ArchivDeutsches Ärzteblatt31-32/2009Palliativversorgung: Konkurrenz um die Sterbenden
Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Ihre dankenswerte Übersicht zum derzeitigen Verhandlungsstand wird hoffentlich die Diskussion zur SAPV erneut anregen . . . Leider muss man sagen, haben die Autorinnen tatsächlich in etwa alle Verträge in Deutschland dargestellt. Mehr gibt es nicht! Wobei die dargestellten Verträge ja nicht alle SAPV-Verträge sind. In Westfalen-Lippe zum Beispiel wurde eine „Vereinbarung auf der Grundlage nach § 132 d“ unterschrieben. In Westfalen wurden SAPV und AAPV in einem Vertrag vermengt, die Bedingungen werden als so problematisch angesehen, dass bis zum Erscheinen Ihres Artikels kein (!) Leistungserbringer unterschrieben hat und dies auch nicht absehbar ist. Daneben gibt es Insellösungen für einen winzigen Patientenkreis. In Hessen gelang es uns, durch einen einmaligen und für die Kassen völlig unerwarteten Schulterschluss aller aktiven Leistungserbringer einen für alle Beteiligten akzeptablen Vertrag zu erringen, der mit dem ursprünglichen Kassenentwurf nicht mehr viel gemein hat. Er steht mit allen Daten zum Download unter www.laph.de bereit. Vermutlich ist es der zurzeit angemessenste SAPV-Vertrag in Deutschland, der jetzt zum Muster für andere Bundesländer wird. Aber auch hier: nur für die Ersatzkassen. Der Rest sträubt sich beharrlich, und wir versorgen weiter unbezahlt.
Was nicht erwähnt wurde: Die Sicherstellungspflicht haben seit dem 1. April 2007 die Krankenkassen, nicht die KV, nicht die Ärzte, nicht die hoch engagierten Palliative-Care-Teams, die in ruinöse Vorleistungen treten, weil sie die Anfragen Sterbender nicht einfach ignorieren, sondern die notwendige menschliche und medizinische Hilfe bieten. Im Gesundheitsfonds 2009 wurden nach Informationen aus dem Ge­sund­heits­mi­nis­terium 200 Millionen Euro hineingerechnet für die SAPV. Bisher hätten also für die wenigen Teams fürstliche 120 Millionen Euro in diesem Jahr zur Verfügung gestanden. Ausgegeben wurde nach seriösen Schätzungen für SAPV sicher deutlich unter fünf Millionen Euro. Was geschieht mit dem Rest? Könnte man damit nicht die bisher geleistete SAPV refinanzieren? Die Entwicklung der Verträge ist ein Skandal in unserer Wohlstandsgesellschaft, der gerne verdrängt wird, da Sterbende und Schwerstkranke keine Lobby haben . . .
Jetzt, wo Verträge anstehen oder auf den Markt kommen, möchten viele partizipieren. Plötzlich schießen „Palliative-Care-Teams“ aus dem Boden. Wer sichert die Qualität? Interessant ist es, dass einige Kassen, die in den Verhandlungen taktierten und verzögerten, auf Qualitätsmerkmalen beharrten, eine hohe Messlatte anlegten, plötzlich die Einstellung ändern. Gibt es einen Vertrag, dann heißt es, ganz schnell flächendeckend irgendwelche Vertragspartner zu finden. Ob diese annähernd in der Lage sind, die SAPV-Kriterien zu erfüllen, scheint plötzlich zweitrangig zu werden.
Ein letztes Problem. Es gibt nur eine sehr begrenzte Anzahl an adäquat weitergebildeten Mitarbeitern. Hiervon sind nur wenige erfahren in der ambulanten Palliativversorgung. Von diesen Wenigen steht nur ein Bruchteil dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. Wer soll die über 200 notwendigen Teams leiten, welche Pflegenden oder Ärzte sollen eigenverantwortlich draußen im flachen Land Entscheidungen treffen, die in vielen Kliniken nicht ohne Weiteres getroffen werden können? Ich behaupte, dass es fünf bis zehn Jahre dauern muss, um in Deutschland flächendeckend SAPV-Teams aufzubauen, die den Namen auch verdienen. Aber die Konkurrenz um die Sterbenden beginnt . . .
Thomas Sitte, Gerloser Weg 23 a, 36039 Fulda
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige