ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2009Operationen: Das Beispiel Finnland
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In den 60er-Jahren durfte ich als junger Arzt an der Universitätsklinik Hamburg als dritter Assistent den Haken halten, die OP-Lampe ausrichten und wurde angebölkt, weil ich dem sterilen Instrumententisch meinen unsterilen Rücken gezeigt hatte. Das war es dann, wenn ich nicht gerade mal wieder den Blutdruck eines Patienten messen oder Blut abnehmen durfte.

Nach einem Vierteljahr Hamburg ging ich dann an die Universitätsklinik in Helsinki und blieb in dem Lande fast zehn Jahre. Fortan habe ich dort nie wieder einen Blutdruck gemessen, sondern ließ ihn messen, auch als Assistenzarzt nicht. Das Blutabnehmen erledigten völlig selbstständig dazu beauftragte Krankenschwestern im gesamten Klinikum. Operationen wurden in der Regel mit einer Assistenz, ganz selten mit zwei Assistenzen durchgeführt. Zum Beispiel ein Kaiserschnitt normalerweise nur mit der Instrumentierschwester, die dann gleichzeitig assistierte. Bei vaginalen Operationen assistierte anfangs auf der einen Seite der lehrende Oberarzt und auf der anderen Seite eine Krankenschwester. Diese Krankenschwestern erhielten für ihre Tätigkeit normalen tariflichen Lohn. Chefärzte hatten bei privaten Operationen keinen Anspruch auf ärztliche Assistenz. So operierten auch sie häufig nur mit der Assistenz einer Schwester. Es sei denn, sie hatten einen jüngeren Kollegen persönlich um Hilfe gebeten . . . Dass zwei Fachärzte am Tisch standen, habe ich nur bei Operationen gesehen, die das wirklich erforderlich machten. In diesem Sinne war ich nicht schlecht erstaunt, als ich später wieder in Deutschland als erster Oberarzt von meinem damaligen Chef bei einem Kaiserschnitt um Assistenz gebeten wurde. In Finnland erledigte auf den Stationen eine Sekretärin sämtliche Schreib- und Verwaltungsangelegenheiten. Zum Beispiel Krankenakten wurden von der Sekretärin gesucht, geschrieben und verwaltet ebenso wie Bescheinigungen, Gutachten et cetera.

Sämtliche Ärzte einschließlich der jungen Assistenzärzte hatten so ausreichend Zeit, sich wirklich nur um die Patienten zu kümmern, an den täglichen medizinischen Besprechungen teilzunehmen und in der gut ausgestatteten lokalen Bibliothek der Fachabteilung zu lesen. Da in Finnland Ärztemangel herrschte, wurden die Ärzte wesentlich effizienter eingesetzt. Dies führte wiederum zu einer weitaus besseren und effektiveren ärztlichen Ausbildung.
Dr. med. Diethard Friedrich, Buchenstraße 1, 27404 Zeven
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