ArchivDeutsches Ärzteblatt33/2009Von schräg unten: Tagesschau

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Tagesschau

Dtsch Arztebl 2009; 106(33): [132]

Böhmeke, Thomas

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Es ist 20 Uhr. Zeit also, sich via „Tagesschau“ über die Kontaminationen unserer schönen Erde mit Katastrophen zu informieren, von A wie Arbeitslosigkeit über P wie Parteiengezänk bis Z wie Zwangsmaßnahmen. Heute suchen mich zwei zusätzliche Katastrophen heim, um mich bei meinem allabendlichen Depressionsbelastungstest zu stören: die frechen Neffen. „Onkel Thomas“, so unterbrechen sie die Ausführungen unserer Kanzlerin zur Bankenkrise, „bist du eigentlich auch systematisch irrelevant?“ Systemrelevant, so korrigiere ich das impertinente Duo, ist eine Institutsgruppe, deren Bestandsgefährdung aufgrund ihrer Größe sowie nationalen und internationalen Verflechtung erhebliche negative Folgen hat und zur allgemeinen wirtschaftlichen Instabilität führen kann. „Also kriegst du auch bald Staatsknete! Weil du immer so negativ und instabil bist!“ „Nein, keine Kohle für Onkel Thomas! Der ist weder groß noch international!“, protestiert der andere. Diese onkelzide Äußerung kann ich so nicht stehen lassen. Schließlich bin ich einer von mehr als 300 000 berufstätigen Ärzte in Deutschland, wir besuchen ausländische Kongresse und bilden uns auch mittels fremdsprachlicher Fachliteratur fort. So gesehen, sind wir Doktoren durchaus eine große, international verflochtene Institution, also in der Tat systemrelevant. „Aber seid ihr auch pleite? So wie die Banken?“ Ärztliche Insolvenz, so entgegne ich dem frechen Zwangsverwandten, ist sozusagen integraler Bestandteil unserer Berufsausübung. Schulden wir doch unseren Schutzbefohlenen die beste erdenkliche Diagnostik und Therapie, was aber im Angesicht von Regelleistungsvolumina und Medikamentenbudgets nicht bezahlbar ist. Insofern, lieber Neffe, hast du recht, befinden wir Ärzte uns in einer chronischen Insolvenz, einer permanenten Pleite. „Wenn du also pleite und systemimpertinent bist, dann kriegst du die Asche von der Angela!“ Zum ersten Mal schauen sie mich stolz an. „Onkel Thomas wird ein Geldsack! Was machst du mit den Kröten, willst du auch damit zocken wie die Banker?“ Ich zocke nicht. Ich handle nicht mit faulen Krediten, sondern behandle Menschen.
Die „Tagesschau“ zeigt die künftige exorbitante Staatsverschuldung und einen grantigen Finanzminister. „Wenn etwas schiefgeht, drückst du es auch dem Steuerzahler aufs Auge?“, wollen die Neffen wissen. Ärgerlich entgegne ich, dass bei auftretenden Komplikationen wir Ärzte dafür geradestehen. Politiker und Steuerzahler haben meist keine medizinische Ausbildung. „Aber die Banker machen das so! Heißt das, dass die ihre Komplikationen ausstoßen?“ Du meinst outsourcen, mein ungeliebter Neffe. Nein, so etwas kennen wir Ärzte nicht. Ich wende mich wieder der „Tagesschau“ zu, alle meine Hoffnungen ruhen auf der Wettervorhersage als letzte Chance auf eine frohe Botschaft. Die Neffen lassen das nicht zu. „Onkel Thomas, wer so blöd ist und Komplikationen selbst ausbadet, kriegt nie den Zaster aus Berlin!“
Es gewittert. Raus mit euch!

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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