ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009Chirurgische Onkologie: Interdisziplinäres Gesamtkonzept

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Chirurgische Onkologie: Interdisziplinäres Gesamtkonzept

Dtsch Arztebl 2009; 106(33): A-1624 / B-1392 / C-1360

Ludwig, Wolf-Dieter

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Michael Gnant, Peter M. Schlag (Hrsg.): Chirurgische Onkologie. Springer, Wien 2008, 516 Seiten, gebunden, 199,95 Euro
Michael Gnant, Peter M. Schlag (Hrsg.): Chirurgische Onkologie. Springer, Wien 2008, 516 Seiten, gebunden, 199,95 Euro
Praktisch orientiertes Nachschlagewerk mit einer erheblichen Heterogenität in Umfang und Qualität der Beiträge

Nobelpreisträger Harold Varmus hat in einer viel beachteten und häufig zitierten Publikation Änderungen in der „culture“ der Onko-logie gefordert (Science 2006; 312: 1162–67) und eine wesentlich engere Zusammenarbeit zwischen Grundlagenwissenschaftlern, klinisch tätigen Onkologen, Industrie sowie regulatorischen Behörden angeregt. Auch die Herausgeber des Buches, Michael Gnant und Peter M. Schlag, betonen zu Recht den Stellenwert der interdisziplinären Abstimmung onkologischer Partnerfächer bei der Diagnose- und Behandlungsplanung. Sie sehen dabei im chirurgischen Onkologen den geeigneten Mediator eines multidisziplinären Teams und umfassenden Begleiter des Patienten. Konsequenterweise versuchen sie deshalb, in dem Buch operative Eingriffe in ein modernes interdisziplinäres Gesamtkonzept einzugliedern und beteiligen dabei Autoren aus verschiedenen Fachdisziplinen (zum Beispiel internistische Onkologie, Strahlentherapie, Dermatologie, Orthopädie, Gynäkologie und Urologie).

Das Buch ist in einen allgemeinen Teil mit neun Kapiteln und einen speziellen Teil mit 23 Kapiteln zu mehr als 30 Tumorentitäten untergliedert. Von 83 Autoren wird eine umfassende Darstellung der operativ behandelbaren soliden Tumoren, mit Ausnahme von Tumoren im Kopf-Hals-Bereich, vorgelegt. Der allgemeine Teil umfasst neben den Gedanken der Herausgeber zur Rolle der Chirurgie in der Krebsbehandlung aktuelle und für die Betreuung onkologischer Patienten zweifelsfrei wichtige Themen, wie zum Beispiel chirurgisches Tumorstaging, Kommunikation mit Tumorpatienten, Tumorschmerztherapie, Behandlungskonzepte der komplementären alternativen Medizin und perioperative Ernährung.

Die in der Mehrzahl der Kapitel des speziellen Teils vorhandene einheitliche Gliederung (das heißt Einleitung, Diagnostik, präoperative Vorbereitung und operative Strategie, Komplikationsmanagement, Rehabilitation und Nachsorge, weitere Therapiemodalitäten, Qualitäts- und Prognosekriterien sowie Ausblick) verschafft dem Leser eine gute Übersicht, häufig allerdings um den Preis einer Verkürzung des komplexen Sachverhalts. Anschauliche Abbildungen und informative Tabellen zu histologischen, endoskopischen und bildgebenden Befunden, der TNM-Klassifikation und Stadieneinteilung der Tumoren, dem intra- beziehungsweise postoperativen Situs sowie Algorithmen zur Diagnostik und den Therapieoptionen illustrieren die meisten Kapitel und vermitteln dem am praktischen Vorgehen interessierten Arzt einen raschen Überblick. In den Literaturhinweisen, die allerdings von sehr unterschiedlichem Umfang und Qualität sind, wurden Publikationen bis 2007 sowie Links, zum Beispiel zur Homepage (inter)nationaler onkologischer Fachgesellschaften, berücksichtigt.

Insgesamt weisen die Kapitel im speziellen Teil eine erhebliche Heterogenität hinsichtlich Umfang und Qualität der Darstellung auf, insbesondere der in Betracht kommenden strahlen- und chemotherapeutischen Therapiestrategien. Neben sehr detaillierten Darstellungen (zum Beispiel Kapitel 9 Brustdrüsenkarzinom) finden sich auch einige Kapitel, in denen strahlentherapeutische, nuklearmedizinische und chemotherapeutische Empfehlungen keineswegs den medizinischen Standard korrekt wiedergeben (zum Beispiel „adjuvante“ Chemotherapie bei metastasierten Nichtseminomen; kurative oder palliative Therapie 131I-speichernder Metastasen beim Schilddrüsenkarzinom; Kurzzeitbestrahlung mit 5 × 5 Gy-Standard der neoadjuvanten Therapie beim Rektumkarzinom). Das ohne Zweifel sehr ambitionierte Ziel der Herausgeber, evidenzbasierte Handlungs- und Therapieempfehlungen zu erarbeiten und dabei alle wesentlichen Aspekte der onkologischen Partnerfächer zu berücksichtigen, gelingt deshalb leider nur in wenigen Kapiteln. Auch die für den Leser wichtige Formulierung offener Fragen zur Diagnostik beziehungsweise Therapie, vorgesehen jeweils am Ende der Kapitel im Ausblick, erfolgt nicht in allen Kapiteln. Die an vielen Stellen äußerst positive Bewertung des „gene profiling“ für die Planung individualisierter Therapiestrategien beziehungsweise des potenziellen Nutzens neuer „zielgerichteter Wirkstoffe“ (zum Beispiel Tyrosinkinase- und Angiogenese-Inhibitoren) im multimodalen Therapiekonzept ist überraschend und entspricht nicht den bisher eher enttäuschenden Ergebnissen in kontrollierten klinischen Studien.
Zusammenfassend ist dieses umfangreiche, durch Abbildungen und Tabellen gut illustrierte Buch zur chirurgischen Onkologie in erster Linie als praktisch orientiertes Nachschlagewerk geeignet für onkologisch nicht spezialisierte Chirurgen beziehungsweise Berufsanfänger in anderen medizinischen Fachdisziplinen, die Tumorpatienten mitbetreuen. Die Lektüre evidenzbasierter Leitlinien beziehungsweise klinischer Handlungsempfehlungen (inter)nationaler Fachgesellschaften sowie das Studium detaillierter Kompendien, zum Beispiel zur internistischen Onkologie und Strahlentherapie, kann dieses Buch jedoch nicht ersetzen. Wolf-Dieter Ludwig
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