ArchivDeutsches Ärzteblatt22/1997Israel: Diskussion über die passive Euthanasie

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Israel: Diskussion über die passive Euthanasie

Benzenhöfer, Udo

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LNSLNS Nach israelischem Recht ist die "aktive Euthanasie" verboten. Juristisch nicht eindeutig geklärt ist jedoch die Frage, ob auch jede Form von "passiver Euthanasie" bei Moribunden durch Ärzte untersagt sei, wobei darunter nicht nur die Einstellung laufender lebensverlängernder Maßnahmen, sondern ebenso das Nichtergreifen solcher Maßnahmen zu verstehen ist. Bei einer Diskussion im Arbeits- und Gesundheitsausschuß der Knesset forderte neuerdings unter anderem der israelische Ge­sund­heits­mi­nis­ter eine eindeutige gesetzliche Regelung.


Sieben einschlägige Fälle "passiver Euthanasie" wurden 1987 bis 1994 vor israelischen Gerichten verhandelt. In diesen Verfahren hatten Patienten oder deren Angehörige auf juristischem Weg zu erreichen versucht, daß intensivmedizinische Maßnahmen entweder nicht aufgenommen oder abgebrochen werden sollten. Die Entscheidungen der Gerichte waren dabei unterschiedlich ausgefallen.
Unlängst wurde über das Thema "passive Euthanasie" auch intensiv in der Öffentlichkeit diskutiert. Einem Bericht in der "Jerusalem Post" zufolge waren im November 1996 polizeiliche Ermittlungen gegen mehrere Ärzte des Rebecca-Sieff-Krankenhauses in Safed (Galiläa) aufgenommen worden. Der Vorwurf gegen die Ärzte lautete, daß sie es in zwei Fällen unterlassen hätten, das Leben von terminal erkrankten Patienten zu verlängern. Die Ärzte entgegneten, die Entscheidung, terminal Kranke nicht mehr wiederzubeleben, sei eine, die Ärzte üblicherweise fällen würden; sie hätten ihre Handlungen nicht als Ausübung von "Euthanasie" angesehen.
Nachdem die Ermittlungen publik wurden, kam es zu einer Diskussion im Arbeits- und Sozialausschuß der Knesset. Der Vorsitzende des Ausschusses, Maxim Levy, argumentierte, daß nicht gegen Ärzte unter dem Verdacht der Euthanasie ermittelt werden sollte, wenn keine klare gesetzliche Regelung existieren würde. Auch die meisten anderen Sprecher, darunter der israelische Ge­sund­heits­mi­nis­ter und der Vorsitzende der Israel Medical Association, äußerten sich dahingehend, daß die Entscheidung, ob das Leben eines Menschen intensivmedizinisch verlängert werden solle oder nicht, "aus den Händen der Ärzte" zu nehmen und eindeutig gesetzlich zu regeln sei.


Grundprinzipien der Halacha
Bemerkenswert ist diese Debatte nicht zuletzt deshalb, weil hier Grundprinzipien des jüdischen Religionsgesetzes (Halacha) berührt werden. Zwar ist unstrittig, daß "aktive Euthanasie" beziehungsweise Tötung auf Verlangen nach jüdischer Lehre als Mord angesehen wird. Nach der Halacha gilt, von wenigen Ausnahmen wie zum Beispiel Notwehr und Todesstrafe abgesehen, daß der Mensch sich nicht durch die Tötung eines anderen Menschen Rechte anmaßen dürfe, die allein Gott zukommen. Doch in bezug auf die "passive Euthanasie" sind die religiösen Autoritäten nicht einer Meinung. Eine Minderheit unter den Rabbinern der Gegenwart argumentiert unter Hinweis auf das Gebot des "pikuach nefesch" (Rettung aus Lebensgefahr) für eine Lebensverlängerung um jeden Preis. Das Leben an sich habe demnach einen so hohen Wert, daß jede Maßnahme ergriffen werden müsse, es zu erhalten. Die meisten führenden halachischen Autoritäten halten aber dafür, daß zwar jede aktive Beschleunigung des Sterbevorgangs verboten sei, daß jedoch das Vorenthalten bestimmter Behandlungsformen, die den Todeseintritt hinauszögern könnten, erlaubt sei. Diese Auffassung beruht auf der Annahme, daß das menschliche Leben von höchstem, jedoch nicht von unbegrenztem Wert sei. Daher dürfe der Arzt im Falle von terminal Kranken "beiseite treten und der Natur ihren Lauf lassen" (zitiert nach Steinberg, 1994, Seite 134). Die Frage, welche Behandlungsform vorenthalten werden dürfe, habe auf der Basis der Unterscheidung zu erfolgen, ob diese Form "künstlich" ("artificial") sei und der direkten Behandlung der terminalen Krankheit gelte (beispielsweise Wiederbelebung und Beatmung nach Herzstillstand bei terminal Kranken) - dann dürfe sie vorenthalten werden - oder ob diese Form "natürlich" ("natural") sei und auf die Behandlung von üblicherweise beherrschbaren Situationen ziele (zum Beispiel die Gabe von Nahrung, Flüssigkeit, Sauerstoff, aber auch die Gabe von Antibiotika bei einfachen Infektionen im Falle terminaler Grundkrankheit) - dann dürfe sie nicht vorenthalten werden.
Unabhängig davon, wie die Auseinandersetzung um die "passive Euthanasie" in Israel ausgehen wird, ist festzuhalten, daß die "aktive Euthanasie", wie sie etwa in den Niederlanden praktiziert wird, in Israel strikt abgelehnt wird.

Literatur
1. Maissel J: Euthanasia: Who plays God? The Jerusalem Post, 27. 12. 1996: 5.
2. Steinberg A: The Terminally Ill - Secular und Jewish Ethical Aspects. Isr J Med Sci 1994; 34: 130-135.
3. Steinberg A: The Terminally Ill - Ethical and Jewish Perspectives. Isr J Med Sci 1996; 32: 601-602.


Anschrift des Verfassers
Prof. Dr. med. Dr. phil. Udo Benzenhöfer
Abt. Medizingeschichte, Ethik und
Theoriebildung in der Medizin
Medizinische Hochschule Hannover
30623 Hannover

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