speck und Snoek Verlagsgesellschaft Köln 2009
Marcel und sein Bruder Robert Proust, der als Urologe unter anderem durch ein Verfahren zur Prostatektomie bekannt wurde. Fotos: Bibliotheca Proustiana Reiner Speck und Snoek Verlagsgesellschaft Köln 2009
Eine Ausstellung in Köln ermöglicht es dem Leser, die Korrespondenz und das Werk des französischen Romanciers im Kontext seiner Zeit kennenzulernen.

Anfang April 1922, ein halbes Jahr vor seinem Tod, legte sich Marcel Proust einen Sterilisationsapparat zu, in dem er unter Einsatz von Formalin die an ihn adressierten Briefe desinfizierte, bevor er sie las. Diese besondere Form eines „cordon sanitaire“ war der Furcht des Asthmatikers und Allergikers Proust geschuldet, sich den damals grassierenden Keuchhusten oder die Röteln einzufangen. Ob die Apparatur schließlich dazu beigetragen hat, dass Proust von beiden Krankheiten verschont blieb, ist ungewiss. Doch diese hygienische Maßnahme, über die der Literaturwissenschaftler Jürgen Ritte im Katalog berichtet, wirft in zweierlei Hinsicht ein bezeichnendes Licht auf Proust. Er war nämlich ein atemloser, unermüdlicher Briefeschreiber und beschäftigte sich außerdem Zeit seines Lebens mit medizinischen Themen.

Beides wird deutlich in der Ausstellung „Cher ami . . . – Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz“, die zunächst in München zu sehen war und die derzeit im Museum für Angewandte Kunst in Köln präsentiert wird. In der Domstadt ist auch der Sitz der Marcel-Proust-Gesellschaft, deren Präsident, der Urologe Dr. med. Reiner Speck, mehr als 80 Briefe des französischen Romanciers in seiner „Bibliotheca Proustiana Reiner Speck“ beherbergt. Sie werden ergänzt durch zahlreiche weitere Autografen, seltene Fotografien, Porträtzeichnungen und -skizzen, Manuskripte sowie weitere Dokumente.

Prousts Vater war als Hygieniker tätig, sein Bruder war ein berühmter Urologe. „Er hat im Jahr 1900 seine Dissertation über die Prostatektomie geschrieben. Darin beschreibt er eine Schnittführung über den Damm, die in Frankreich unter dem Namen Proustatektomie bekannt geworden ist“, erläutert Speck dem Deutschen Ärzteblatt. Er sei außerdem auch Schüler von Madame Curie gewesen und habe einen transportablen Röntgentisch für die Soldaten des Ersten Weltkrieges entwickelt.

Doch Prousts Interesse für die Medizin ergab sich Speck zufolge nicht nur aus diesem familiären Hintergrund, sondern auch durch seine eigene Krankengeschichte. So sei die Medizin ein Leitmotiv, das sich durch das gesamte Werk „ A la Recherche du Temps perdu“ (Auf der Suche nach der verlorenen Zeit) ziehe. Von seiner „Matratzengruft“ aus habe Proust Briefe in alle Welt verschickt, zunehmend habe er sich darin aber kritisch mit der Medizin auseinandergesetzt. „In seinen letzten fünf bis sechs Lebensjahren hat er immer wieder über seinen Gesundheitszustand geklagt. Die Klage benutzte er zur Abwehr von lästigen Besuchern, um sein Werk zu vollenden“, berichtet Speck.

Marcel Proust: Brief an den Komponisten Reynaldo Hahn, geschrieben in „Geheimsprache“ mit integrierter Zeichnung
Marcel Proust: Brief an den Komponisten Reynaldo Hahn, geschrieben in „Geheimsprache“ mit integrierter Zeichnung
Die Ausstellung ermöglicht es dem Besucher, die Korrespondenz und das Werk Prousts im Kontext seiner Zeit kennenzulernen. So sind die Briefe, die durch filmische Dokumente und Kommentare von Zeitzeugen ergänzt werden, in verschiedene Themenbereiche eingebettet. Mehrere Kapitel beleuchten beispielsweise die biografischen Stationen, aber auch die Stationen seines gesellschaftlichen Engagements und die Stationen, die sich aus den schriftstellerischen Kontakten und den Publikationsorganen ergeben.

„Proustleser müssen weniger oft zum Arzt, vor allem weniger oft zu den psychologischen und psychiatrischen Fächern“, ist Speck überzeugt. Die Lektüre der „Recherche“ mache den Leser gelassen gegenüber bestimmten Situationen im Alltag, und „die weisen Dinge, die Proust über die Krankheit schreibt, stimmen einen auf eine andere Weltsicht ein“.

Zur Ausstellung findet auch ein umfangreiches Begleitprogramm mit Lesungen, Vorträgen und musikalischen Beiträgen statt.
Gisela Klinkhammer

Die Ausstellung „Cher ami . . . – Marcel Proust im Spiegel seiner Korrespondenz“ ist bis zum 6. September im Museum für Angewandte Kunst in Köln, dienstags bis sonntags von elf bis 17 Uhr und jeden ersten Donnerstag im Monat bis 22 Uhr zu sehen. Informationen: www.museenkoeln.de. Anschließend wird die Ausstellung im Jüdischen Museum in Wien präsentiert. Zur Ausstellung ist ein umfangreicher zweisprachiger Katalog erschienen (49,80 Euro).
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