ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2009Neue Influenza: „Keine Panik hier“

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Neue Influenza: „Keine Panik hier“

Dtsch Arztebl 2009; 106(34-35): A-1644 / B-1412 / C-1380

Hillienhof, Arne

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Bis zu 45 Patienten kommen derzeit täglich mit Grippeverdacht in die Spezialambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Foto: dpa
Bis zu 45 Patienten kommen derzeit täglich mit Grippeverdacht in die Spezialambulanz des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf. Foto: dpa
Die Neue Grippe ist präsent, aber sie beherrscht nicht das Tagesgeschehen in den Praxen und Kliniken. Allerdings gibt es erhebliche regionale Unterschiede.

Nein, wir hatten bisher keine Patienten mit der Neuen Grippe. Nur einen vagen Verdacht gab es, aber der hat sich in nichts aufgelöst.“ Das sagt Peter Höxter vom Kreiskrankenhaus Hameln und klingt dabei fast ein wenig bedauernd. Die Klinik im Landkreis Hameln-Pyrmont verfügt über 443 Betten, ist Akademisches Lehrkrankenhaus der Medizinischen Hochschule Hannover und hat sich auf eine mögliche Grippewelle gut vorbereitet. Der Öffentlichkeitsbeauftragte Höxter erklärt die Maßnahmen, mit denen die Hamelner H1N1 begegnen: „Es gibt einen besonderen Ablaufplan für die Betreuung möglicher Grippekranker in der Notaufnahme“, erläutert er. In einem gesonderten Raum stehen die notwendigen Materialien wie Einweghandschuhe und Filtermasken bereit. Das Personal – besonders am Empfang und in der Notaufnahme – ist für den Umgang mit den Erkrankten geschult und darauf vorbereitet, sie möglichst früh zu erkennen und von den übrigen Patienten zu trennen. „Sollte uns doch einer durchgehen und auf einer Station auftauchen, haben wir auch hier überall besondere Grippe-Boxen mit Handschuhen, Kitteln und Masken bereitgestellt und das Personal informiert“, so Höxter. Bislang ist der Ansturm aber ausgeblieben: „Die Niedergelassenen filtern die Patienten im Augenblick noch vollständig heraus“, sagt er.

Auch telefonische Anfragen
Der Ansturm in den Praxen ist daher deutlich größer – aber es gibt beträchtliche regionale Unterschiede. „Wir haben einen Riesenandrang“, sagt Hans-Michael Mühlenfeld. Er betreibt eine Gemeinschaftspraxis mit vier weiteren Kollegen und einem Weiterbildungsassistenten am Stadtrand von Bremen und ist außerdem Landesvorsitzender des Deutschen Hausärzteverbandes in Bremen und des Institutes für hausärztliche Fortbildung. In dieser Eigenschaft hat er die Ärzte- und Patienteninformationen des Hausärzteverbandes zur Neuen Grippe konzipiert. Im Augenblick stehen rund sechs Patienten pro Tag mit dem Verdacht auf die Neue Grippe (Stand 11. August) in der Praxis. Es sind Reiserückkehrer und Patienten, die befürchten, sich im eigenen Land angesteckt zu haben. Hinzu kommen Anrufer, die ihre Symptome schildern und Fragen zu Vorgehen und Verhalten haben. „Das Problem ist weniger medizinischer Art. Die Frage ist vielmehr, wie wir diese Patienten und ihre Anfragen managen“, sagt Mühlenfeld.

Patienteninformationen für die Praxis: Der Deutsche Hausärzteverband unterstützt seine Mitglieder mit diesen Plakaten.
Patienteninformationen für die Praxis: Der Deutsche Hausärzteverband unterstützt seine Mitglieder mit diesen Plakaten.
Diese Probleme hat Andreas Marian im Augenblick noch nicht. Der Allgemeinmediziner betreibt eine Gemeinschaftspraxis mit zwei weiteren Hausärzten und einem Arzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin in Blankenheim in der Eifel. „Wir haben hier keine Grippewelle“, sagte Marian, „allenfalls den einen oder anderen verunsicherten Spanienrückkehrer.“ Aber auch von diesen war noch keiner an der Neuen Grippe erkrankt. Den Kollegen in der Region gehe es ähnlich, weiß Marian zu berichten. Trotzdem hat sich die Praxis auf eine Grippewelle eingestellt, einen eigenen Untersuchungsraum reserviert und die notwendigen Utensilien bereitgestellt. Das Infomaterial des Hausärzteverbandes zum Umgang mit den Patienten liegt am Empfang bereit und ist mit den Mitarbeiterinnen besprochen. Außerdem ist die Praxis auf den Öffentlichen Gesundheitsdienst in der Region zugegangen und bespricht mit den Verantwortlichen dort die Organisation der Grippeimpfungen in den kommenden Wochen.

Fühlen sich die Hausärzte von Behörden und zuständigen Instituten gut informiert? Laut Marian eher nicht: „Der Knackpunkt ist, wie wir bei Risikogruppen vorgehen sollen, zum Beispiel bei Schwangeren“, sagt er. Die Empfehlungen hier seien unklar: Impfen? Virostatika? Oder eher nichts tun, weil gerade dies kontraindiziert sei? „Da gibt es keine klare Linie bei den Experten“, so Marian.

Auch der Bremer Hausarzt Mühlenfeld kritisiert den Informationsfluss. „Diese Wissenschaftler und Experten sind alle keine Praktiker“, sagt er. Das herausgegebene Material sei zwar wissenschaftlich korrekt, aber für die hausärztliche Praxis nicht brauchbar: „Es fehlen zum Beispiel die konkrete Information für die Mitarbeiterinnen und die Information für die Patienten.“ Diese seien aber entscheidend für die Betreuung von Grippeerkrankten und –verdachtsfällen in der Praxis. „Wir haben deshalb unser eigenes Material erarbeitet und über den Hausärzteverband zur Verfügung gestellt“, so Mühlenfeld.

Frühes Erkennen ist wichtig
Die Strategie für das Management der Grippekranken ist, diese an verschiedenen Stellen möglichst früh zu identifizieren und von den übrigen Patienten zu trennen. Dazu dient ein Türschild, das Patienten auffordert, bei Verdacht auf Grippe nicht hereinzukommen, sondern die Praxis anzurufen. Die gleiche Aufforderung gibt es auch auf der Website der Praxis und als Presseunterlagen für die lokalen Medien. Auf diese Weise werden knapp ein Drittel der Verdachtspatienten bereits abgefangen. Die Praxis berät die Anrufer dann telefonisch. Einen Hausbesuch machen die Ärzte nur bei Risikopatienten und bei Grippepatienten mit Komplikationen, zum Beispiel Fieber über 40 Grad Celsius, Gewichtsverlust von mehr als vier Kilogramm oder Atemnot. Medikamente wie Fiebersenker, die Arbeits­unfähigkeits­bescheinigung und ein Patienteninfoblatt sollen die Angehörigen in der Praxis abholen.

Sollte ein Patient mit Grippeverdacht dennoch in die Praxis kommen, sind die Mitarbeiterinnen laut Mühlenfeld mittels eines Infoblattes geschult, die Symptome abzufragen und dringende Verdachtsfälle zu identifizieren. Diese Patienten kommen nicht ins Wartezimmer oder die Sprechstunde, sondern sollen sich ebenfalls telefonisch beraten lassen.

Und wie sieht es in den großen Kliniken der Maximalversorgung aus, den Universitätskliniken? Von einer Grippewelle möchte die Pressesprecherin der Uniklinik Köln, Sina Vogt, im Augenblick noch nicht sprechen. In die Notaufnahme kommen am Tag maximal fünf bis sechs Patienten mit Grippeverdacht. Zwar existiert ein Notfallplan mit den Stufen eins bis vier, aber im Augenblick behandeln Ärzte und Pflegepersonal diese Patienten noch im Rahmen des Routinebetriebes, allerdings mit einem besonderen Prozedere: Geschultes Personal befragt und untersucht die Patienten in dazu reservierten Räumen. Sollten neben dem Kardinalsymptom „Fieber über 38 Grad“ mindestens zwei Sekundärmerkmale wie Schüttelfrost, trockener Husten, aber auch Auslandsaufenthalt oder Kontakt zu anderen Influenzapatienten hinzukommen, erhalten die Patienten einen Grippetest. Handelt es sich nicht um Risikopatienten, wie Schwangere oder um Patienten mit Komplikationen wie Atemnot oder Bewusstseinseintrübung, werden sie nach einer Beratung wieder nach Hause geschickt. Die Uniklinik kontaktiert dann den Öffentlichen Gesundheitsdienst, der die Patienten anruft, wenn der Test positiv ausfällt. In diesem Anruf berät der Gesundheitsdienst die Patienten auch über das weitere Vorgehen.

Einen größeren Patientenandrang erlebt das Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). „Zu uns kommen tagsüber 25 bis 35 Patienten mit Grippeverdacht und in der Nacht nochmals acht bis zehn“, berichtet die Direktorin für Patienten- und Pflegemanagement, Ricarda Klein. Das UKE hat daher eine eigene Spezialambulanz in einem Container eingerichtet. Hier arbeitet Personal aus den Infektionsstationen des Klinikums. Die Patienten werden über Hinweistafeln und das Personal an der Hauptpforte zu der Ambulanz gewiesen. „Das klappt sehr gut“, so Klein. Die Patienten seien zufrieden. „Besonders wichtig: Auf diese Weise schützen wir unsere anderen Notfallpatienten“, erläutert sie. Bei bis zu 45 Patienten pro Tag mit Grippeverdacht sei es sinnvoll, die Abläufe komplett voneinander zu trennen. Warum der Ansturm im UKE höher ist als in der Uniklinik Köln, weiß Klein nicht zu sagen. Vielleicht spielt die Größe der Stadt eine Rolle oder die Ferienmitte in Hamburg, zu der mancher Urlauber aus dem Ausland zurückkommt.

Nicht alle Patienten mit Fragen zur Neuen Grippe wenden sich an eine Klinik oder ihren Hausarzt. Viele rufen auch bei den Hotlines des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums (BMG) oder bei lokalen Infodiensten an. Die Zahl der Anrufer ist sehr stark von der Medienberichterstattung abhängig, erläutert eine Sprecherin des BMG. Im Augenblick verzeichnet die Hotline rund 300 bis 400 Anrufe pro Tag, nach einem Bericht in der Tagesschau schnellen die Anruferzahlen auf bis zu 3 000 hoch. „Ist Schweineinsulin ansteckend? Werden die Schulen geschlossen? Wie muss ich meine Wäsche waschen?“ wollen die Anrufer wissen. Ärzte sind froh, dass sie nicht alle diese Anfragen beantworten müssen. „Der Öffentliche Gesundheitsdienst, Hotlines und die Presse filtern viel weg“, sagte Höxter aus dem Kreiskrankenhaus Hameln. Ansonsten sind Praxen und Kliniken aber gut vorbereitet. „Keine Panik hier“, sagt der Öffentlichkeitsbeauftragte.
Dr. med. Arne Hillienhof
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