ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009Patientenübergriffe: Jeder kann Opfer werden

WISSENSCHAFT

Patientenübergriffe: Jeder kann Opfer werden

PP 8, Ausgabe August 2009, Seite 363

Sonnenmoser, Marion

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Einige Patienten überschreiten Grenzen: Sie verfolgen oder bedrohen ihren Psychotherapeuten. Foto: iStockphoto
Einige Patienten überschreiten Grenzen: Sie verfolgen oder bedrohen ihren Psychotherapeuten. Foto: iStockphoto
Psychotherapeuten können von ihren Patienten bedroht, verfolgt und belästigt werden – das geht keinesfalls spurlos an ihnen vorbei. Einige entwickeln sogar eine posttraumatische Belastungsstörung.

Psychologe, Psychotherapeut oder Psychiater sind keine gefährlichen Berufe – von einigen Ausnahmen abgesehen. Der Umgang mit Patienten birgt nämlich so manche Risiken. Das geht zum Beispiel aus einer Studie hervor, die von klinischen Psychologen an der kalifornischen Pepperdine University durchgeführt worden ist. Die Wissenschaftler befragten 154 weibliche und 140 männliche Psychologen, die in der eigenen Praxis oder in Kliniken tätig waren. 30 Befragte waren schon einmal von Patienten verfolgt, bedroht und belästigt worden („stalking“, siehe Kasten), vier davon mehrmals. Unter den Opfern waren 13 Frauen und 17 Männer. Die Suche nach persönlichen und beruflichen Gemeinsamkeiten der Opfer, wie etwa Alter, Familienstand, Qualifikation oder theoretische Orientierung, blieb erfolglos, was bedeutet, dass es praktisch jeden Psychologen treffen konnte.

Auch ein Profil des „typischen Täters“ konnte nicht erstellt werden, dennoch waren einige Gemeinsamkeiten festzustellen. Von den 23 weiblichen und elf männlichen Stalkern lebten fast alle allein oder waren geschieden und hatten in der Vergangenheit mindestens ein stark belastendes Ereignis (zum Beispiel Trennung, Verlust oder Todesfall) durchlebt. 21 litten unter affektiven Störungen, 26 wiesen zudem eine Persönlichkeitsstörung auf, 22 davon eine Borderline-Persönlichkeitsstörung. 79 Prozent hatten in der Kindheit schlechte Erfahrungen mit ihren Bezugspersonen gemacht, was zu Bindungsstörungen geführt haben könnte. Darüber hinaus waren 68 Prozent als Kinder emotional, körperlich oder sexuell miss-braucht und misshandelt worden.

Viele Betroffene reagieren ängstlich oder verärgert
Von den Nachstellungen blieb kein Psychologe unberührt. Drei Viertel berichteten, dass sie Angst hatten oder verärgert waren. Knapp die Hälfte litt unter Schlafstörungen. Die Stalkingerfahrung machte fast alle Befragten vorsichtiger und misstrauischer. Beispielsweise prüften sie bei neuen Patienten, ob diese in ihrem Denken oder Verhalten zum Stalking neigten. Sie installierten in ihrer Praxis eine Alarmanlage und bewaffneten sich mit Pfefferspray. Außerdem entfernten sie ihre privaten Adressen und Telefonnummern aus offiziellen Registern und Telefonbüchern.

