ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009Präventionsdiagnostik: Gesund­heits­förder­ung – ein neues Betätigungsfeld für Ärzte

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Präventionsdiagnostik: Gesund­heits­förder­ung – ein neues Betätigungsfeld für Ärzte

Pöthig, Dagmar; Arnold, Lars; Gentsch, Egon

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Foto: picture-alliance/Creasource
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Durch die demografische Entwicklung gewinnen Vitalität und Altern zunehmend an Bedeutung. Die Gesund­heits­förder­ung spielt dabei eine entscheidende Rolle und bietet Ärzten die Chance, ihr Angebot zu erweitern.

Das Krankheitsspektrum hat sich in Deutschland in den letzten 30 Jahren deutlich verändert. Es bildet den demografischen und Beanspruchungswandel in der Gesellschaft ab. Schon bevor degenerative Alters- und Verschleißerkrankungen wie Arthrose, Herzinfarkt und Schlaganfall auftreten, weisen funktionale Gesundheitsprobleme und Befindensstörungen auf „ungesunde“ Lebensgewohnheiten hin. Bewegungsmangel, Fehlernährung und emotional-sozialer Stress stehen dabei an erster Stelle. Ihre Folgen setzen schleichend ein. Übergewicht, Bluthochdruck, metabolisches Syndrom, neuromuskuläre Dysbalancen und andere psychophysische Maladaptationen führen auf Dauer vielfach zu irreversiblen Gewebe- und Organschädigungen. Fatalerweise kumulieren sie mit dem Älterwerden.

Medizinische Strategien zur Gesundheitserhaltung umfassen sowohl präventive (Risiko vermeidende) als auch gesundheitsförderliche (ressourcenorientierte) Maßnahmen. Sie sollen dieser Entwicklung gezielt entgegensteuern. Prävention und Gesund­heits­förder­ung werden gesundheitspolitisch durch den Gesetzgeber gestützt (SGB V und SGB VII). Sie sollen die aktive Primärprävention von verhältnis- und verhaltensbedingten und damit auch alternsbezogenen Gesundheitsproblemen und Erkrankungen abdecken. Die betriebliche Gesund­heits­förder­ung betont neben verhältnispräventiven Maßnahmen zunehmend die Verhaltensprävention im Unternehmen. Der individuelle Ansatz der Gesund­heits­förder­ung wird hier um den Bezug zur Arbeitswelt erweitert (Settingansatz).

Gesundheit im Betrieb fördern
Legt man jedoch den Durchdringungsgrad in kleinen und mittleren Unternehmen zugrunde, decken Individualansatz und betriebliche Gesund­heits­förder­ung nicht annähernd den rasant wachsenden Bedarf an qualitativ hochwertigen Präventionsangeboten. Auch wird der Gesundheitsschutz in den einzelnen Branchen in unterschiedlicher Qualität umgesetzt. Bis heute ist die eingangs geschilderte Situation in der Lebens- und Arbeitswelt bei Weitem nicht befriedigend gelöst.

Der Gesetzgeber unterstützt deshalb künftig stärker als heute die betriebliche Gesund­heits­förder­ung: Mit dem Jahressteuergesetz 2009 werden die Betriebe für entsprechende Maßnahmen rückwirkend zum 1. Januar 2008 in Höhe von 500 Euro pro Jahr und Mitarbeiter von der Steuer befreit.

Die Gesund­heits­förder­ung umfasst die klassischen Handlungsfelder Bewegungs-, Ernährungs- und Stressmanagement sowie Suchtprävention. Die Maßnahmen führen heute überwiegend nicht medizinischen Dienstleister des zweiten Gesundheitsmarkts durch. Im zweiten Gesundheitsmarkt sind Dienstleistungen und Produkte zusammengefasst, die nicht vom klassischen -medizinischen Versorgungssystem abgedeckt werden. Diese Gesundheitsanbieter verfügen in aller Regel über entsprechende Kompetenzen in der Verhaltens- beziehungsweise Verhältnisprävention.

Im freien Gesundheitsmarkt sind dies Trainer, Personal Coaches, Ernährungsberater oder Stressmanager aller Couleurs. Diese Gesundheitsspezialisten arbeiten ihrer fachlichen Herkunft gemäß ressourcenorientiert (salutogenetisch). Sie sind jedoch vorwiegend auf entweder körperorientierte oder psychologische und kommunikative Methoden spezialisiert. Zudem sind Kompetenzen über das Alter und das Altwerden kaum vertreten. Ihre Angebote weisen selten Schnittstellen zu krankheitswertigen Befunden bei verhaltens- und alternsbezogenen Gesundheitsstörungen und Erkrankungen auf.

