ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009Elektronische Gesundheitskarte: Gute Nachrichten

POLITIK: Kommentar

Elektronische Gesundheitskarte: Gute Nachrichten

PP 8, Ausgabe August 2009, Seite 346

Stachwitz, Philipp

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von Dr. med. Philipp Stachwitz, Telematikexperte

Ab und an gibt’s ja auch mal gute Nachrichten. Sogar im Projekt elektronische Gesundheitskarte. Die Projektgesellschaft Gematik hat eine „Untersuchung zur Forderung nach Tests mit zusätzlichen dezentralen Speichermedien“ veröffentlicht. Die Studie geht zurück auf eine Forderung des Ärztetages 2008 in Ulm. Da nämlich war beschlossen worden, die Bundes­ärzte­kammer möge sich als Gesellschafter der Gematik dafür einsetzen, dass diese „in einer Testregion Tests mit der USB-Systematik durchführt“. Und nachdem sich erkennbar wenig getan hatte, wurde die Forderung an die Gematik, sich doch endlich mit „Alternativtechniken“ wie der Speicherung von Gesundheitsdaten auf USB-Sticks zu befassen, in diesem Jahr wiederholt.

In dem jetzt präsentierten Gutachten kommt die Gematik zu einem für die Kritiker der Gesundheitskarte möglicherweise unerwarteten Ergebnis: Sie empfiehlt, die Testung von Speichermedien in der Hand des Versicherten durchzuführen. Genutzt werden soll dazu allerdings kein USB-Stick, sondern vielmehr die – um Speicherplatz erweiterte – Gesundheitskarte selbst. Und dieser Speicherort soll jedem, dem die Speicherung seiner Daten auf „zentralen Servern“ nicht geheuer ist, „ alternativ und optional“ zur Verfügung stehen.

Freilich, „Stoppt die E-Card“ ist das nicht. Aber diejenigen, die unverdrossen diese Forderung erheben, müssen sich nun wirklich einmal fragen lassen, was denn eigentlich ihre Alternativen für eine sichere elektronische Kommunikation im Gesundheitswesen sind. Was soll kommen nach dem „Stopp“? Ärztliche Linux-Anwender, die den Kollegen in ihrer Freizeit helfen, über „vorhandene Netze“ mühsam Arztpraxen und Krankenhäuser sicher miteinander zu vernetzen, um Patientendaten vor dem Zugriff Dritter zu schützen? Wem gehören denn die „vorhandenen Netze“? Der Telekommunikations- und IT-Industrie natürlich.

Und glauben die, die einfach weiterhin nur „Stopp“ rufen, allen Ernstes, genau diese IT-Industrie würde nach dem Scheitern des Gesundheitskartenprojekts gutmütig zusehen wie ambitionierte Ärzte eine bessere, gleichberechtigte, demokratisch entwickelte Graswurzeltelematik für unser Gesundheitswesen aufbauen, und auch noch dabei mithelfen. Man verzeihe mir den Sarkasmus, aber „Big-IT“ wird in diesem Fall mit den Methoden von „Big-Pharma“ schon dafür sorgen, dass dann 95 Prozent der Kolleginnen und Kollegen mit dem arbeiten werden (müssen), was allein die Industrie ihnen anbietet. Und all das vollzieht sich dann weitgehend ohne technische Vorgaben oder rechtliche Rahmenbedingungen, bei denen Staat und Gesellschaft noch irgendein Wort mitreden werden.

So, wie heute schon im Südwesten der Republik zu besichtigen. Da nämlich wollen AOK, Hausärzteverband und die Firma ICW (Hauptaktionär SAP-Mitbegründer Dietmar Hopp) offenbar nicht länger warten. Sie machen längst ihr eigenes Telematikprojekt. Und das ganz selbstverständlich mit elektronischen Patientenakten auf zentralen Servern und ganz ohne einen USB-Stick.

Nein, es ist ohne Zweifel ein demokratischer Erfolg gerade auch von drei Ärztetagen, dass die Gematik jetzt die Testung dezentraler Speichermedien befürwortet. So wie im Deutschen Ärzteblatt im Dezember 2007 unter dem Titel „Fuchs statt Monster“ vorgeschlagen. Glaubt wirklich jemand, ein solcher Erfolg hätte in einem ausschließlich durch die Industrie gesteuerten Telematikprojekt erzielt werden können? Wohl kaum.
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