ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009TV-Serie Emergency Room: Mehr als George Clooney

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TV-Serie Emergency Room: Mehr als George Clooney

Dtsch Arztebl 2009; 106(33): A-1623 / B-1391 / C-1359

Tuffs, Annette

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Das ER-Ärzteteam beendet seine Fernsehmission in der Notaufnahme – zum Leidwesen des treuen Publikums. Foto: Warner Bros. Television
Das ER-Ärzteteam beendet seine Fernsehmission in der Notaufnahme – zum Leidwesen des treuen Publikums. Foto: Warner Bros. Television
Ein Stück Fernsehmedizin-Geschichte geht zu Ende: Nach 15 Jahren macht die Notaufnahme „ER“ zu.

Am 30. Oktober 1994 lief die erste Folge von „Emergency Room“ (ER) im deutschen Fernsehen. Fast 15 Jahre später, am 4. August 2009, wird die Notaufnahme der Fernsehklinik in Chicago nach 331 Episoden geschlossen – ein Stück Fernsehmedizin-Geschichte geht zu Ende (19. August 2009, PRO 7, 22.15 Uhr). Die oft rasant inszenierten Patientenfälle und Privatgeschichten von Ärzten und Schwestern des Emergency Room beeindrucken die jungen Fernsehzuschauer nicht mehr. Der Zeitgeist hat sich komplizierten diagnostischen Fällen und dem menschenverachtenden Zyniker Dr. House zugewandt.

Dennoch wird man sich beim Stichwort ER an mehr erinnern als daran, dass hier der kometenhafte Aufstieg George Clooneys (Kinderarzt Doug Ross) begann, der kurz vor Ende der letzten Staffel ein Mini-Comeback hat. Denn die Serie war – und das war eines ihrer Erfolgsrezepte – medizinisch sorgfältiger vorbereitet und ausgeführt als viele ihrer Konkurrenten.

Schon ihre Entstehung war außergewöhnlich: Der Harvard-Medizinstudent und später erfolgreiche Wissenschaftsautor Michael Crichton hatte die Idee von Geschichten aus der Notaufnahme lange mit sich herumgetragen und bereits während der Studienzeit in Boston/USA ein Buch über Patientenschicksale geschrieben. Das Drehbuch zum ER-Pilotfilm stammte von 1974 und wurde 15 Jahre später an Steven Spielberg verkauft. Auf der Erfolgswelle ihres Gemeinschaftsprojekts „Jurassic Park“ konnten Crichton und Spielberg schließlich den ER-Pilotfilm und dann die Serie verwirklichen und blieben lange als Produzenten dem Projekt treu. „Ich bin keiner und gleichzeitig jeder der Charaktere“, sagte Crichton. „Meine Erfahrungen in der Medizin teile ich vor allem mit dem Medizinstudenten John Carter und dem Arzt Mark Green.“ Michael Crichton starb 2008 im Alter von 66 Jahren.

Erfolgreiche Medizinserien beeinflussen die Wahrnehmung der medizinischen Praxis, die Erwartungshaltung von Patienten und damit die Medizin selbst. Deshalb befasst sich die Medizin mit den Serien. So wurde 1996 im „New England Journal of Medicine“ (Band 334, S. 1578–82) eine Studie veröffentlicht, die zeigt, dass in Medizinserien viel häufiger Reanimationen an jüngeren Patienten und Kindern und seltener an älteren Menschen vorgenommen werden und diese Reanimationen erfolgreicher sind, als es in der Realität der Fall ist. Ein Editorial im „Journal of the American Medical Association“ stellte im selben Jahr (Band 280, No. 9, S. 854–5) fest, dass die Zahl der Bewerbungen von jungen Ärzten für eine Beschäftigung in der Notaufnahme seit ER in bemerkenswerter Weise angestiegen war – ein Hinweis auf die hohe Akzeptanz der Serie bei medizinischem Publikum.

In Deutschland wurde die Serie in den 90er-Jahren ebenfalls oft genannt, wenn man Ärzte nach ihren Lieblingsmedizinserien befragte. Die deutsche Notfallmedizin in Krankenhäusern sieht freilich anders aus: Die Kliniken haben fast alle ihre fachspezifischen Notaufnahmen, hier arbeiten Chirurgen, Internisten, Neurologen und Kinderärzte nicht Hand in Hand am Patienten. Die Einrichtung eines interdisziplinären zentralen „Emergency Room“ wird derzeit diskutiert und von Notfallärzten auch gefordert mit dem Hinweis auf „unwürdigen Patiententourismus“, eine bessere Erstversorgung und Einsparpotenziale. Eine Forderung, die gut zu vermitteln ist, nicht zuletzt dank der Serie „ER“. Annette Tuffs
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