ArchivDeutsches Ärzteblatt PP8/2009Psychoanalyse: Vielfältiger Zugang zu Therapieansätzen

BÜCHER

Psychoanalyse: Vielfältiger Zugang zu Therapieansätzen

PP 8, Ausgabe August 2009, Seite 370

Kattermann, Vera

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Die niederfrequente psychoanalytische Psychotherapie ist weltweit unter den psychoanalytischen Verfahren die am häufigsten angewandte Methode. Umso überraschender, dass sie in der wissenschaftlichen Diskussion bislang relativ wenig Beachtung gefunden hat – möglicherweise ist dies eine historische Folge von Freuds implizit entwertender Auffassung, man müsse „das reine Gold der Psychoanalyse“ zur Massenanwendung wohl mit dem Kupfer der Suggestion legieren. Die Kontroverse um die Frage nach einer Begrenzung und Straffung der Behandlungen wird in psychoanalytischen Fachkreisen bis heute ausgetragen – zugleich aber muss sich das psychoanalytische Vorgehen spätestens seit der Finanzierung durch die Krankenkassen dieser Frage im Behandlungsalltag stellen. Der von Dreyer und Schmidt herausgegebene Sammelband kann diese Kontroverse um einen erfreulich unaufgeregten, dabei aber theoretisch vielfältigen und gut fundierten Zugang bereichern. Der bisherigen wissenschaftlichen Vernachlässigung und Entwertung niederfrequenter Behandlungen wird damit überzeugend entgegengetreten. Das Buch zeigt die Bandbreite bestehender niederfrequenter Therapiezugänge auf und ermöglicht dem Leser damit nicht nur einen umfassenden Überblick über den aktuellen „State of the Art“, sondern auch einen vertiefenden Zugang zu spezifischen behandlungsrelevanten Fragestellungen. Als besondere Herausforderung werden zum Beispiel die psychodynamischen und behandlungstechnischen Folgen der zeitlichen Begrenzung diskutiert, die zwischen zehn Sitzungen Kurzzeittherapie bis hin zu modifizierten analytischen Behandlungen von 300 Stunden umfassen kann. Eine besondere Stärke des Buches ist, dass Vertreter verschiedener psychoanalytischer Schulen zu Wort kommen. Eine weitere Stärke sind die Artikel zu verschiedenen manualbasierten Behandlungszugängen wie die übertragungsfokussierte Psychotherapie der Arbeitsgruppe um Otto Kernberg oder die mentalisierungsbasierte Psychotherapie. Der Leser kann die Praxistauglichkeit verschiedener Therapieansätze überprüfen.

Das Buch klammert eine präzisere Differenzierung zwischen psychoanalytischen und tiefenpsychologisch fundierten Verständniszugängen aus – hier scheint es die aktuellen Ansätze einer klar abgegrenzten Standortbestimmung der tiefenpsychologisch fundierten Therapie eher zu übergehen. Trotzdem ist es eine willkommene Bereicherung für jeden Praxisbücherschrank. Vera Kattermann

Karl-Albrecht Dreyer, Manfred G. Schmidt (Hrsg.): Niederfrequente psychoanalytische Psychotherapie. Theorie. Technik, Therapie. Klett-Cotta, Stuttgart 2008, 286 Seiten, gebunden, 34,90 Euro
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema