ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009Polkörperdiagnostik für monogene Erkrankungen
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Hintergrund: Für Paare mit Kinderwunsch, die Anlageträger von monogenen Erkrankungen sind, ist die Polkörperdiagnostik (PKD) eine Möglichkeit der präkonzeptionellen genetischen Diagnostik. Die PKD für monogene Erkrankungen wird nur an zwei Zentren in Lübeck und Regensburg durchgeführt .
Methoden: Darstellung der PKD-Behandlung anhand von Kasuistiken von Kinderwunschpaaren mit Risiko für eine Vererbung einer monogenen Erkrankung
Ergebnisse: In Lübeck haben seit dem Jahr 2004 neun Paare eine PKD-Behandlung durchlaufen. Drei gesunde Kinder wurden nach PKD für Mukopolysaccharidose Typ I, Incontinentia pigmenti und zystische Fibrose geboren. Eine Entscheidung zur PKD wird trotz der häufig langen Leidensvorgeschichte der Kinderwunschpaare nicht leichtfertig getroffen. Die reproduktionsmedizinische Behandlung und PKD kann eine erhebliche physische und psychische Belastung sein.
Schlussfolgerungen: Für Kinderwunschpaare in Deutschland mit monogenen Erkrankungen stellt die PKD eine Alternative zur Pränataldiagnostik mit eventuell folgendem Schwangerschaftsabbruch dar. Die Lebendgeburtswahrscheinlichkeit pro Behandlungszyklus ist mit 30 % als gut zu bewerten. Dennoch durchläuft die Mehrzahl der Paare, bei denen es im Rahmen der Behandlung nicht zu einem Schwangerschaftseintritt gekommen ist, nur einen Behandlungszyklus und bricht die Behandlung vorzeitig ab.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(33): 533–8
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0533

Schlüsselwörter: Polkörper, Präimplantationsdiagnostik, Pränataldiagnostik, In-vitro-Fertilisation, Infertilität
LNSLNS Geburt von drei gesunden Kindern

Die Polkörperbiopsie mit nachfolgender molekulargenetischer Untersuchung haben erstmals 1991 Verlinsky et al. beschrieben (1). Polkörper, ein Nebenprodukt der Reifeteilung der Eizelle, können in vitro mithilfe eines Mikromanipulators nach Eröffnung der Zona pellucida entnommen werden. Mittels Polkörperdiagnostik (PKD) lässt sich ein spezifischer Gendefekt im ersten und zweiten Polkörper untersuchen und somit eine indirekte Aussage über das Vorhandensein des Gendefekts in der Eizelle treffen. Voraussetzung für die Durchführung einer PKD ist, dass der Gendefekt, nach dem in den Polkörpern gesucht werden soll, bekannt ist und dass für die Erkennung des Haplotyps eine Kopplungsuntersuchung unter Einbeziehung der Familie durchgeführt werden kann. Die Polkörperdiagnostik eignet sich darüber hinaus auch zum indirekten Nachweis von numerischen und strukturellen chromosomalen Aberrationen der Eizelle.

Die Polkörperuntersuchung bezeichnet man auch als präkonzeptionelle Diagnostik. Eine Auswahl von Eizellen für die In-vitro-Fertilisation ist nach dem deutschen Embryonenschutzgesetz zulässig, solange diese Auswahl vor Entstehung eines Embryos (im Sinne des § 8 des Embryonenschutzgesetzes) stattfindet.

Für Paare mit Kinderwunsch in Deutschland, die Anlageträger von monogenen Erkrankungen sind, stellt die PKD eine Möglichkeit der präkonzeptionellen genetischen Diagnostik dar (2, 3). In der Mehrzahl der europäischen Staaten wird hingegen die Präimplantationsdiagnostik (PID), die genetische Untersuchung des Präimplantationsembryos, favorisiert. Im Gegensatz zur PID erlaubt die PKD nur indirekte Schlussfolgerungen auf die genetische Konstitution der Eizelle. Paternal vererbte (dominante) Erkrankungen können nicht diagnostiziert werden. Bei autosomal-rezessiv vererbten Erkrankungen kommt es im Rahmen der PKD häufiger als bei der PID zur Verwerfung von Eizellen, die zu gesunden heterozygoten Anlageträgern geführt hätten (2, 4, 5). Dies ist als ein schwerwiegender Nachteil der PKD zu werten.

Die PKD zur Detektion von numerischen Aneuploiden sowie von chromosomalen Translokationen wird derzeit an mehreren Behandlungszentren in Deutschland angeboten. Die Betreuung von Anlageträgern monogener Erkrankungen bedeutet einen methodisch weitaus größeren Aufwand und wird in Deutschland nur an zwei Zentren in Lübeck und Regensburg durchgeführt (2, 5). Das erste gesunde Kind eines Paares mit monogener Erkrankung nach PKD in Regensburg wurde im August 2004 geboren (5), das zweite Kind folgte nur wenig später nach PKD an der Universität Lübeck (6). Jüngst wurden im Deutschen Ärzteblatt Daten aus Deutschland zum sogenannten Aneuploidiescreening von Eizellen dargestellt (2). Im Folgenden sollen das Vorgehen zur PKD bei monogenen Erkrankungen erläutert sowie die bisherigen Erfahrungen an der Universität zu Lübeck zusammengefasst (Tabelle 1) und anhand von Fallberichten illustriert werden.

Methodik der PKD in Lübeck
Die Beratung und Behandlung von Paaren mit monogenen Erkrankungen und Kinderwunsch erfolgt an der Universität zu Lübeck in enger interdisziplinärer Kooperation von Reproduktionsmedizinern und Humangenetikern. Vor jeder neu zu etablierenden PKD-Behandlung wird die Zustimmung der zuständigen Ethikkommission eingeholt. Jede PKD erfordert die Durchführung einer In-vitro-Fertilisation und zusätzlich einer intrazellulären Spermieninjektion (ICSI). Nach ovarieller Stimulation und Eizellgewinnung werden die Zona pellucida mittels Laser eröffnet und die Polkörper mit einer Mikropipette entnommen (7) (Abbildung jpg ppt). Nach Lysierung der Polkörper müssen individuell für jedes Paar aufwendige molekulargenetische Voruntersuchungen erfolgen, die dann die Grundlage für die eigentliche PKD darstellen. Die „Erkennung“ einer Mutation in der Polkörper-DNA erfolgt durch elektrophoretischen Nachweis mehrerer heterozygot vorliegender genetischer Kennsequenzen (Marker), die mit der Mutation eng gekoppelt sind. Die Marker werden so ausgewählt, dass sie möglichst nah an der Mutation liegen, um die Wahrscheinlichkeit eines Genaustausches (Rekombination) zwischen Kennsequenz und Mutation und damit die Möglichkeit einer Fehldiagnose, gering zu halten. Eizellen, in deren Polkörpern die untersuchte Mutation vorliegt und die demzufolge Wildtyp-Allele tragen müssen, werden nach erfolgreicher Befruchtung und Entwicklung in das Embryonalstadium am zweiten oder dritten Tag der Präimplantationsentwicklung in die Gebärmutter übertragen. Bei Eintritt einer Schwangerschaft nach PKD wird den Paaren zur Durchführung einer pränatalen Diagnostik geraten, um die Diagnose der PKD zu bestätigen.

Mukopolysaccharidose Typ 1
Die Mukopolysaccharidose Typ 1 ist eine autosomalrezessive lysosomale Speicherkrankheit, hervorgerufen durch eine Mutation des alpha-L-Iduronidase-Gens (IDUA). Häufig liegt eine sogenannte Q70X-Veränderung vor, die eine schwere Verlaufsform der Erkrankung (Morbus Hurler) hervorruft. Durch den Enzymdefekt akkumulieren Dermatan- und Heparansulfat in den Körperzellen, was zu einem progredienten Krankheitsgeschehen unterschiedlicher Ausprägung führt. Die Erkrankung manifestiert sich zumeist im ersten Lebensjahr und führt unter anderem zu Kardiomegalie, Katarakt, Hydrocephalus sowie ausgeprägter geistiger Retardierung und in schweren Fällen zumeist zum Tod im ersten Lebensjahrzehnt (6, 8).

Fallbericht: Die 34-jährige Frau K. stellte sich mit ihrem blutsverwandten Ehemann (37-jährig) 2004 in der Universität zu Lübeck vor. Das Paar berichtete über ein gemeinsames Kind, welches im vierten Lebensjahr nach langem Leidensweg an den Folgen einer Mukopolysaccharidose Typ I (Morbus Hurler) verstorben war. Zwei folgende Schwangerschaften (1999 und 2001) wurden nach Pränataldiagnostik bei Nachweis einer homozygoten Mutation (Q70X) aus medizinisch-sozialer Indikation terminiert. Die Ehepartner waren jeweils heterozygot für die Q70X-Mutation und phänotypisch unauffällig. Für die Familie konnte eine PKD etabliert werden. Von 16 Eizellen wurden 16 erste Polkörper analysiert. Für zwei der Polkörper brachte die molekulargenetische Untersuchung kein verwertbares Ergebnis. Acht Polkörper zeigten sich heterozygot, in drei Polkörpern konnte das Wildtyp-Allel für das IDUA-Gen gefunden werden, in drei weiteren Polkörpern wurde das mutierte Allel nachgewiesen. Lediglich eine der drei Eizellen, die mit hoher Wahrscheinlichkeit das Wildtyp-Allel enthalten mussten, ließ sich in vitro befruchten. Frau K. wurde ein Embryo im Vierzellstadium transferiert, und sie wurde schwanger. Die Chorionzottenbiopsie ergab eine heterozygote Q70X-Mutation paternaler Herkunft und bestätigte somit die PKD. Bei vorzeitiger Plazentalösung wurde in der vollendeten 30. SSW eine Sectio caesarea durchgeführt. Frau K. wurde von einem gesunden weiblichen Neugeborenen entbunden. Die weitere kindliche Entwicklung gestaltete sich bis zum heutigen Zeitpunkt unauffällig.

Incontinentia pigmenti
Incontinentia pigmenti (Bloch-Sulzberger-Syndrom) ist eine seltene X-chromosomal-dominante monogene Erkrankung, welche zu einem ektodermalen Fehlbildungssyndrom führt. Die Inzidenz wird mit 1 : 40 000 angegeben, mit einer Verteilung zwischen den Geschlechtern von 1 : 37 (Männer : Frauen) (9). Für Jungen ist der Gendefekt zumeist bereits in utero letal (10). Weibliche Betroffene zeigen eine große phänotypische Variabilität. Typische klinische Erscheinungen sind Pigmentierungsstörungen. Darüber hinaus entwickeln circa 80 % der Betroffenen eine Multiorganbeteiligung mit dentalen Defekten, Skelettanomalien sowie ZNS-Fehlbildungen mit geistiger Retardierung. Ursächlich ist ein Rearrangement des Gens, welches den „nuclear factor kappa B essential modulator“ (NEMO-Gen) kodiert (11).

Fallbericht: Frau L., 36 Jahre alt, stellte sich 2006 gemeinsam mit ihrem 37-jährigen Ehemann vor. Die Ratsuchende zeigte, bis auf Zahndefekte und Hautveränderungen, keine klinischen Zeichen einer Incontinentia pigmenti. Das Paar berichtete über zwei männliche Totgeburten in der 21. und 26. Schwangerschaftswoche (1994/1995). Bei beiden Feten wurde eine Mutation im NEMO-Gen, welche Frau L. trägt, nachgewiesen. Im Jahr 2004 kam es nach Stimulation mit Clomifen zu einer Gemini-Gravidität. Die Chorionzottenbiopsie zeigte eine Mutation des NEMO-Gens sowohl beim männlichen als auch beim weiblichen Feten. Aufgrund der fatalen Prognose für den männlichen und der Unsicherheit über die Ausprägung der Erkrankung beim weiblichen Feten ließ die Patientin in der zwölften Schwangerschaftswoche eine Abruptio aus medizinisch-sozialer Indikation durchführen.

Nach Eizellgewinnung konnten neun erste Polkörper sowie fünf zweite Polkörper untersucht werden. Zwei erste Polkörper trugen die Mutation, die zweiten Polkörper enthielten Wildtyp-Allele, sodass geschlussfolgert werden konnte, dass die beiden Eizellen höchstwahrscheinlich das Wildtyp-Allel tragen. Beide Eizellen konnten befruchtet und als Embryonen im Vierzellstadium transferiert werden. Die Patientin wurde schwanger. Die molekulargenetische Untersuchung nach Chorionzottenbiopsie konnte die Mutation beim Feten ausschließen. Frau L. wurde per primärer Sectio caesarea in der 39+2 Schwangerschaftswoche von einem gesunden Jungen entbunden.

Zystische Fibrose
Die auch als Mukoviszidose bezeichnete chronische Stoffwechselerkrankung wird autosomal-rezessiv vererbt. In Deutschland werden jährlich circa 300 Kinder mit zystischer Fibrose geboren (12). Hervorgerufen durch eine Mutation des CFTR-Gens („cystic-fibrosis-transmembrane-regulator“) kommt es zur Fehlfunktion exokriner Drüsen (13). In Deutschland ist die delta-F508-Mutation des CFTR-Gens mit 67 % die weitaus häufigste (12). Die Multiorganerkrankung führt zu einem progredienten Verlust der Lungenfunktion, exokriner Pankreasinsuffizienz, Beeinträchtigung des Leberstoffwechsels und männlicher Infertilität. Durch verbesserte Therapieoptionen konnte die durchschnittliche Lebenserwartung der zuvor meist schon im Kindesalter letal verlaufenden Erberkrankung auf durchschnittlich 37 Jahre gesteigert werden (14).

Fallbericht: Frau U. (29 Jahre) stellte sich 2006 mit ihrem 38-jährigen Ehemann in der Kinderwunschsprechstunde vor. Voruntersuchungen wegen unerfüllten Kinderwunsches hatten beim Ehemann eine Azoospermie bei kongenitaler bilateraler Aplasie des Vas deferens gezeigt, welche häufig auf Mutationen im CFTR-Gen zurückzuführen ist. Die molekulargenetische Untersuchung bestätigte den Verdacht einer Heterozygotie für zystische Fibrose mit der Mutation delta-F508 bei Herrn U. Auch die Diagnostik der Ehefrau ergab eine Heterozygotie für delta-F508. Die Familienanamnese des Paares war hinsichtlich zystischer Fibrose unauffällig.

Nach ovarieller Stimulation und Eizellgewinnung standen 15 erste und acht zweite Polkörper für die Diagnostik der delta-F508-Mutation zur Verfügung. Bei einer Eizelle zeigte der erste Polkörper die Mutation delta-F508, der zweite Polkörper den Wildtyp. Zwei weitere erste Polkörper waren heterozygot für delta-F508. Die zweiten Polkörper zeigten die Mutation. Insofern konnte sichergestellt werden, dass die Heterozygotie in den ersten Polkörpern Folge eines „crossing-over“ während der ersten Reifeteilung gewesen ist. Es konnte gefolgert werden, dass in diesen drei Eizellen das Wildtyp-Allel vorliegen müsse. Nach Befruchtung wurden zwei Embryonen im Vierzellstadium in die Gebärmutter transferiert. Frau U. wurde schwanger und entwickelte ein schweres, hospitalisierungsbedürftiges ovarielles Überstimulationssyndrom. Unter Infusionstherapie und Antikoagulation waren die Symptome allerdings rasch rückläufig. Die Analyse der fetalen DNA nach Chorionzottenbiopsie schloss das Vorliegen einer delta-F508-Mutation beim Feten aus. Frau U. wurde in der 39+3 Schwangerschaftswoche per primärer Sectio caesarea von einem gesunden männlichen Neugeborenen entbunden.

Spinale Muskelatrophie
Die spinale Muskelatrophie (SMA) ist eine autosomal-rezessive, neuromuskuläre Erkrankung, hervorgerufen durch eine Mutation der telomerischen Region des SMN1-Gens („survival-motor-neuron-gene 1“) (15). Die Veränderung führt zu einer Degeneration des a-Motoneurons im Vorderhorn des Rückenmarks mit progressiver, symmetrischer Muskelschwäche und -atrophie (16). Die SMA tritt mit einer Inzidenz von etwa einem Fall auf 6 000 bis 10 000 Neugeborene auf (17). Abhängig vom Alter bei Manifestation und Ausprägung der neuromuskulären Symptome erfolgt die Einteilung in vier Typen. Der SMA Typ I (Werdnig-Hoffmann, infantile Form) manifestiert sich innerhalb der ersten sechs Lebensmonate und verläuft innerhalb der ersten Lebensjahre letal (16). Trotz vielversprechender neuer Therapieoptionen gilt die SMA weiterhin als unheilbar (18).

