ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009Forschung: Ethik ist nicht abstrakt
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Schon vor neun Jahren haben Emanuel et al. sieben Aspekte benannt, die berücksichtigt werden sollten, damit klinische Forschung ethisch bleibt. Auf zwei der Forderungen soll hier hingewiesen werden. Die erste Voraussetzung ist die wissenschaftliche Validität der klinischen Forschung. Raspe et al. haben diesen Bewertungsmaßstab anschaulich gemacht: „ . . . , dass irrelevante, repetitive, obsolete oder invalide Forschung ethisch nicht akzeptabel ist. Schlechte Forschung ist unethisch, auch wenn sie keine nennenswerten Belastungen und Risiken für ihre Probanden oder Patienten mit sich bringt.“

Wenn man das verinnerlicht, fragt man sich schon, ob die Vielzahl der Studien, in denen zum x-ten Mal über wenige Wochen der Einfluss verschiedener zugelassener Lipidsenker auf das Lipidprofil von Patienten untersucht wird, nicht ethisch fragwürdig ist – vor allem dann, wenn zum Beispiel relevante Endpunktstudien zu einigen Substanzen und ihren Kombinationen noch immer nicht vorliegen . . . Die zweite Voraussetzung ist der Respekt vor den potenziellen oder einbezogenen Patienten. In den letzten Jahren wird die Einwilligung nach Aufklärung (informed consent) zunehmend zur Farce: Die klassische maschinengeschriebene Seite umfasst 30 Zeilen à 60 Anschläge (1 800 Zeichen). Das sind bei 20 Seiten 36 000 Zeichen. Man muss schon täglich trainiert die „FAZ“ lesen, um bei einer solchen Informationsmenge noch den Durchblick behalten zu können. Seit einiger Zeit aber bekommen die Patienten „Computerseiten“ vorgelegt mit 60 Zeilen à 90 Anschläge (5 400 Zeichen). Dann haben 20 Seiten allerdings 108 000 Zeichen. Das entspricht 60 klassischen Seiten! Wenn dann noch Zusatzinformationen über Kinetik und Genetik zu lesen sind, könnten das leicht 100 klassische Seiten werden. Pure Überforderung, Desinformation! Die Unterschrift der Patienten ist dann nicht mehr justiziabel. Einem guten Rechtsanwalt würde es im Ernstfall nicht schwerfallen zu zeigen, dass sein Mandant den Text keinesfalls verstehen konnte.

Wenn die Patienten folglich gezwungen sind, sich auf die Auslegungen und Erklärungen der freundlichen Prüfärzte zu verlassen, kann von Selbstbestimmung kaum noch die Rede sein, was auch wieder unethisch wäre.

Ich stelle hiermit aber ausdrücklich fest, dass es auch exzellente Studien und brillante Patienteninformationen gibt!

Literatur bei dem Verfasser
Prof. Dr. Frank P. Meyer, Magdeburger Straße 29, 39167 Groß Rodensleben
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