Die Gesund­heits­förder­ung ist bisher kaum mit dem gerontologischen, präventivmedizinischen, kurativen und rehabilitativen Potenzial der Ärzte oder anderen medizinischen Experten vernetzt. Das verständliche Grundbedürfnis, ob von Unternehmen oder Privatpersonen, nach ganzheitlich angelegten und qualitativ transparenten Angeboten bleibt so weitgehend unbefriedigt. Eine Kooperation und Vernetzung zwischen den Gesundheitsspezialisten des zweiten Gesundheitsmarkts und dem medizinischen Versorgungssystem findet de facto nicht statt. Hier liegen interessante Chancen, Lösungsansätze und Perspektiven für den Arzt als Kompetenzpartner.

Vitalität als Indikator
Mittlerweile gibt es anwendungsorientierte Erfahrungen mit einem gerontologischen Vorsorgestandard in der Gesund­heits­förder­ung. Dieser Standard ist interdisziplinär angelegt und bindet explizit medizinische Kompetenzen ein. Dabei wird die sogenannte Vitalität gemessen und beeinflusst, die als Indikator für die alters- und geschlechtstypische Funktionstüchtigkeit und Befindlichkeit einer Person dient. Hierzu werden fachübergreifend 45 Altersparameter aus dem körperlichen, mentalen und emotional-sozialen Funktionsbereich bestimmt. Mit diesen Daten kann eine individuelle Beratung über Gesundheitsmaßnahmen und Risikofaktoren stattfinden.

Ein Anwendungsbeispiel ist eine umfassende betriebliche Studie des Instituts und der Poliklinik für Arbeits- und Sozialmedizin der Technischen Universität Dresden. In einem Präventionsprogramm wurde die Vitalität von 1 074 Lehrern aus 95 Gymnasien erhoben. Zur Evaluation der Methode bewerteten die Lehrer sowohl den diagnostischen Teil des Programms als auch die Beratungsleistung mit Schulnoten. Die Akzeptanz war hoch – über 90 Prozent beurteilten die beiden Teile mit „gut“ oder „sehr gut“; 88 Prozent sprachen sich dafür aus, eine solche Maßnahme regelmäßig durchzuführen.

Besonders hilfreich war diese erweiterte Gesundheitsdiagnostik und -beratung dabei, Führungskräfte für die Auswirkungen des demografischen Wandels in den Unternehmen zu sensibilisieren. Ähnlich wie bei den Lehrern, wurde in einer betrieblichen Anwenderstudie der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin Berlin bei 103 Führungskräften eines Industriebetriebes die Vitalität gemessen und die Ergebnisse mit den Teilnehmern individuell ausgewertet. Anschließend fand eine entsprechende Beratung statt. Die Akzeptanz war auch hier hoch und hatte den Vorteil, dass vor allem die Entscheiderebenen das tatsächliche Potenzial der Gesund­heits­förder­ung für ihr Unternehmen erkennen.

Der objektive Bedarf in der Wirtschaft ist groß: Schon heute gibt es überalternden Personalbestand, Nachwuchsmangel an Fachkräften und Präsentismus. Themen wie flexible Altersgrenze, Gesundheitsmanagement als Produktivitätsfaktor, Unternehmenskultur und Mitarbeiterzufriedenheit, Sozialkapital und Wettbewerbsfähigkeit werden immer wichtiger. Ein so sensibilisiertes Management wird notwendige Maßnahmen wirkungsvoll und nachhaltig unterstützen (Top-down-Implementierung).

Die guten Erfahrungen aus diesen beiden Anwendungsstudien haben sich auch in der Praxis der Gesund­heits­förder­ung bestätigt. Im Rahmen einer Förderung der Europäischen Union (ESF, Art. 6: Innovative Measures) wurden unternehmensnahe Gesundheitsdienstleistungen entwickelt und in die Praxis eingeführt. Sie umfassen standardisierte, auch modular verwendbare Vorsorgemodule mit dem oben genannten Vital-Analyse-System. Diese Dienstleistungen werden mittlerweile von professionellen Gesundheitsanbietern wie dem Institut für Arbeits- und Sozialhygiene Stiftung Karlsruhe eingesetzt.