Fallbericht: Die 30-jährige Frau B. stellte sich mit ihrem 34-jährigen Ehemann aufgrund einer Heterozygotie für SMA bei beiden Partnern vor. Die Patientin hatte 2003 eine Fehlgeburt in der neunten Schwangerschaftswoche erlitten, eine humangenetische Untersuchung des Abortgewebes war nicht erfolgt. Im Jahr 2004 kam es zur Geburt eines Sohnes. Im Verlauf der ersten Lebenswochen fiel den Eltern eine zunehmende Muskelhypotonie und eingeschränkte Bewegung ihres Kindes auf. In der sechsten Lebenswoche wurde die Diagnose SMA Typ I gestellt. Das Kind verstarb im sechsten Lebensmonat. Die Familienanamnese von Frau B. ergab, dass ihre Tante mütterlicherseits in einer konsanguinen Ehe zwei Kinder geboren hatte, welche an SMA verstorben waren. Die Mutter der Patientin hatte eine Totgeburt erlitten. Die Familienanamnese von Herrn B. wies zwei nicht geklärte Totgeburten der Schwester auf.

Für die PKD standen nach ovarieller Stimulation 22 erste und 14 zweite Polkörper von insgesamt 25 Eizellen zur Verfügung. Fünf erste Polkörper zeigten eine Heterozygotie im SMN1. Die dazugehörigen zweiten Polkörper waren hemizygot für das SMN1, sodass mit hoher Wahrscheinlichkeit in den Eizellen das Wildtyp-Allel vorlag. Allerdings kam es bei zweien der zweiten Polkörper zu einem „allele dropout“ bei der PCR, sodass diese Zellen nicht zum Transfer freigegeben werden konnten. Die weiteren Eizellen trugen nach molekulargenetischer Analyse mit hoher Wahrscheinlichkeit die Mutation oder wurden vom Transfer ausgeschlossen, da jeweils nur der erste Polkörper zur Analyse bereitstand. So konnte bei Heterozygotie keine sichere Aussage über den Genstatus der Eizelle getroffen werden. Schlussendlich konnten mit hoher diagnostischer Sicherheit nur drei von 25 Eizellen zur Befruchtung freigegeben werden. Frau B. wurden zwei Embryonen im Vierzellstadium transferiert, sie wurde nicht schwanger.

Das Paar entschloss sich zu einem weiteren IVF-Zyklus. Nach der Eizellgewinnung standen 15 erste und 13 zweite Polkörper für eine PKD zur Verfügung. Es wurden vier Oozyten als Wildtyp-Allel-tragend diagnostiziert. Der Patientin wurden drei Embryonen im Vierzellstadium transferiert. Es konnte keine Schwangerschaft erzielt werden. Das Paar sah sich trotz weiterhin bestehendem starkem Kinderwunsch aus physischen und psychischen Gründen nicht mehr in der Lage, sich weiteren IVF-Zyklen mit PKD zu unterziehen.

Diskussion
Für Anlageträger monogener Erkrankungen in Deutschland mit Wunsch nach präkonzeptioneller Diagnostik ist die PKD die einzige Möglichkeit eine Schwangerschaft zu erwägen, ohne das große psychische und physische Trauma eines medizinisch induzierten Aborts oder eines intrauterinen Fruchttodes gegebenenfalls auf sich nehmen zu müssen. Die Fallberichte sollen zeigen, dass betroffene Paare häufig bereits eine langwährende Erfahrung mit der Erkrankung und einen langen Leidensweg hinter sich haben und sich nicht leichtfertig für die Durchführung einer PKD entscheiden. Gezeigt wird aber auch, dass sich viele Paare der Belastung durch die aufwendige Behandlung nicht längerfristig gewachsen sehen und nur einen Behandlungszyklus absolvieren (Tabelle 1 gif ppt). Dies, obwohl die Wahrscheinlichkeit einer Lebendgeburt pro Behandlungszyklus als gut zu werten ist, nicht zuletzt da die Mehrzahl der Paare a priori normal fertil ist.

Die finanziellen Kosten die für eine Polkörperdiagnostik anfallen, werden in der Regel von den gesetzlichen Krankenkassen im Gegensatz zur pränatalen Diagnostik und medizinisch induzierten Aborten nicht übernommen. Die Durchführung der PKD bei den hier berichteten Fällen konnte durch Forschungsgelder finanziert werden. Die tatsächlichen Kosten einer Polkörperdiagnostik würden für die betroffenen Paare eine große finanzielle Hürde darstellen, sodass eine „Schwangerschaft auf Probe“ der einzig gangbare Weg für die Mehrzahl der Paare mit monogenen Erkrankungen bleibt, die sich aus sozialen oder psychischen Gründen gegen ein Leben mit einem Kind mit einer schwerwiegenden Erkrankung entscheiden würden.

Paternal vererbte dominante Erkrankungen können durch PKD nicht diagnostiziert werden. Auch kommt es bei der Diagnostik im Rahmen autosomal-rezessiver Erkrankungen zum Verwerfen von Eizellen, die die entsprechende Mutation tragen, die aber bei Befruchtung durch ein Wildtypallel-tragendes Spermium zu nicht von der Krankheit betroffenen Embryonen geführt hätten. Dies sind schwerwiegende Einschränkungen für die Diagnostik monogener Erkrankungen mittels PKD.

Die PID hat diese Nachteile nicht. Deshalb wird bei vergleichbarem methodischem, finanziellem, zeitlichem Aufwand und gesundheitlichen Risiken durch die IVF-Behandlung die Polkörperdiagnostik für monogene Erkrankungen in anderen europäischen Ländern praktisch nicht angewandt (2, 5). Im jüngsten Bericht des „Preimplantation-Genetic-Diagnosis-Konsortiums“ der Europäischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Embryologie werden weltweit lediglich 500 Behandlungszyklen der PID für monogene Erkrankungen für das Jahr 2005 dokumentiert (19). Auch wenn keine Gewähr dafür besteht, dass alle PID-Zyklen weltweit vollständig im PGD-Konsortium erfasst werden, so scheint es doch so zu sein, dass einer der ursprünglich geäußerten Vorbehalte gegen die PID, nämlich den der ausufernden Anwendung, ohne Grundlage ist. Die Autoren der vorliegenden Arbeit plädieren für Forschungsbemühungen, die die Polkörperdiagnostik einfacher, sicherer, und effizienter machen, und für eine finanzielle Unterstützung von betroffenen Paaren, um den Zugang zur Polkörperdiagnostik zu erleichtern.

Interessenkonflikt
Die Autoren erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien
des International Committee of Medical Journal Editors besteht.

Manuskriptdaten
eingereicht: 5. 1. 2009, revidierte Fassung angenommen: 17. 3. 2009

Anschrift für die Verfasser
PD Dr. med. Georg Griesinger, M.Sc.
Universität zu Lübeck und UKL – Universitäres Kinderwunschzentrum Lübeck
Zentrum für Gynäkologische Endokrinologie und Reproduktionsmedizin
am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein
Medizinisches Versorgungszentrum Ambulanzzentrum des UK-SH GmbH
Ratzeburger Allee 160, 23538 Lübeck
E-Mail: kinderwunsch@uk-sh.de

Summary
Polar Body Biopsy in the Diagnosis of Monogenic Diseases—Birth of Three Healthy Children
Background: For prospective parents at risk of transmitting a monogenic disease, polar body analysis is an option for pre-conception
genetic diagnosis. In Germany, polar body analysis is currently performed in only two centers (Lübeck and Regensburg).
Methods: The authors present a clinical series of 9 couples at risk for the transmission of a monogenic disease who underwent in vitro fertilization with polar body analysis.
Results: Nine couples have undergone in vitro fertilization with polar body analysis at the center in Lübeck since 2004. Three healthy children were born after polar body analysis for mucopolysaccharidosis type I, incontinentia pigmenti, and cystic fibrosis. The decision to undergo in vitro fertilization with polar body analysis is not easy for prospective parents to take, even though it often follows years of emotional suffering. Treatment with the methods of reproductive medicine in general, and with polar body analysis in particular, can cause considerable physical and emotional stress.
Conclusions: For prospective parents in Germany at risk of transmitting a monogenic disease, polar body-based preimplantation diagnosis is an alternative to prenatal diagnosis and possible termination of pregnancy. The live birth rate per treatment cycle in this clinical series was 30%, which can be considered satisfactory. Nonetheless, most of the couples who did not achieve pregnancy after a first treatment cycle dropped out of treatment prematurely and did not go on to a second cycle.
Dtsch Arztebl Int 2009; 106(33): 533–8
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0533
Key words: polar body, preimplantation diagnosis, prenatal diagnosis,
in vitro fertilization, infertility
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Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe, Universität zu Lübeck, Lübeck:
PD Dr. med. Griesinger M.Sc., Bündgen, Prof. Dr. med. Diedrich
Institut für Humangenetik, Universität zu Lübeck, Lübeck: Dr. med. Salmen, Prof. em. Dr. med. Schwinger, Prof. Dr. med. Gillessen-Kaesbach
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