ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2009Die flämischen Schlachtfelder: Soldatengräber – die großen Prediger des Friedens

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Die flämischen Schlachtfelder: Soldatengräber – die großen Prediger des Friedens

Traub, Ulrich

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LNSLNS 91 Jahre nach dem Ersten Weltkrieg: Erinnerung zwischen Mahnung und Kommerz

Eine unspektakuläre Landschaft, bäuerlich geprägt, friedlich, so scheint es: Felder und Wiesen, durchzogen von Flüsschen und Kanälen. Hier und da Dörfer, durch die man fährt, ohne Besonderes zu erwarten. Die Gegend stimmt fast ein wenig melancholisch.

Das Schweigen der Soldatenfriedhöfe: Auf dem Tyne Cot Cemetery liegen 11 856 britische Soldaten begraben.Foto: Ulrich Traub
Das Schweigen der Soldatenfriedhöfe: Auf dem Tyne Cot Cemetery liegen 11 856 britische Soldaten begraben.
Foto: Ulrich Traub
Rund um das flämische Städtchen Ypern bewegt man sich auf geschichtsträchtigem Boden. Hier ist die Erde blutgetränkt vom hunderttausendfachen Sterben. Hier, entlang des Flusses Ijzer, wurde im Herbst 1914 der Vormarsch der deutschen Invasoren gestoppt. Hier wurde vier lange Jahre Schlacht um Schlacht geschlagen, wurde erstmals Giftgas eingesetzt, wurde der Zivilbevölkerung bis dahin unvorstellbares Leid zugefügt. 91 Jahre ist es am 11. November her, da fanden der Erste Weltkrieg und mit ihm der sinnlose Tod auf den flämischen Schlachtfeldern ein Ende. Ypern ist zum Symbol geworden. Ein Foto vom Ende des Krieges zeigt die Stadt als Trümmerfeld.

Heute präsentiert sich das Zentrum rund um die gotische Tuchhalle so, als wäre hier nie eine Bombe gefallen. Das ganz normale Leben nimmt längst wieder seinen Lauf. Das ganz normale Leben?

Jeden Abend um 20 Uhr ertönen Fanfarenstöße unter dem gewaltigen Gewölbe des Menentors. Durch dieses Tor marschierten die britischen Truppen, die Ypern seit Oktober 1914 verteidigten, zur Front. 54 896 Namen in den Mauern des Tores erinnern an die vermissten Soldaten des britischen Empires.

Rückkehr der Vergangenheit
Abend für Abend – seit 1928 –, wenn ein Komitee dankbarer Bürger Yperns den Zapfenstreich bläst, finden sich zahlreiche Menschen ein, um den Soldaten die Ehre zu erweisen. Abend für Abend werden Kränze niedergelegt und kleine Holzkreuze mit einer roten Mohnblüte aus Papier an die Namenszüge gesteckt.

Mehrere touristische Routen führen zu den bedeutendsten Stationen des Ersten Weltkriegs. Das Geschäft mit den Kriegserinnerungen blüht. Private Museen stellen nichtssagende Kriegsdevotionalien und schlechte Fotos zur Schau. Der Tourismusverband Flandern hat eine 92 Seiten umfassende Broschüre aufgelegt, die Orientierung im Gedenkstättengedränge verschaffen soll. Denn auch jemand, der an fundierten Informationen interessiert ist, wird seit einigen Jahren fündig. Mehrere neue Museen und Dokumentationszentren – wie die preisgekrönte, multimediale Inszenierung im Museum In Flanders Fields in Ypern – führen das Grauen mit einer überzeugenden Balance aus Information und emotionaler Ansprache vor Augen (und Ohren). Dem steht das Schweigen der Soldatenfriedhöfe gegenüber – etwa auf dem Tyne Cot Cemetery, wo fast 11 856 britische Soldaten begraben liegen. Es ist der größte Soldatenfriedhof des Commonwealth. „Die Soldatengräber sind die großen Prediger des Friedens“, hoffte Albert Schweitzer.
Ulrich Traub


Informationen:
Flandern-Tourismus, Telefon: 02 21/2 70 97 70, www.flandern.com
Das Schweigen der Soldatenfriedhöfe: Auf dem Tyne Cot Cemetery liegen 11 856 britische Soldaten begraben.
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