ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009Psychische Belastungen: Kinder krebskranker Eltern werden häufig vergessen

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Psychische Belastungen: Kinder krebskranker Eltern werden häufig vergessen

Blaeser-Kiel, Gabriele

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Das Projekt „Psychosoziale Hilfen für Kinder krebskranker Eltern“ will erreichen, dass die psychologische Betreuung dieser Kinder ein fester Bestandteil der Versorgungsstruktur wird.

Erkrankt ein Kind in Deutschland an Krebs, ist es heute eine Selbstverständlichkeit, dass die von dieser lebensbedrohlichen Erkrankung mitbetroffenen Eltern in ihrer Erlebnisperspektive wahrgenommen und professionell psychologisch mitbetreut werden. Wenn jedoch ein Vater oder eine Mutter an Krebs erkrankt, bleiben die mitbetroffenen Kinder mit ihren Ängsten und Sorgen weitgehend allein.

Um diese Lücke zu schließen, hat die Deutsche Krebshilfe das Förderprogramm „Psychosoziale Hilfen für Kinder krebskranker Eltern“ eingerichtet und stellt dafür rund 2,8 Millionen Euro bereit. Wie die Präsidentin der Deutschen Krebshilfe, Prof. Dr. Dagmar Schipanski, betont, soll die Betreuung der Kinder in Zukunft ein integraler Bestandteil der Versorgungsstrukturen in Deutschland werden. „So könnte analog zum ‚stillfreundlichen Krankenhaus‘ eine ‚familienfreundliche Onkologie‘ entstehen.“

Für viele Kinder ist das eine bedrohliche Situation
Es sei erstaunlich, wie wenig die behandelnden Kollegen der erwachsenen Patienten über deren Familien wüssten, betonte Prof. Dr. med. Ulrike Lehmkuhl, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters an der Charité in Berlin. „Unsere selbstverständliche Hoffnung, dass es bestimmt in der Krankenakte des Patienten steht, ob er ein, zwei oder gar keine Kinder hat, löst manches Mal Ratlosigkeit aus. Die Onkologen sind meist so sehr mit den medizinisch-biologischen Faktoren beschäftigt, dass sie über solche Familiendetails eher zufällig Bescheid wissen.“

Schätzungsweise 200 000 Kinder und Jugendliche erleben in Deutschland jährlich, dass Vater oder Mutter an Krebs erkranken. Das ist für sie eine bedrohliche Situation, die sie zumeist nicht verstehen, über die sich aber auch nicht zu sprechen trauen. Auf der anderen Seite fürchten sich auch viele Eltern davor, ihr Kind mit der Realität einer ernsten Krankheit zu konfrontieren. Unzureichend informierte Kinder zögen aber möglicherweise falsche Schlüsse aus ihren Beobachtungen, sagte Privatdozent Dr. med. Georg Romer, kommissarischer Direktor der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Und das löst häufig noch mehr Angst aus.“

Die Sprachlosigkeit muss überwunden werden
Viele dieser Kinder ziehen sich aus ihrem sozialen Umfeld zurück oder werden psychisch auffällig (Kasten). Um diese Sprachlosigkeit zwischen Eltern und Kindern zu überwinden, bedarf es professioneller Hilfe. Flächendeckende Angebote für eine solche – präventive – Betreuung von Familien mit einem krebskranken Elternteil fehlen in Deutschland jedoch.

Fünf universitäre Zentren, in denen Kinder- und Jugendpsychiater bereits eng mit Onkologen und Psychoonkologen kooperieren, haben sich nun in Rahmen des Projekts zu einem interdisziplinären Forschungsverbund zusammengeschlossen. Beteiligt sind unter Federführung des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) die Charité-Universitätsmedizin in Berlin sowie die Universitätskliniken Heidelberg, Leipzig und Magdeburg. Innerhalb der zunächst auf drei Jahre angelegten ersten Projektphase sollen Praxisleitlinien für eine qualitätsgesicherte psychosoziale Versorgung von Kindern krebskranker Eltern erarbeitet werden. Dafür wollen die am Projekt beteiligten Forscher diagnostische Methoden entwickeln. Mit diesen soll dann beobachtet werden, welche Begleitfaktoren und Konstellationen ausschlaggebend dafür sind, wann Kinder mit Belastungssymptomen reagieren und wann Kinder vielleicht weniger Unterstützung brauchen, weil ihre familiäre Situation stabiler ist. Langfristig sollen auch Fort- und Weiterbildungsangebote für Berater und Therapeuten geschaffen werden, um dann Versorgungsangebote in ganz Deutschland vorhalten zu können.

Parallel dazu wird ein am UKE – im Rahmen der seit zehn Jahren bestehenden Beratungsstellen „Kinder körperlich kranker Eltern“ – entwickeltes Beratungskonzept (Hamburger COSIP-Konzept*) auch an den vier anderen Standorten implementiert, um es dort zu evaluieren und gegebenenfalls modifizieren. Durch den wissenschaftlichen Nachweis präventiver Wirksamkeit dieser Intervention hofft man die Grundlage dafür zu schaffen, dass qualitätsgesicherte psychosoziale Hilfen für Kinder krebskranker Eltern künftig in die Leitlinienstandards einer familienorientierten Patientenversorgung aufgenommen werden.

Gabriele Blaeser-Kiel
Medizinjournalistin
Pappelwisch 7, 22415 Hamburg
Telefon: 0 40/2 70 62 20
Fax: 0 40/2 71 30 48
E-Mail: gabriele.kiel@t-online.de

*COSIP = Children of Somatically Ill Parents


RISIKOFAKTOR
Disfunktionalität familiärer Beziehungsgestaltung

Das Projekt „Psychosoziale Hilfen für Kinder krebskranker Eltern“ knüpft wissenschaftlich an die ebenfalls am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE) koordinierte und von der EU mit 2,2 Millionen Euro geförderte multizentrische Verbundstudie „Children of Somatically Ill Parents“ (COSIP) an. Beteiligt waren in den Jahren 2002 bis 2005 Partnerzentren aus acht europäischen Ländern. Dabei ergab sich als länderübergreifender Trend, dass etwa ein Drittel der Kinder mit einem ernsthaft kranken Elternteil psychische Auffälligkeiten zeigt.

An der Hamburger COSIP-Studie haben 86 Familien teilgenommen. Davon waren in 63 Prozent der Fälle Vater oder Mutter an Krebs erkrankt. Es wurde festgestellt, dass sowohl im Elternurteil (Child Behaviour Checklist) als auch im – ab dem elften Lebensjahr erhobenen – Selbsturteil der Kinder (Youth Self Report) die Häufigkeit psychischer Symptombildungen mit 31 Prozent beziehungsweise 34 Prozent etwa doppelt so hoch war wie in einer Normstichprobe (jeweils 16 Prozent). Die mit Abstand häufigsten Störungen waren in allen Altersgruppen (vier bis 17 Jahre) ängstlich-depressive Zustände und somatisierende Beschwerden.

Es konnte keinerlei Einfluss von objektiven medizinischen Parametern wie Dauer, Schweregrad oder Prognose der elterlichen Erkrankung auf die psychosoziale Situation der Kinder nachgewiesen werden. Kinder mit einem an Krebs erkrankten Elternteil entwickelten in höherem Maße psychopathologische Symptome und hatten eine stärker beeinträchtigte gesundheitsbezogene Lebensqualität als Kinder mit einem an multipler Sklerose erkrankten Elternteil.

Besonders ungünstig auf die psychische Entwicklung der Kinder hat sich dagegen eine depressive Verarbeitung der Situation vonseiten der Eltern ausgewirkt. Das galt vor allem dann, wenn eine kranke Mutter oder der gesunde Elternteil hiervon betroffen war. Als weiterer Risikofaktor hat sich eine dysfunktionale affektive Beziehungsgestaltung unter den Familienmitgliedern herauskristallisiert (Romer G: Prax Kinderpsychol Kinderpsychiat 2007; 56: 870–90).

„Für uns als Kinderpsychotherapeuten, Psychiater und Familientherapeuten sind diese Erkenntnisse sehr ermutigend“, kommentierte Romer. „Denn was den Umgang mit Gefühlen in der Familie angeht, können wir etwas anbieten und positiven Einfluss nehmen. Ein weiteres Ergebnis von COSIP war, dass die Erfahrung von Eltern, sich durch unsere Beratung im Umgang mit ihren Kindern sicherer zu fühlen, sehr dazu beigetragen hat, auch bei ihnen eine depressive Krankheitsverarbeitung positiv zu beeinflussen – ganz besonders bei den Müttern.“
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