ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009Gesundheitsreport 2009: Ärzte blicken pessimistisch in die Zukunft

POLITIK

Gesundheitsreport 2009: Ärzte blicken pessimistisch in die Zukunft

Dtsch Arztebl 2009; 106(33): A-1595 / B-1371 / C-1339

Schmitt-Sausen, Nora

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LNSLNS Das Hin und Her in der Gesundheitspolitik hat Misstrauen erzeugt.
Eine Allensbach-Umfrage zeigt, dass Ärzte wie Versicherte um die Qualität
der Versorgung fürchten. Und: Um den Arztberuf ist es schlecht bestellt.
Dr. med. Frank Ulrich Montgomery kann sich bestätigt fühlen. Die Ergebnisse des 4. MLP-Gesundheitsreports spiegeln wider, dass in Deutschland Skepsis über die Zukunft der medizinischen Versorgung herrscht – bei Ärzten wie Patienten gleichermaßen. „Das ist das Ergebnis einer fehlgeschlagenen Politik der letzten Jahre“, kommentierte der Vizepräsident der Bundes­ärzte­kammer bei der Präsentation des vom Finanz- und Vermögensberater MLP in Auftrag gegebenen Reports Anfang August in Berlin.

Der Studie zufolge sehen 65 Prozent der Bürger und 81 Prozent der Ärzte Bedarf für eine umfassende Reform des Gesundheitswesens. Allerdings glauben nur wenige, dass die Politik in der Lage ist, Korrekturen zeitnah umzusetzen. Jeweils 79 Prozent zweifeln sogar daran, dass es der Politik längerfristig gelingt, eine gute Versorgung für alle sicherzustellen. Mediziner wie Patienten beklagen eine Verschlechterung in der Versorgung – und fürchten weitere Einschnitte.

Wohin geht die Reise? Deutschlands Ärzte prognostizieren ihrem Berufsstand eine schwierige Zukunft. Nur noch wenige legen dem Nachwuchs den Beruf ans Herz. Foto: vario images
Wohin geht die Reise? Deutschlands Ärzte prognostizieren ihrem Berufsstand eine schwierige Zukunft. Nur noch wenige legen dem Nachwuchs den Beruf ans Herz. Foto: vario images
Zwar bezeichnen 61 Prozent der Niedergelassenen und 85 Prozent der Krankenhausärzte ihre wirtschaftliche Lage aktuell als „gut“ oder „sehr gut“, doch viele Niedergelassene erwarten eine Verschlechterung; 86 Prozent der Niedergelassenen erbringen regelmäßig nach eigenen Angaben Leistungen, deren Kosten nicht übernommen werden. 77 Prozent der Mediziner sehen wegen des steigenden Kostendrucks ihre Therapiefreiheit bedroht.

Die Studie unterstreicht: Besonders bei den Ärzten sind Unzufriedenheit und Misstrauen groß. „Die Ärzteschaft ist momentan außerordentlich negativ gestimmt, das zeigen viele Indikatoren“, sagte Prof. Dr. Renate Köcher vom Institut für Demoskopie Allensbach. Die verschlechterte Stimmungslage zeige sich besonders deutlich mit Blick auf die Attraktivität des Arztberufs: Mehr als die Hälfte aller befragten Ärzte würde von einer Niederlassung abraten. Dies sei ein alarmierendes Signal, urteilte Köcher.

Auch Montgomery sieht gerade hierin schlechte Vorzeichen für die Zukunft des Berufs: „Motivierte Ärzte sind ein entscheidender Punkt für die Zukunft. Wenn die Ärzte keine Perspektive mehr sehen, ist das ein absolutes Alarmzeichen.“

Die von der Bundes­ärzte­kammer unterstützte Allensbach-Erhebung zeigt zudem, dass aufgrund der Unzufriedenheit das Abwandern von Ärzten ins Ausland droht; für 43 Prozent ist eine Auslandstätigkeit eine ernsthafte Alternative zum Arbeiten in Deutschland. Besonders hoch ist die Bereitschaft bei Krankenhausärzten und Jungmedizinern.

Ein weiterer Faktor zeigt das Dilemma deutlich: Fast jeder zweite Niedergelassene hat in den vergangenen Jahren schon einmal darüber nachgedacht, seine Praxis aufzugeben; für 28 Prozent von ihnen stellt sich diese Frage sogar aktuell.

Mehrheit denkt über Ausstieg aus Kassenarztsystem nach
Als Reaktion um das Gezerre im Gesundheitswesen denken viele Ärzte über einen Ausstieg aus dem Kassenarztsystem nach: 59 Prozent der Niedergelassenen haben einen solchen Schritt schon in Erwägung gezogen.

Um ihrem Ärger Luft zu machen, fallen Protestaktionen bei den Ärzten der Umfrage zufolge auf fruchtbaren Boden. 54 Prozent der Niedergelassenen zeigen für Proteste Verständnis, 31 Prozent haben sogar selbst schon ihre Praxis bei Protestaktionen geschlossen. Die Klinikärzte zeigen sich in dieser Hinsicht mit den Kollegen solidarisch: 79 Prozent bringen Verständnis für Protestaktionen und Praxisschließungen auf.

Insgesamt fällt der Blick der Ärzteschaft auf die Zukunft des Berufstands düster aus: 67 Prozent der Mediziner prognostizieren einen Ärztemangel in ihrer Region.
Nora Schmitt-Sausen
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