ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2009Dr. Regina Benjamin, Surgeon General der USA: Jenseits des Blitzlichtgewitters

THEMEN DER ZEIT: Porträt

Dr. Regina Benjamin, Surgeon General der USA: Jenseits des Blitzlichtgewitters

Dtsch Arztebl 2009; 106(34-35): A-1663 / B-1426 / C-1394

Gerste, Ronald D.

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LNSLNS Eine 52-jährige Landärztin ist das neue Gesicht der US-amerikanischen Ärzteschaft. Sie kämpft vor allem für eine angemessene Versorgung sozial schwacher Patienten.

Der Vater starb an den Komplikationen eines Diabetes mellitus und einer arteriellen Hypertension, beides assoziiert mit dem epidemiologischen Problem Nummer eins in den USA, der Adipositas. Der ältere Bruder verschied mit 44 Jahren an den Folgen einer HIV-Infektion. Die Mutter erlag einem Bronchialkarzinom; sie hatte seit den Teenagerjahren geraucht.

Energie und Zuversicht sind Eigenschaften, die Barack Obama bewogen haben, der Nation Regina Benjamin als neuen Surgeon General zu präsentieren. Foto: dpa
Energie und Zuversicht sind Eigenschaften, die Barack Obama bewogen haben, der Nation Regina Benjamin als neuen Surgeon General zu präsentieren. Foto: dpa
Mit vermeidbaren, durch Gesundheitsaufklärung in Grenzen verhinderbaren Erkrankungen hat Dr. Regina Benjamin in ihrem familiären Umfeld auf tragische Weise Erfahrungen gesammelt, die sie mit vielen Afroamerikanern in den USA teilt. Allerdings waren es nicht diese persönlichen Aspekte ihrer Biografie, die Präsident Barack Obama bewogen haben, die 52-jährige Landärztin aus Alabama für das Amt des U.S. Surgeon General zu nominieren, des ranghöchsten Arztes im amerikanischen Gesundheitswesen. Ausschlaggebend waren vielmehr die Energie und Zuversicht, mit der Benjamin mehrfach schwere Rückschläge in ihrem medizinischen Wirken überwunden hat, sowie ihr Mitgefühl mit ihren ärmsten Patienten: Menschen ohne Kran­ken­ver­siche­rung. Diesen für viele Amerikaner beschämenden Zustand – rund 45 Millionen US-Bürger sind ohne Versicherungsschutz – will Obama mit seiner politisch ambitionierten Gesundheitsreform überwinden. Benjamin dürfte für dieses Vorhaben die geeignete Botschafterin sein.

Die Ärztin arbeitete bislang fernab jeden Medienrummels – im Gegensatz zu dem eitlen und medial allgegenwärtigen CNN-Arzt Sanjay Gupta, der sich bald nach Obamas Regierungsantritt selbst als Kandidat für das Amt des Surgeon Gener-al ins Gespräch gebracht hatte. Er zog seine Kandidatur zurück, nachdem aus dem Weißen Haus keine Begeisterung spürbar wurde.

Benjamins Arbeitsfeld liegt geografisch beinahe ebenso weit von Washington entfernt wie von Hollywood: Es ist Bayou La Batre an der Golfküste Alabamas. Der 2 315- Seelen-Ort ist von Armut gezeichnet, wie nicht wenige sehr ländliche Regionen im tiefen Süden der USA. 40 Prozent der Einwohner des vor allem durch Einwanderer aus Südostasien geprägten Ortes sind nicht krankenversichert.

Benjamin, die an der Morehouse School of Medicine in Atlanta studierte, betreibt in Bayou La Batre seit 1990 ein kleines Gesundheitszentrum. Sie ist praktische Ärztin und behandelt fast alles, womit sie im Berufsalltag konfrontiert wird; Hausbesuche unternimmt sie mit einem in die Jahre gekommenen Pickup-Truck. Spezialisten sind rar in dem Provinzort; die nächste größere Klinik befindet sich im 30 Autominuten entfernten Mobile – ein Auto haben die meisten von Benjamins Patienten indes nicht. „Deswegen ist es so wichtig, dass die Primärversorgungszentren hier vor Ort sind; auch Patienten auf dem Land verdienen eine gute Behandlung“, erklärte sie dem Nachrichtenmagazin „U.S. News and World Report“. „Es ist schwierig, hier die gleichen Ergebnisse zu erzielen wie in Manhattan, aber es lohnt sich, es zu versuchen.“

Mit ihrer Entschlossenheit, auch schwere Rückschläge mit Mut und einem durch ihren katholischen Glauben gestärkten Gottvertrauen zu überwinden, liegt Benjamin von ihrer Lebenseinstellung her auf der Linie des Präsidenten. 1998 zerstörte der Hurrikan George Teile ihrer Ambulanz, 2005 suchte Hurrikan Katrina den kleinen Ort ebenso schwer heim wie das große New Orleans jenseits der Grenze zu Louisiana. Kurz vor ihrer Wiedereröffnung zerstörte ein Feuer die Ambulanz. Die Energie der Ärztin machte zunächst die Kollegenschaft, dann auch die Politik und die Medien aufmerksam. 2002 wählte die Medical Association of the State of Alabama Benjamin zu ihrer Vorsitzenden – es war das erste Mal, dass eine Schwarze die Leitung der medizinischen Gesellschaft eines Bundesstaates übernahm. Der Nelson Mandela Award for Health and Human Rights wurde ihr verliehen, „U.S. News and World Report“ nahm sie 2008 in die „Liste Amerikas bester Führungspersönlichkeiten“ auf.

Aufgabe des Surgeon General ist es, das Public Health Service Commissioned Corps zu leiten, eine Art nationale Präventionsbehörde. Er – oder sie – ist der wichtigste Sprecher der Regierung in Angelegenheiten der öffentlichen Gesundheit. Als oberster Gesundheitsaufklärer des Landes ist der Surgeon General von beträchtlicher medialer Sichtbarkeit; die Vorgänger Benjamins hatten vor allem mit dem Kampf gegen das Rauchen hohe Aufmerksamkeit erzielt. Ein scharfes Profil verlieh der Surgeon General von US-Präsident Ronald Reagan, C. Everett Koop, dem Amt, als er – nicht immer im Einklang mit seinem konservativen Chef – dazu aufrief, über Aids schon in der Grundschule aufzuklären und zur Prävention Kondome zu benutzen.

Obama erhofft sich von Benjamin neben der Unterstützung für seine Gesundheitsreform ein tatkräftiges Eingreifen angesichts der für den Herbst befürchteten Zunahme von H1N1-Infektionen. Der Präsident sollte indes nicht davon ausgehen, dass er die Ärzteschaft dazu bewegen kann, Benjamin in einem weiteren Punkt nachzueifern: Bei wirtschaftlich besonders schlecht gestellten Patienten verzichtete sie oft auf ein Honorar.
Ronald D. Gerste
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