Manche Stalkingopfer entwickeln sogar ernsthafte Störungen. Zu diesem Ergebnis kam eine Studie, die Psychiater um Dr. Alexandra Krammer an der Medizinischen Universität Graz durchgeführt haben. Sie befragten 117 Psychiater aus dem klinischen, institutionellen oder niedergelassenen Bereich, klinische Psychologen, die in einer psychiatrischen Klinik beschäftigt waren, sowie Psychotherapeuten, die in die Betreuung psychiatrisch Kranker in psychosozialen Diensten eingebunden waren. 45 Befragte (38 Prozent) hatten schon einmal Stalking erlebt, wobei Personen ab 43 Jahren und Männer häufiger betroffen waren. Ansonsten gab es keine auffälligen Gemeinsamkeiten zwischen den Opfern. „Die Studie zeigt, dass Psychiater, Psychotherapeuten und Psychologen einem hohen Risiko ausgesetzt sind, Opfer von Stalking zu werden“, so Krammer und Kollegen. Das mag unter anderem am intensiven Kontakt zu Personen mit gestörten Beziehungsmustern liegen. So können therapeutische Zugewandtheit und Empathie von entsprechenden Patienten leicht als romantisches Interesse fehlgedeutet werden. Prädisponierend mag auch die Vertrauensstellung des Arztes im Patientenkontakt sein. Eine enge therapeutische Bindung und gegebenenfalls Phänomene einer idealisierenden Übertragung leisten der Bereitschaft zu Stalking vor allem dann Vorschub, wenn die Patienten häufiges Versagen in sozialen Situationen, Verluste, Bindungsunsicherheit und Mangel an anderen Bezugspersonen kennen, wie es bei Patienten der Psychotherapie und Psychiatrie gehäuft vorkommt.

Über die Täter ist zu erfahren, dass 60 Prozent weiblich waren. Dieser hohe Frauenanteil ist unüblich, außer wenn eine Erotomanie nach de Clérambault vorliegt; für diese auch als „Liebeswahn“ bezeichnete Störung ist typisch, dass die überwiegend weiblichen Täter überzeugt davon sind, vom Opfer geliebt zu werden. Zwei Drittel der Täter bedrohten und belästigten ihre Opfer verbal und verfolgten sie. In 15 Prozent kam es zu sexuell motivierten Übergriffen, in 13 Prozent zu tätlichen Übergriffen und Handgreiflichkeiten, und in zwei Prozent zur Körperverletzung. In einigen Fällen wurden auch Kollegen und Familienmitglieder der Opfer in das Stalking einbezogen. Die Täter litten hauptsächlich unter schizophrenen, schizotypen und wahnhaften Störungen (42 Prozent) oder an Persönlichkeits- und Verhaltensstörungen (30 Prozent). Affektive Störungen (zwölf Prozent), neurotische Belastungs- und somatoforme Störungen (neun Prozent) sowie Störungen aufgrund psychotroper Substanzen (fünf Prozent) waren hingegen deutlich seltener vertreten. Diese Angaben erlauben allerdings keine Rückschlüsse auf eine Koinzidenz von Stalkingverhalten und psychiatrischen Störungen. Jedes zweite Stalkingopfer empfand Angst und wies Symptome einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) auf. 33 Prozent der Opfer waren leicht, sieben Prozent mäßig und vier Prozent schwer von PTBS-Symptomen betroffen.

Darüber hinaus können auch körperliche Attacken („Patientenübergriffe“, siehe Kasten) sehr belastend sein und zu PTBS führen. Das zeigen zwei Studien, an der insgesamt 134 Mitarbeiter psychiatrischer Einrichtungen in Westfalen und im Rheinland teilnahmen, die von Patienten angegriffen worden waren.

Die meisten Körperschäden waren leicht; 15 Prozent der Befragten der ersten Studie (zweite Studie: 28 Prozent) gaben jedoch schwere Körperschäden an wie zum Beispiel Bewusstlosigkeit, Knochenbrüche und tiefe Schnittverletzungen. Jeder zweite Betroffene musste sich anschließend in ärztliche Behandlung begeben, und jeder vierte trat eine Psychotherapie an. Neben den körperlichen Schäden litten die Betroffenen in den ersten Wochen nach den Patientenübergriffen zusätzlich an Übervorsichtigkeit, Flashbacks, quälenden Erinnerungen, Schlaf- und Konzentrationsproblemen und Reizbarkeit. 17 Prozent zeigten in den ersten Wochen nach den Übergriffen das Vollbild einer PTBS, 32 Prozent eine partielle PTBS. In den folgenden Monaten sank ihr Anteil auf elf Prozent. Nach eineinhalb Jahren konnte nur noch bei drei Prozent das Vollbild einer PTBS festgestellt werden. Diese Entwicklung zeigte, dass PTBS-Symptome infolge von Patientenübergriffen mit der Zeit von allein zurückgingen, allerdings nicht bei allen Betroffenen. Daher fordert Studienleiter Dr. Dirk Richter von der Berner Fachhochschule: „Einrichtungen, in denen solche Vorfälle geschehen, müssen eine adäquate Nachsorge für die betroffenen Mitarbeiter organisieren.“ Mit dieser Forderung ist er nicht allein. Auch andere Autoren weisen darauf hin, dass Psychologen, Psychotherapeuten und Psychiater während der Ausbildung in der Regel nicht auf die Gefahren durch Stalking und Patientenübergriffe hingewiesen werden. Sie empfehlen, dass Institutionen und Ausbildungsinstitute ihre Absolventen ermutigen und unterweisen sollten, Vorsichtsmaßnahmen zu ergreifen und Trainings zu absolvieren, um zu lernen, adäquat mit Stalkern und aggressiven Patienten umzugehen und sich effizient zu wehren.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

Kontakt:
Dr. Alexandra Krammer, Universitätsklinik für Psychiatrie, Medizinische Universität Graz, Auenbruggerplatz 31, A-8010 Graz, E-Mail: Alexandra.
Krammer@klinikum-graz.at
Priv.-Doz. Dr. Dirk Richter, Berner Fachhochschule, Fachbereich Gesundheit, Murtenstraße 10, CH-3008 Bern, E-Mail: dirk.richter@bfh.ch


STALKING
Als Stalking (aus dem Englischen „to stalk“: heranpirschen, verfolgen) werden pathologische Verhaltensweisen bezeichnet, die sich durch wiederholtes Kontaktieren, Beobachten, Bedrohen, Belästigen und Verfolgen eines Opfers auszeichnen.

Patientenübergriffe sind offensichtlich aggressiv motivierte Akte mit Körperkontakt gegenüber Mitarbeitern. Sie erfolgen oft in den Morgenstunden oder um Mitternacht. Meistens gehen ihnen Konflikte (zum Beispiel wegen Essenreichen, Körperpflege, Medikamentenverabreichung, Verweigerung eines Wunsches), auffällige emotionale Zustände (zum Beispiel Erregung, unkooperatives Verhalten, Gespanntheit) und körperliche Signale (zum Beispiel Drohgebärden, geringe Körperdistanz) voraus.
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1.
Borski I: Mediziner im Visier von Stalkern. In: Hoffmann J, Voss H-G:. Psychologie des Stalking. Grundlagen, Forschung, Anwendung. Frankfurt am Main: Verlag für Polizeiwissenschaft 2006: 143–57.
2.
Borski I, Kamleiter M, Nedopil N: Psychiater als Opfer von Stalking. Der Nervenarzt 2005; 76(3): 331–4. MEDLINE
3.
Dinkelmeyer A, Johnson M: Stalking: Psychotherapists at risk. NYS Psychologist 2003; 15(3): 15–8.
4.
Gentile S, Asamen J, Harmell P, Weathers R: The stalking of psychologists by their clients. Professional Psychology: Research and Practice 2002; 33(5): 490–4.
5.
Hudson-Allez G: The stalking of psychotherapists by current or former clients: Beware of the insecurely attached! Psychodynamic Practice: Individuals, Groups and Organizations 2006; 12(3): 249–60.
6.
Krammer A, Stepan A, Baranyi A, Kapfhammer H-P, Rothenhäusler H-B: Auswirkung von Stalking auf Psychiater, Psychotherapeuten und Psychologen. Häufigkeit von Stalking und dessen emotionale Folgen. Der Nervenarzt 2007; 78(7): 809–17. MEDLINE
7.
Richter D: Patientenübergriffe – Psychische Folgen für Mitarbeiter. Bonn: Psychiatrie-Verlag 2007.
8.
Richter D, Berger K: Patientenübergriffe auf Mitarbeiter. Eine prospektive Untersuchung der Häufigkeit, Situationen und Folgen. Der Nervenarzt 2001; 72(9): 693–9.
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Richter D, Berger K: Psychische Folgen von Patientenübergriffen auf Mitarbeiter. Nervenarzt 2009; 80(1): 68–73.
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