ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2009Deutschsprachige Ärzteorganisationen: Noch ist die Finanzkrise im -Gesundheitswesen nicht spürbar

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Deutschsprachige Ärzteorganisationen: Noch ist die Finanzkrise im -Gesundheitswesen nicht spürbar

Korzilius, Heike

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LNSLNS Die Finanzkrise hat einige Wirtschaftszweige bereits fest im Griff. Das mag der Grund dafür gewesen sein, dass der Gastgeber der 55. Konsultativtagung der deutschsprachigen Ärzteorganisationen, die Verbindung der Schweizer Ärztinnen und Ärzte (FMH), einen Ökonomen für den Eröffnungsvortrag eingeladen hatte. Doch Gesundheitsexperte Dr. Harry Telser gab sich in Zürich verhalten optimistisch. „Die Nachfrage nach medizinischen Leistungen ist relativ krisenresistent. Noch sind keine Einschnitte spürbar.“ Allerdings, schränkte er ein, seien die Effekte umso stärker, je lohnabhängiger die Finanzierung des Gesundheitswesens gestaltet sei. Risiken berge allerdings auch die öffentliche Finanzierung. Sinkende Steuereinnahmen im Zuge der Wirtschaftskrise, gepaart mit Milliardenausgaben zur Rettung maroder Banken oder Firmen, führten dazu, dass Geld in anderen Bereichen fehle.

Drohen im Gesundheitswesen die Mittel knapp zu werden, gibt es Telser zufolge zwei Reaktionsmöglichkeiten: Budgetkürzungen und Regulierung. Doch sinnvolle Regulierung sei gerade im Gesundheitswesen schwierig: Konzentriere man sich zu sehr auf die Kosten, verstelle das den Blick auf den Nutzen medizinischer Maßnahmen. Die Komplexität des Gesundheitswesens verhindere eine wirksame Folgenabschätzung. Außerdem stünden Interessenkonflikte der verschiedenen Akteure volkswirtschaftlich optimalen Lösungen im Weg. „Wenn jetzt durch die Finanzkrise noch mehr Druck entsteht, birgt das die Gefahr des Regulierungsversagens“, gab Telser zu bedenken.

Doch der Gesundheitsexperte identifizierte auch mögliche Ineffizienzen, beispielsweise dort, wo Ärzte „unnötige Leistungen“ erbringen. „Das Geld“, so Telser, „könnte anderswo besser eingesetzt werden.“ Ineffizient sei es aber auch, wenn sich Ärzte nicht auf ihre Kernaufgaben konzentrieren könnten – Stichwort Bürokratie –, Reibungsverluste an der Schnittstelle zwischen Grundversorgern und Krankenhäusern nicht behoben würden oder Ärzte eine ineffiziente Praxisausstattung vorhielten. Für die Zukunft prognostizierte der Gesundheitsökonom: „Es wird Druck geben, kostengünstiger zu arbeiten, die Zahl der Ärzte zu reduzieren.“ Doch er betonte auch: „Rationierung ist aus ökonomischer Sicht nie gut.“ – Womit er den Ärztevertretern aus der Schweiz, aus Österreich, Luxemburg, Südtirol und Deutschland aus der Seele sprach.

Einen weiteren Schwerpunkt der Diskussion in Zürich bildete das Thema Ärztemangel. In der Schweiz und in ländlichen Regionen Deutschlands macht er sich bereits bemerkbar. „Hier in der Schweiz gibt es Kliniken, die zu 90 Prozent von deutschen Ärzten betrieben werden“, erklärte Dr. med. Max Giger vom Zentralvorstand der FMH. Große Versorgungsdefizite gebe es insbesondere in der Psychiatrie. Dagegen haben es die Ärztinnen und Ärzte in Österreich schwer, nach der Approbation eine Weiterbildungsstelle zum Facharzt zu finden. Vor ein paar Jahren hat deshalb die Sächsische Lan­des­ärz­te­kam­mer im Zuge der „Nachbarschaftshilfe“ ein Programm aufgelegt, mit dem sie gezielt Mediziner für die Weiterbildung in sächsischen Kliniken und Praxen anwirbt – denn dort fehlt es an Bewerbern.

Systematisch untersucht hat die Wanderungsbewegungen zwischen den fünf Ländern und Regionen Dr. rer. pol. Thomas Kopetsch, bei der Kassenärztlichen Bundesvereinigung in Berlin zuständig für Bedarfsplanung, Bundesarztregister und Datenaustausch. Danach arbeiteten im vergangenen Jahr insgesamt 1 802 österreichische Ärzte in Deutschland, aber lediglich 186 Schweizer und 159 luxemburgische Ärzte. 1 253 deutsche Ärzte zog es nach Österreich, aber fast dreimal so viele, nämlich genau 3 683 in die Schweiz. Ein Sonderfall ist Luxemburg. Dort arbeiten 240 deutsche Ärzte, deren Anwesenheit aber nicht auf ungeteilte Begeisterung stößt. Dazu der Generalsekretär der Ärztekammer Luxemburg, Claude Schummer: „Das Problem ist, dass viele dieser Ärzte sich nicht in Vollzeit bei uns niederlassen. Sie arbeiten nur in Teilzeit in ihrer Luxemburger Praxis und picken die Rosinen.“
Heike Korzilius
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