ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009Hochschulmedizin: „Die Einbrüche werden kommen“

POLITIK

Hochschulmedizin: „Die Einbrüche werden kommen“

Richter-Kuhlmann, Eva

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Erwartet Privatisierungen von Unikliniken: VUD-Vorsitzender Prof. Dr. med. Jörg Rüdiger Siewert Foto: Elke Jung-Wolff, Berlin
Erwartet Privatisierungen von Unikliniken: VUD-Vorsitzender Prof. Dr. med. Jörg Rüdiger Siewert Foto: Elke Jung-Wolff, Berlin
Die Auswirkungen der Wirtschaftskrise standen im Fokus des diesjährigen Innovationskongresses. Aber auch das Verhältnis zu den außeruniversitären Forschungseinrichtungen bereitet Sorge.

Zukunftssorgen bewegen derzeit die deutsche Hochschulmedizin: Wirtschaftskrise, Föderalismusreform und der Aufbau einer staatlichen Programmförderung gehören zu den Stichworten, die den Blutdruck einiger Teilnehmer des V. Innovationskongresses der deutschen Hochschulmedizin Anfang Juli in Berlin in die Höhe trieben.

Auch der Vorsitzende des Verbandes der Universitätsklinika Deutschlands (VUD), Prof. Dr. med. Jörg Rüdiger Siewert, schaut angesichts der Wirtschaftskrise sorgenvoll in die Zukunft. „Die Hochschulmedizin ist bei den laufenden Zuschüssen und den Investitionen von der Lage der öffentlichen Haushalte abhängig. Hier sind Einbrüche zu erwarten, wie wir sie noch nie seit dem Zweiten Weltkrieg in der Bundesrepublik erlebt haben“, prophezeite er. „Nach dem warmen Regen des Konjunkturprogramms erwarten wir eine Eiszeit.“ Von der Politik erhofft sich Siewert Rückendeckung und ein „klares Bekenntnis zur universitären Medizin“. „Die Uniklinika spielen eine herausragende Rolle bei der Einführung von Innovationen ins Gesundheitswesen – sei es durch Forschung, Anwendung der Ergebnisse am Patienten oder bei der Aus- und Weiterbildung von Ärzten“, betonte er.

Finanzierungsprobleme sehen die Universitätskliniken vor allem durch die Föderalismusreform I auf sich zukommen – zumindest dann, wenn die Gelder des Konjunkturprogramms versiegen. Mit der Verabschiedung der Reform im Jahr 2006 entfiel die gemeinsame Finanzierung der Forschungs- und Bildungsinvestitionen an den Universitätskliniken durch Bund und Länder. Während bis dahin beispielsweise der Hochschulbau eine gemeinsame Aufgabe von Bund und Ländern war, müssen nun die Länder alle Ausgaben allein stemmen.

„Bereits jetzt muss von den Kliniken zum Teil die Hälfte der Investitionen selbst erbracht werden“, klagte Siewert. Nach wie vor sei in der Krankenhausfinanzierung die Scherenproblematik, also das Auseinanderdriften von Einnahmen und Ausgaben, ungelöst. In der Folge könne das „schlagartig“ zu erneuten Privatisierungen von Unikliniken führen, meinte Siewert. Private Klinikkonzerne bereiteten sich schon auf eine Privatisierungswelle vor. „Echte Lösungen“ sind dem VUD-Vorsitzenden zufolge jedoch mit den möglichen Privatisierungen nicht verbunden. „Angezeigt wäre vielmehr eine Strukturreform, die die knappen Mittel der öffentlichen Haushalte sinnvoll verteilt“, erklärte Siewert.

Von den Stiftungen seien in der nächsten Zeit zusätzliche Mittel nicht zu erwarten, sagte Dr. Arend Oethker, Präsident des Stifterverbandes. Auch diese würden spürbar unter den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise leiden. Oethker erneuerte jedoch sein Angebot an den Medizinischen Fakultätentag (MFT), gemeinsam einen Lehrpreis auszuloben. Lehre sei neben der Forschung nicht nur die eigentliche Kernaufgabe der Hochschulen, sondern liege auch im Interesse der Forschung, da sie das Fundament für wissenschaftliche Leistungen biete, sagte Oethker. Der MFT griff Oethkers Angebot sofort auf: Der Generalsekretär des MFT, Dr. Volker Hildebrandt, geht davon aus, dass trotz Wirtschaftskrise bereits im kommenden Jahr ein gemeinsamer Lehrpreis in Höhe von 35 000 Euro vergeben werden kann.

Bund und Länder wollen Oethker zufolge bis 2015 zusätzlich 18 Milliarden Euro in die Wissenschaft fließen lassen, mit denen unter anderem die Exzellenzinitiative fortgesetzt werden soll. Die Universitätsmedizin sieht sich bei der Vergabe der Mittel jedoch benachteiligt. Es sei bereits abzusehen, dass die klammen Länderhaushalte die Hochschulmedizin nicht dauerhaft auf dem Niveau der Finanzierung durch den Bund halten könnten, meinte Siewert. Seine Prognose: Mit der sich im Aufbau befindlichen staatlichen Programmforschung wird ein Abbau der Hochschulmedizin einhergehen.

