ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009Bildtexte/Textbilder: Siegfried Kischko – Aufbruch

KUNST + PSYCHE

Bildtexte/Textbilder: Siegfried Kischko – Aufbruch

Kraft, Hartmut

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Siegfried Kischko: Go to those (1967). Dispersionsfarbe auf Leinwand, 150 × 150 cm, rückseitig betitelt, signiert und datiert. Foto: Eberhard Hahne
Siegfried Kischko: Go to those (1967). Dispersionsfarbe auf Leinwand, 150 × 150 cm, rückseitig betitelt, signiert und datiert. Foto: Eberhard Hahne
Das Auge findet nur schwer einen Halt auf diesem Bild. Am ehesten kehrt es immer wieder zu einer Verdichtung im linken unteren Quadranten zurück, wo drei Kreise sich überlappen: ein gelbes Kreuz auf hellgrün, das Schachbrettmuster einer Startflagge und eine Art schematischer Darstellung einer Zellteilung. Rasch aber wird das Auge wieder zu den Bildrändern getrieben – und über die Bildgrenzen hinaus. Helle, sich verbreiternde Farbbahnen fließen über den Rand des Bildes hinweg. Sie sind vorzugsweise nach oben und rechts gerichtet, in eine Bildgegend, die – unserer Schreibrichtung entsprechend – mit der Zukunft assoziiert ist. Dort treffen die Farbbahnen auf Buchstaben oder gar Worte, deren Entzifferung uns Mühe bereitet. „Go to those“ lautet der Titel des Bildes, den der Künstler auf der Rückseite notiert hat. Kennen wir den Titel, so können wir diesen nun auch im Bild lesen, allerdings mit einer Verdoppelung des „Go“ und einem nur noch angeschnittenen „s“ des letzten Wortes. Erst auf den zweiten Blick sind am oberen Bildrand Teile von weiteren Buchstaben zu erkennen. Sie sind ebenso klar konturiert wie fragwürdig: Buchstaben, Pfeile, Kopfsilhouetten und plakative geometrische Formen erheischen Aufmerksamkeit, lassen sich in ihrer Bedeutung aber kaum entziffern. Je länger sich der Betrachter auf dieses Bild einlässt, desto mehr verdichtet sich der Eindruck, dass alles aus diesem Bild hinausdrängt. Die Pfeile, die Farbbänder, vor allem auch die Schrift – alles reißt uns aus dem angedeuteten Zentrum hinweg, als ob eine Startflagge sich gesenkt hätte. Es ist das Bild eines Aufbruchs, das zur Stimmung des Entstehungsjahres 1967 so gut passt wie die Farben, die seinerzeit Bilder, Kleidung und Häuserfassaden zierten. Siegfried Kischko gehörte zu den Künstlern, welche das Erscheinungsbild der 60er- und 70er-Jahre mit geprägt haben. Da er aber bereits 1991 starb, wurde er vom Aufbruch in das digitale Zeitalter nicht erfasst. Dabei erscheinen seine Bilder mit ihren klar konturierten, aber isoliert stehenden Elementen wie optimistische Vorfahren der heutigen, oft verwirrenden Informationsflut. Wir können uns ihr nicht entziehen: Go to those!
Hartmut Kraft

Biografie Siegfried Kischko
Geboren am 12. Juli 1934 in Rastenburg (heutiges Polen). Arbeitete als freischaffender Maler, Zeichner und vor allem auch Grafiker. Bekannt wurde er mit seinen zahlreichen Druckgrafiken, unter anderem für die edition tangente (Heidelberg), den Hake Verlag (Köln) und „Luchterhands Loseblatt Lyrik“ 1966–1970. Gestorben 1991 in Berlin.

Literatur
Borchers E, Grass G, Roehler K (Hrsg.): Luchterhands Loseblatt Lyrik. Hermann Luchterhand Verlag, Neuwied und Berlin 1966–1970 (Lieferungen 5, 7, 12, 19, 23, 26).
Kraft H: Vergessener Künstler. Deutsches Ärzteblatt für Psychologische Psychotherapeuten und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten, Heft 2/2008, S. 50.
Lippard LR: Pop Art. Droemer Knaur; München, Zürich 1968.
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema