ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009ADHS: Bessere Versorgung

EDITORIAL

ADHS: Bessere Versorgung

Gieseke, Sunna

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LNSLNS Wenn Kinder das Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätssyndrom (ADHS) haben, kann dies nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die gesamte Familie zur Belastung werden. Es ist wichtig, ADHS frühzeitig zu erkennen und zu behandeln. Eine sorgfältige Diagnostik ist unbedingt erforderlich, denn auch ein falschpositives Untersuchungsergebnis kann erhebliche Auswirkungen auf die betroffenen Kinder und deren Eltern haben. Ein weiteres Problem in der Versorgung sind die beachtlichen Wartelisten. Oft dauert es viel zu lang, bis eine geeignete Behandlung begonnen werden kann.

Besonders bei ADHS kommt es immer wieder vor, dass ausschließlich Medikamente – ohne eine geeignete Psychotherapie – verschrieben werden. Psychotherapeuten fordern aus diesem Grund, dass bei der Abklärung der Indikation neben den Kinder- und Jugendpsychiatern auch die Meinung von Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) einbezogen wird. Erst kürzlich änderte nun das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfarM) mit Wirkung zum 1. September die Zulassung von Arzneimitteln mit dem Wirkstoff Methylphenidat (zum Beispiel Ritalin). Mit dem Bescheid vom 22. Juni setzte das BfArM eine Entscheidung der Europäischen Kommission um. Die dann gültigen Arzneimittelinformationen besagen, dass die Diagnosestellung des ADHS anhand der DSM-IV-Kriterien oder der Leitlinie der ICD-10 erfolgen und auf einer vollständigen Anamnese und Untersuchung des Patienten basieren sollte Methylphenidat im Rahmen einer therapeutischen multimodalen Gesamtstrategie dann indiziert ist, wenn sich andere therapeutische Maßnahmen allein als unzureichend erwiesen haben zudem die Entscheidung für eine Behandlung mit Methylphenidat auf einer sehr sorgfältigen Einschätzung der Schwere und Dauer der Symptome des Kindes beruhen muss die Behandlung unter Aufsicht eines Spezialisten für Verhaltensstörungen bei Kindern durchgeführt werden muss.

Die Behandlung mit Methylphenidat setze demnach die gesicherte, kriterienorientierte Diagnostik eines ADHS und eine entsprechende Schwere und Dauer voraus, so die Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK). Auch müssten zunächst andere Behandlungsversuche unternommen werden – zum Beispiel in Form einer Psychotherapie. Nach Ansicht der BPtK wurde damit ein wichtiger Beitrag in der Versorgung von ADHS-Patienten geschaffen. Man hofft, dass diese Entscheidung dabei helfen wird, die Über- und Fehlversorgung mit Methylphenidat bei Kindern und Jugendlichen abzubauen. Und das wäre in der Tat wünschenswert: Die Verordnungen des Wirkstoffs sind seit 1991 enorm gestiegen – allein zwischen 1995 und 2000 um das Zehnfache. Zudem sind Fehlverordnungen nicht selten, vor allem weil es besagte Mängel in der Diagnostik gibt. Auf der anderen Seite erhalten wiederum manche Kinder und Jugendliche, bei denen es notwendig wäre, keine medikamentöse Behandlung.

Gegen die langen Wartezeiten auf einen geeigneten Therapieplatz und die immer noch geringe Vernetzung zwischen Ärzten und KJP hilft aber auch die neue Regelung nicht. So bleibt die Versorgung von ADHS-Patienten weiterhin nicht gerade optimal.
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