ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009Migranten- und Flüchtlingsfamilien: Besondere Belastung

POLITIK

Migranten- und Flüchtlingsfamilien: Besondere Belastung

PP 8, Ausgabe August 2009, Seite 343

Gieseke, Sunna

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS Zahlreiche Familien mit Migrationshintergrund leben in Deutschland. Sprachbarrieren und Arbeitslosigkeit bringen ihre Familienstrukturen durcheinander – mit massiven Folgen für Eltern und Kinder.

Die Väter aus Migrations- oder Flüchtlingsfamilien leiden, wenn sie nicht arbeiten können oder dürfen. Dies kann zu einer psychischen Belastung für die ganze Familie werden. Foto: iStockphoto
Die Väter aus Migrations- oder Flüchtlingsfamilien leiden, wenn sie nicht arbeiten können oder dürfen. Dies kann zu einer psychischen Belastung für die ganze Familie werden. Foto: iStockphoto
Mehr als 15 Millionen Menschen haben in Deutschland einen Migrationshintergrund. „Das entspricht rund 20 Prozent der Bevölkerung“, sagt Dr. Haci Halil Uslucan, Privatdozent der Abteilung für Entwicklungspsychologie und Pädagogische Psychologie an der Universität Magdeburg, anlässlich der Präsentation des aktuellen Bandes aus der Reihe „Psychologie – Gesellschaft – Politik“ des Berufsverbandes Deutscher Psychologen (BDP) kürzlich in Berlin.

Der Titel der diesjährigen Ausgabe lautet „Familien in Deutschland – Beiträge aus familienpsychologischer Sicht“. Einen Schwerpunkt bildet dabei die Beschäftigung mit Migrations- und Flüchtlingsfamilien in Deutschland. „Bereits die Entstehung der Familien kann sich sehr unterscheiden“, betonte Uslucan. Deutsche wollen in der Regel eher erst eine ökonomische Basis schaffen, bevor sie Kinder bekommen. „Bei Migrationsfamilien haben statt- dessen Kinder eine enorme Bedeutung und kommen meist bereits in den ersten Ehejahren zur Welt“, sagte Uslucan. Es sei ein Irrtum, dass automatisch in der zweiten oder dritten Generation eine Angleichung der Lebensverhältnisse stattfinden würde. Familien mit Migrationshintergrund sollten zudem nicht immer auf Extreme reduziert werden: „Es gibt mehr als den Parteivorsitzenden der Grünen, Cem Özdemir, auf der einen und gewalttätige Schulabbrecher auf der anderen Seite“, betonte er.

Eltern und Kinder sind häufig mit der Situation überfordert
Ein Problem sei aber immer noch, dass viele Kinder der Migrations- oder Flüchtlingsfamilien bessere deutsche Sprachkenntnisse hätten als ihre Eltern. Das führe zu einem Ungleichgewicht in der Familie, erklärte der Psychologe. Kinder würden zu den „Eltern der Eltern“. Es seien vor allem niedrigschwellige Beratungsangebote notwendig. Besonders wichtig sei es, dass diese auch mündlich mitgeteilt werden.

Die Kinder seien häufig mit der Situation überfordert. Aber auch die Beziehung zwischen den Eltern und Kindern werde belastet und von Ohnmachtsgefühlen dominiert. Diese Erfahrung teilt Eva van Keuk, Psychologische Psychotherapeutin und Präsidiumsbeauftragte für Menschenrechte des BDP. Sie beobachtet dasselbe Phänomen bei Flüchtlingsfamilien. Diese seien einer extremen sozialen Ausgrenzung ausgesetzt. „Viele haben aber einen sehr hohen Bildungsstand“, sagte van Keuk. „Ihre Kinder haben in Deutschland aber häufig keinen Zugang zur Bildung.“ Zudem dürfe der Ernährer der Familie nicht arbeiten, was für die Väter eine hohe psychische Belastung darstelle. Darüber hinaus werde das Familiengefüge auch durch die Art der Unterbringung und soziale Ausgrenzung systematisch zerstört.

Viele Flüchtlinge kämen schon schwer traumatisiert nach Deutschland. Nicht selten seien sie als politisch Verfolgte Opfer von Folter geworden. Psychische Folter ersetze häufig physische Folter, da diese keine sichtbaren Spuren hinterlasse. Für die Opfer sei dies mindestens ebenso schmerzhaft. Daher sei eine Psychotherapie in diesen Fällen sehr sinnvoll, nur müsse man dafür die betroffenen Personen erst einmal erkennen. Diese seien häufig nicht in der Lage, ihre traumatischen Erlebnisse chronologisch korrekt wiederzugeben, was sich häufig negativ auf ihre Glaubwürdigkeit im Asylverfahren auswirke. „Auch für die Kinder ist es eine massive Belastung, wenn ein Elternteil traumatisiert ist“, so van Keuk. „Besonders dann, wenn die deutsche Gesellschaft diese Probleme nicht nachvollziehen kann.“
Sunna Gieseke
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema