ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1997Kirchenwort zur pränatalen Diagnostik: Entschieden gegen eugenische Tendenzen

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Kirchenwort zur pränatalen Diagnostik: Entschieden gegen eugenische Tendenzen

Klinkhammer, Gisela

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LNSLNS Die beiden großen christlichen Kirchen in Deutschland beobachten mit Sorge, daß die überwiegende Zahl ungeborener Kinder, bei denen erbbedingte Erkrankungen oder Behinderungen festgestellt werden, abgetrieben wird. Auf der anderen Seite begrüßen sie es, daß die Medizin heute in der Lage ist, Erbschädigungen, Krankheiten oder Behinderungen nicht nur zu diagnostizieren, sondern auch zu therapieren. In der Schrift "Wieviel Wissen tut uns gut? Chancen und Risiken der voraussagenden Medizin" stellen die Kirchen unter anderem Kriterien für einen verantwortungsbewußten Umgang mit pränataler Diagnostik aus ihrer Sicht auf.


Bei pränatal diagnostiziertem Down-Syndrom wird in mehr als 90 Prozent der Fälle ein Schwangerschaftsabbruch vorgenommen. Darauf wies der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Dr. Karl Lehmann, Mitte Mai vor Journalisten in Bonn hin. Eine Umfrage unter Humangenetikern habe ergeben, daß bereits 18 Prozent das Geschlecht des Kindes als einen Grund für eine Abtreibung ansehen. Die Frage, ob sie selbst eine Abtreibung vornehmen lassen würden, wenn ihr eigenes ungeborenes Kind eine schwere Spina bifida aufweise, hätten 90 Prozent der Humangenetiker bejaht. Diese Beispiele belegten, so Lehmann, "daß anscheinend eine latente Bereitschaft zu pränataler Selektion durch Abtreibung sowohl in der Durchschnittsbevölkerung als auch bei einer wachsenden Zahl von Fachvertretern besteht".
Auf diese Entwicklung aufmerksam zu machen und ihr entschieden entgegenzusteuern sei Aufgabe der Kirchen, betonte auch der Vorsitzende des Rates der Evangelischen Kirchen in Deutschland (EKD), Landesbischof Dr. Klaus Engelhardt: "Wenn Menschen nicht mehr Geschöpf sein wollen, sondern sich selbst zum Schöpfer machen, dann überschreiten sie die ihnen als Geschöpf gesetzten Grenzen."
Grundsätzlich wird von beiden Kirchenvertretern in der anläßlich der "Woche für das Leben" gemeinsam herausgegebenen Schrift die pränatale Diagnostik begrüßt. In vielen Fällen diene sie den Lebens- und Gesundheitsinteressen des Ungeborenen und verbessere seine Chancen: Die pränatale Diagnostik "kann den Entschluß zu einem Kind auch in Fällen einer Risikoschwangerschaft erleichtern; in rund 97 Prozent der Fälle können die Eltern von einer monatelangen Angst befreit werden, ein Kind mit einer Chromosomenstörung zu bekommen". Es könne außerdem verhindert werden, daß Schwangerschaften aufgrund bloß befürchteter Schädigungen abgebrochen werden.
Den Chancen der pränatalen Diagnostik stünden jedoch auch zahlreiche Risiken gegenüber, befürchten die Kirchen in ihrem "Gemeinsamen Wort". So könne "bei einer unkontrollierten Verbreitung pränataler Diagnostik und ihrer routinemäßigen Nutzung nicht ausgeschlossen werden, daß sich die Bewertung von Krankheit und Behinderung sowie das Verständnis von ,Normalität' verändern und sich schleichend eine Diskriminierung von Menschen mit bestimmten genetischen Merkmalen durchsetzt", heißt es in dem Kirchenpapier. Es werden deshalb mehrere Grundsätze für einen verantwortungsbewußten Umgang mit pränataler Diagnostik formuliert:
1 Verbrauchende Forschung an Embryonen ist nicht zu rechtfertigen.
1 Eine wertorientierte Beratung kann und soll die Entscheidungsfähigkeit der Ratsuchenden verbessern.
1 Das Zusammenleben mit Behinderten oder kranken Menschen gehört auch künftig zur gesellschaftlichen Wirklichkeit. Deshalb müssen Hilfen für Behinderte auch künftig von der Solidargemeinschaft getragen werden. "Eugenischen Tendenzen ist entschieden und nachdrücklich zu widersprechen und zu widerstehen."
1 Bei der prädiktiven Diagnostik ist die Wahrung folgender Prinzipien ausschlaggebend: die Freiwilligkeit der Inanspruchnahme, das Recht auf Nichtwissen der eigenen genetischen Ausstattung und damit auch das Recht auf Selbstbestimmung, welche genetischen Daten über einen selbst erhoben werden. Unerläßlich ist die Wahrung der Vertraulichkeit der Diagnosen.
In einem Anhang des "Gemeinsamen Wortes" gehen die Kirchen auf die Präimplantationsdiagnostik ein, die in Deutschland gegen das Embryonenschutzgesetz verstößt. "Das selektive Vorgehen ist bereits bei der Anwendung der pränatalen Diagnostik fragwürdig. Es verschärft sich noch einmal bei der Anwendung der Präimplantationsdiagnostik, die allein auf die Selektion von menschlichem Leben ausgerichtet ist", geben die Kirchen zu bedenken. Sie fordern eine rechtliche Regelung dieses Bereiches. Gisela Klinkhammer

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