Das funktionsdiagnostische Vitalitätsprofil ist die Grundlage für die gezielte Beratung oder Intervention durch die Experten. Für den Betroffenen spiegelt es seine derzeitige gesundheitliche Situation wider. Erst eine alltagstaugliche Gesundheitskompetenz ermöglicht ihm ein langfristig erfolgreiches Vital- und Selbstmanagement. Ein Vergleich von Ausgangs- und Abschlussanalyse nach dem Vitalmanagement objektiviert die Wirksamkeit der Interventionsmaßnahmen und unterstützt die Motivation aller Beteiligten.

Bedarf und Nachfrage nach neuen Instrumenten und professionellen Dienstleistungen in der Gesund­heits­förder­ung sind groß. Gerade mittelständische Betriebe verfügen kaum über eigene Möglichkeiten, gesundheits- und altersbezogene Personal- und Sozialressourcen zu erschließen. Der wirtschaftliche Nutzen liegt auf der Hand, zumal die Dienstleistungen qualitätsgesichert und evidenzbasiert sind.

Neues Kompetenzfeld für Ärzte
Eine wichtige Voraussetzung für den wirtschaftlichen Erfolg in der Praxis ist natürlich, dass diese standardisierten und für den Kunden transparenten Gesundheitsdienstleistungen „barrierearm“, das heißt kundenfreundlich aufgebaut sind. Im Arbeits- und Selbstzahlermarkt ist dies eine Conditio sine qua non.

Je nach fachlicher Interessenlage und wirtschaftlicher Ausrichtung kann heute auch der Arzt als (Mit-)Unternehmer diese hochwertigen Individualdienstleistungen anbieten. Der zeitintensive Service- und Betreuungsaufwand kann durch erfahrene Trainer, Sportpädagogen, Personal Coaches, Gesundheitspsychologen et cetera mit zertifizierter Weiterbildung in der Gesund­heits­förder­ung abgedeckt werden. In jedem Fall ist hierüber auch für den Mediziner ein interessanter Marktzugang in das Feld der Gesund­heits­förder­ung geöffnet. Er findet dabei fachliche und organisatorische Unterstützung durch ein spezielles Fraunhofer-Kompetenznetzwerk.

Die Fraunhofer-Gesellschaft rief 2008 eine Veranstaltungsreihe „Demografie und Gesundheitsressourcen: Neue Lösungen für den Gesundheits- und Arbeitsmarkt“ ins Leben (www.vitalitaet-und-arbeit.de). Die Foren widmen sich den Potenzialen, Schnittstellen, Formen und Ergebnissen neuer Vernetzungsansätze zwischen dem ersten und zweiten Gesundheitsmarkt (GM). Hier wurde für das Zusammenspiel von Krankenversorgung und Dienstleistungssektor, von medizinischer Innovation und Gesundheitsforschung, von interdisziplinärem Wissenstransfer und Bildung ein öffentliches Diskussionsforum etabliert. Im Vordergrund stehen dabei die Kommunikation medizinischer Strategien zur Gesunderhaltung (erster GM) die Qualitätsverbesserung und Professionalisierung der Gesund­heits­förder­ung (zweiter GM) sowie deren stärkere Verzahnung mit der Expertise des Mediziners.

Das originäre Aufgabenfeld des Arztberufs, nicht nur im Krankheitsfall zu helfen, sondern sich auch an der Nahtstelle von Krankheit zu Gesundheit, Leistungsfähigkeit und Lebensqualität, aktiver Lebensgestaltung und gelebter Gesundheitskompetenz einzubringen, kann mit diesem zukunftsweisenden Ansatz lösungsorientiert besetzt werden.

Zitierweise dieses Beitrags:
Dtsch Arztebl 2009; 106(33): A 1611–4

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. habil. Dagmar Pöthig
Fachärztin für Innere Medizin/Sportmedizin
Europäische Vereinigung für Vitalität und Aktives Altern e.V. Berlin, Dependance Leipzig
Karl-Heine-Straße 99, 04229 Leipzig
E-Mail: poethig@evaaa.de
*in Kooperation mit: Prof. Dr. Mechling, Deutsche Sporthochschule, Köln, Dr. rer. nat. Gerdes, Fraunhofer-IZI, Leipzig, und Mag. Mayrhofer, Personal Fitness, Salzburg
PD Dr. med. habil. Pöthig, Fachärztin
für Innere Medizin/Sportmedizin,
Dipl.-Sportwiss. Arnold, MR Dr. med. Gentsch, Facharzt für Arbeitsmedizin
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PD Dr. med. habil. Pöthig, Fachärztin für Innere Medizin/Sportmedizin,Dipl.-Sportwiss. Arnold, MR Dr. med. Gentsch, Facharzt für Arbeitsmedizin

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