ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009Mobiltelefonabhängigkei: Nicht ohne mein Handy!

WISSENSCHAFT

Mobiltelefonabhängigkei: Nicht ohne mein Handy!

Sonnenmoser, Marion

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LNSLNS Für viele ist das Handy aus dem Alltag nicht mehr wegzudenken. Allerdings gibt es auch hier – genau wie bei anderen modernen Medien – die Gefahr einer missbräuchlichen Nutzung.

Fast jeder hat heute ein Handy. Besonders die jüngeren Generationen können sich ihr Leben ohne ein Handy kaum vorstellen. Eine Umfrage unter australischen Jugendlichen zeigt, dass das Handy für die Kommunikation mit anderen und für das Selbstbild eine zentrale Rolle spielt. Viele Jugendliche identifizieren sich stark mit ihrem Handy und benutzen es, um der Persönlichkeit Ausdruck zu verleihen (zum Beispiel durch individuelle Verzierung des Handys oder durch häufiges Wechseln des Klingeltons) und um sich von den Eltern abzugrenzen. Einige betrachten es als Modeaccessoire, andere (scherzhaft) sogar als eine Art „Körperteil“. Dies alles liegt meistens noch im Bereich des Normalen und Üblichen.

Manchmal geht die Beschäftigung mit dem Handy allerdings zu weit, etwa wenn die monatliche Telefonrechnung das Taschengeld oder Einkommen regelmäßig übersteigt oder wenn das Handy in verbotener oder gefährlicher Weise genutzt wird. Bedenklich wird es auch, wenn sämtliche Beziehungen nur noch per Handy abgewickelt werden, wenn der Gebrauch nicht mehr kontrolliert werden kann und sich alles ausschließlich um das Handy dreht. Ein US-amerikanischer Psychologe hat außerdem eine Sinnestäuschung entdeckt, die sich einstellt, wenn das Handy zu oft benutzt wird: das sogenannte Phantomklingeln. Zwei Drittel der exzessiven Handy-Nutzer hören immer mal wieder ihr Handy klingeln, obwohl das Gerät nicht aktiviert wurde. Als weitere Symptome gelten der nutzlose Gebrauch des Handys, das ständige Überprüfen von Anrufbeantworter, SMS-Eingang und Mailbox sowie die Emotionsregulation per Handy, zum Beispiel Anrufen oder SMS-Schreiben, um Langeweile zu vertreiben oder nach Kontakt, Unterhaltung und Nervenkitzel zu suchen. In solchen Fällen sprechen Wissenschaftler von „problematischer Handy-Nutzung“, „Mobiltelefonabhängigkeit“ oder „Medienabhängigkeit“. Der nahe liegende Begriff „Handy-Sucht“ wird zurückhaltend gebraucht, da problematische beziehungsweise pathologische Handy-Nutzung zwar Symptome einer Sucht aufweist, als eigenständige Suchtform jedoch (noch) nicht offiziell anerkannt ist.

Eine SMS zu tippen, wird zu einem inneren Zwang
Immer mehr Studien geben Einblick in die problematische Handy-Nutzung. Eine Umfrage unter japanischen Krankenschwesterschülerinnen belegte einen engen Zusammenhang zwischen problematischer Handy-Nutzung, erhöhter Extraversion, ausgeprägtem Neurotizismus, vermindertem Selbstwertgefühl und einem ungesunden Lebensstil. Letzteres bestätigten Sozialmediziner der Universität Osaka. Sie untersuchten junge Männer, die ihr Handy exzessiv nutzten. „Die Männer achteten wenig auf ihre Gesundheit und waren starke Raucher“, so die Wissenschaftler. Von einer Komorbidität zwischen problematischer Handy-Nutzung und Nikotinsucht kann daher ausgegangen werden. Das gilt ebenso für die Internetsucht. Psychiater aus Korea stellten fest, dass Jugendliche, die sich stark mit dem Handy identifizierten und es exzessiv nutzten, auch extrem viel im Internet surften. Komorbiditäten bestehen außerdem mit depressiven Symptomen, sozialen Ängsten, und Impulskontrollstörungen. Neuropsychologen der Universität Genf fanden heraus, dass exzessive Handy-Nutzer den Impuls, das Handy hervorzuziehen und SMS zu tippen oder eine Nummer zu wählen, kaum steuern können, weil sie inneren Zwang verspüren.

Gleich mehrere Studien beschäftigten sich mit dem Unterschied zwischen Personen, die das Handy vorwiegend zum Telefonieren nutzen und nur selten SMS schreiben („Talker“) und Personen, die hauptsächlich SMS schreiben und nur im Notfall telefonieren („Texter“). Texter setzen SMS ein, um sich zu zerstreuen und abzulenken, um Langeweile und Einsamkeit zu bekämpfen und um unangenehme Aktivitäten zu vermeiden. Sie fallen vor allem durch ihre Aversion gegen das Telefonieren, Speicherung vieler Kontaktlisten, starke Eingangs- und Ausgangsfrequenz von SMS und hohe Telefonrechnungen durch SMS auf. Hinzu kommen Probleme beim Kommunizieren und im Umgang mit anderen. Extreme Texter kommunizieren fast ausschließlich per SMS, weil sie unter sozialen Ängsten und einem vermindertem Selbstwertgefühl leiden und es ihnen schwerfällt, ihre Gefühle verbal auszudrücken und sich selbst zu präsentieren; sie „verstecken“ sich lieber hinter ihren Textbotschaften. Nur per SMS ist es ihnen überhaupt möglich, soziale Kontakte aufrechtzuerhalten. Sowohl Texter als auch Talker sind überzeugt, dass es ihnen per Handy besser gelingt, soziale Beziehungen mit anderen zu pflegen und zu kontrollieren. Viele finden den Austausch per Handy angenehmer als persönliche Begegnungen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser
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1.
Bianchi A, Phillips J: Psychological predictors of problem mobile phone use. CyberPsychology & Behavior 2005(1): 39–51. MEDLINE
2.
Ezoe S et al: Relationships of personality and lifestyle with mobile phone dependence among female nursing students. Social Behavior and Personality 2009; 37(2): 231–8.
3.
Ha JH et al: Characteristics of excessive cellular phone use in Korean adolescents. CyberPsychology & Behavior 2008; 11(6): 783–4. MEDLINE
1. Bianchi A, Phillips J: Psychological predictors of problem mobile phone use. CyberPsychology & Behavior 2005(1): 39–51. MEDLINE
2. Ezoe S et al: Relationships of personality and lifestyle with mobile phone dependence among female nursing students. Social Behavior and Personality 2009; 37(2): 231–8.
3. Ha JH et al: Characteristics of excessive cellular phone use in Korean adolescents. CyberPsychology & Behavior 2008; 11(6): 783–4. MEDLINE

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