„Nachdem mit der Föderalismusreform I die Verantwortung für die Finanzierung der Hochschulmedizin den Bundesländer übertragen worden ist, schüttet der Bund das ,Füllhorn des Glücks‘ über den Großforschungseinrichtungen aus“, kritisierte er. Durch ihr verändertes Förderverhalten nehme die Politik massiven Einfluss auf die Forschungslandschaft. Dabei verwies der VUD-Vorsitzende vor allem auf die inzwischen etablierten Zentren für Volkskrankheiten wie Diabetes oder Demenz. Dort gibt es bereits jetzt Dissens hinsichtlich der Rechte und Kompetenzen der universitären und außeruniversitären Partner.

„Die Universitätsklinika werden zu Konkurrenten von Einrichtungen mit gleichem Schwerpunkt“, erklärte Siewert. Es sei unverständlich, dass Gelder des Bundes in den Aufbau von Strukturen flössen, die an den Uniklinika bereits vorhanden wären, dort aber zum Um- und Ausbau benötigt würden. „Die neue Bundesregierung muss sich dieser Frage annehmen und die Universitätsklinika als Schnittstelle zwischen der Patientenversorgung und Forschung sehen“, forderte Siewert. Nur in der Zusammenarbeit mit den Uniklinika könne die Translation von Erkenntnissen aus der Forschung in die Behandlung von Patienten gelingen.

Auch der Präsident des Medizinischen Fakultätentages, Prof. Dr. med. Dieter Bitter-Suermann, sieht „dringenden Klärungsbedarf“ bezüglich der Kooperation der medizinischen Fakultäten mit den außeruniversitären Einrichtungen der Gesundheitsforschung. Grundsätzlich befürworte er eine Zusammenarbeit, doch der Teufel stecke im Detail. „Eine Kooperation ist gut, wenn sie uneigennützig, auf Augenhöhe und ohne Fehleinschätzung der eigenen Kompetenz partnerschaftlich gelebt wird“, erklärte Bitter-Suermann. „Problematisch ist sie, wenn sich dahinter Hegemonialansprüche verbergen, die zu einer Umkehrung der föderalistischen Wissenschaftsstrukturen führen könnten.“ Wenn plötzlich im Kernbereich der klinischen Forschung, der klinischen Studien und der Translation von der Helmholtz-Gemeinschaft nationale Koordinationszentren eingeführt werden sollen, könne es zu einer völligen Verzerrung der Förderstrukturen in der medizinischen Hochschullandschaft kommen. „Dann ist auch der überhöhte Anspruch auf den Status von National Institutes of Health und einer Meinungs- und Mittelvergabe-führerschaft nicht mehr weit“, sagte der MFT-Präsident.

Für den Generalsekretär des VUD, Rüdiger Strehl, bilden die derzeitigen Beziehungen zwischen universitären und außeruniversitären Einrichtungen einen „neuen Graubereich ohne gesetzliche Grundlage“. Strehl beklagte vor allem eine „asymmetrische Verhandlungssituation“: Auf der einen Seite stünde das Know-how, auf der anderen das Geld. „Die Bundeseinrichtungen verfahren entweder nach dem ‚Prinzip Real Madrid‘ und kaufen exquiste universitäre Forscher ein, oder sie schließen bi- oder unilaterale Verträge und Kooperationen, bei denen sie jedoch die Federführung behalten wollen“, analysierte er.

Aus der Sicht der Hochschulmedizin sollte deshalb die derzeitige Finanzierungsstrategie geändert werden. „Für die investiven Belange von Forschung und Lehre ist die Rückregelung zu einer Mischfinanzierung von Bund und Ländern dringend zu erwägen“, sagte Strehl. Sonst liefen die Wissenschaftseinrichtungen der Länder Gefahr, gegenüber den vom Bund finanzierten außeruniversitären Forschungseinrichtungen deutlich ins Hintertreffen zu geraten. Die Krankenversorgung an den Unikliniken möchte die Hochschulmedizin dagegen monistisch finanziert wissen. Strehl verspricht sich davon Kostentransparenz gegenüber der ambulanten Krankenversorgung sowie Anreize für eine nachhaltige Planung von Investitionen.

Auch die nicht stationäre Hochschulmedizin würde der VUD gern neu regeln, da viele Leistungen, die früher zur stationären Versorgung zählten, heute ambulant erbracht würden. An die Politik appellierte der Verband deshalb, der Hochschulmedizin einen unbürokratischen -Zugang zur ambulanten Krankenbehandlung zu eröffnen. „Kaum ein medizinisches Fach deckt noch die Breite seines Leistungsspektrums mit stationären Fällen ab“, begründete Strehl die Forderung. In einigen Fächern könnten die Hochschulkliniken ihren Aufgaben in Lehre, Weiterbildung und klinischer Forschung nur noch eingeschränkt nachkommen. Dazu griffen die geltenden sozialrechtlichen Regelungen zu den Hochschulambulanzen zu kurz.

Für Innovationen wünscht der VUD weitere Sonderregelungen. „Innovative Medizinprodukte und Arzneimittel werden vorrangig über die Universitätsklinika in das deutsche Gesundheitswesen eingeführt. Damit sind in der Anfangsphase oftmals hohe Kosten verbunden“, argumentierte Strehl und forderte zusätzliche Nutzen- und/oder Kostenanalysen. Nach seiner Ansicht sollte der Einsatz der Innovationen durch Extrafonds finanziert werden.
Dr. med. Eva Richter-Kuhlmann
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema