ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2009Anästhesie und Intensivmedizin in Malawi: Dem alltäglichen Mangel trotzen

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Anästhesie und Intensivmedizin in Malawi: Dem alltäglichen Mangel trotzen

Pollach, Gregor; Downie, Paul

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LNSLNS Seit gut zwei Jahren leitet ein deutscher Arzt die Anästhesie an der Klinik der Universität in Blantyre. Im Deutschen Ärzteblatt berichtet er von den Schwierigkeiten, aber auch von Erfolgserlebnissen.

Malawi liegt im südöstlichen Afrika, umgeben von Tansania, Sambia und Mosambik. Seine 14 Millionen Einwohner leben überwiegend von Ackerbau und Subsistenzwirtschaft. Das Land ist klein, schön, friedlich und selbst für afrikanische Verhältnisse sehr arm. In fast jeder Statistik rangiert es weit hinten – sei es bei der Lebenserwartung, dem Pro-Kopf-Einkommen, dem Bildungsniveau oder der Gesundheitsversorgung.

Blantyre ist das Wirtschaftszentrum Malawis. Die Abteilungen für Anästhesie und Intensivmedizin am dortigen College of Medicine der Universität von Malawi und am größten Krankenhaus des Landes, dem Queen Elizabeth Central Hospital (Q.E.C.H.), werden seit zwei Jahren von Mitarbeitern des Zentrums für internationale Entwicklung und Migration geleitet (einer deutschen Organisation). Zentrale Aufgabenbereiche sind die Patientenversorgung und die Beteiligung an der Ausbildung verschiedener medizinischer Berufsgruppen.

Das Q.E.C.H. hat circa 1 000 Betten mit rund 1 300 stationären Patienten – ganz genau weiß das niemand. Wir arbeiten täglich in acht OPs, betreiben eine Intensivstation, sind stark in die Notfallversorgung involviert und stellen Serviceleistungen für die anderen Abteilungen zur Verfügung.

Die operative Anästhesie bietet ein umfassendes Spektrum in der pädiatrischen und der allgemeinen Chirurgie, der Orthopädie, der Urologie, der Gynäkologie und Geburtshilfe sowie der Ophthalmologie. Die Eingriffe reichen von der Ösophagusatresie des Neugeborenen bis zur Ösophagektomie bei Karzinomen, von der Wirbelsäulenchirurgie über die gesamte große intestinale Chirurgie bis zu allem, was die Geburtshilfe an Notfällen zu bieten hat. Außerdem arbeiten wir in der HNO, der Neurochirurgie, in der plastischen Chirurgie, der Zahn-Mund-Kiefer-Heilkunde sowie in der Tageschirurgie. Trotz des alltäglichen Mangels ist die Qualität der therapeutischen Arbeit oft verblüffend gut.

Auffallend freundliche Menschen – seinen Beinamen „the warm heart of Africa“ trage Malawi zu Recht, betont Gregor Pollach (2.v.l.). Fotos: privat
Auffallend freundliche Menschen – seinen Beinamen „the warm heart of Africa“ trage Malawi zu Recht, betont Gregor Pollach (2.v.l.). Fotos: privat
Die Geburtshilfe ist mit rund 13 000 Geburten im Jahr riesig. Abgesehen von den Absolutzahlen sind auch die relativen Zahlen geburtshilflicher Komplikationen sehr hoch, weil die Frauen aus abgelegenen Dörfern kommen, den Transport nicht bezahlen können oder zu lange von traditionellen Heilern behandelt wurden. Jährlich registrieren wir so viele tödliche geburtshilfliche Komplikationen wie in einem Fünftel aller Krankenhäuser Deutschlands zusammen. In der Pädiatrie bietet sich ein ähnliches Bild. Die Gesamtzahl der pro Jahr im Haus behandelten Kinder dürfte sich in der Größenordnung von drei deutschen Unikliniken befinden.

Auf der Intensivstation mit vier Beatmungsbetten findet man Patienten aus allen medizinischen Disziplinen. Dies reicht vom Frühgeborenen mit Gastrochisis, über Neugeborene mit Enterothorax und Kinder mit zerebraler Malaria oder unklarem Guillain-Barré-Syndrom bis zu jungen Müttern, die mit Präeklampsie oder Eklampsie, mit zerrissener Gebärmutter oder extremer Anämie aufgenommen werden. Die jungen Männer werden oft mit Schädel-Hirn-Traumen eingeliefert. Ältere Patienten nach Prostatektomie sind genauso vertreten wie die klassischen internistischen Krankheitsbilder einer diabetischen Ketoacidose, einer Niereninsuffizienz oder einer Herzinsuffizienz. Aber auch die tropentypischen und ­betonten Infektionen sind anzutreffen, wie der Tetanus, die Malaria, die pulmonale und die extrapulmonale Tuberkulose, die Meningitiden, die Hepatitiden, die Bilharziose – und das menschliche Immunschwächevirus.

Hilfe, die ankommt: Die Autoren freuen sich über jedwede Unterstützung des Projekts – sei es als Arzt,für einige Monate vor Ort, oder auch finanziell. Das Spendenkonto: Kreissparkasse Biberach an der Riß, BLZ: 654 500 70, Konto: 7 240 148, Stichwort: „Hilfe Anäst./Intensiv. Malawi“
Hilfe, die ankommt: Die Autoren freuen sich über jedwede Unterstützung des Projekts – sei es als Arzt,für einige Monate vor Ort, oder auch finanziell. Das Spendenkonto: Kreissparkasse Biberach an der Riß, BLZ: 654 500 70, Konto: 7 240 148, Stichwort: „Hilfe Anäst./Intensiv. Malawi“
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Bei der Beschaffung von Medikamenten und Material sowie der Erneuerung technischer Geräte haben wir die gleichen großen Probleme wie die meisten Krankenhäuser Afrikas. Hier keine zu großen Lücken entstehen zu lassen, bindet viel Arbeitszeit und ist sehr frustrierend – etwa dann, wenn man für die Verlegung eines Patienten mit akuten Atemwegsproblemen auf die Intensivstation zwei kräftige Männer benötigt, um die Sauerstoffflasche zu tragen, weil alle kleinen Flaschen „out of stock“ sind. Angegliedert an die Abteilung ist die „Malawi School of Anaesthesia“, in der nicht ärztliche Anästhesisten ausgebildet werden. Diese Anaesthetic Clinical Officers (ACO) bilden das Rückgrat der Anästhesie in Malawi und erbringen 95 Prozent der Narkoseleistungen. Die Hingabe, mit der die ACO bei geringer Bezahlung und ohne echte Aufstiegschancen ihrem Beruf nachgehen, ist erstaunlich. Ihre Aus- und Fortbildung sowie die Beteiligung an der Schwesternausbildung sind Teil der täglichen Arbeit.

Die Medizinische Fakultät der Universität von Malawi hat im südlichen Afrika einen guten Ruf und bildet jährlich 40 Studierende aus. Diese Zahl soll in den nächsten Jahren auf 100 gesteigert werden. Hier vertreten wir den anästhesiologischen und intensivmedizinischen Bereich. Bislang gab es für den Nachwuchs keine Möglichkeit, eine Weiterbildung zum Anästhesisten zu absolvieren. So arbeitet im ganzen Land kein malawischer Facharzt für Anästhesie. Eine unserer Aufgaben war es deshalb, eine Weiterbildung für Anästhesie und Intensivmedizin aufzubauen.

Nach Überwindung zahlreicher Schwierigkeiten bilden wir seit Mai die ersten beiden Kollegen zu Anästhesisten weiter. Darauf sind wir sehr stolz, weil medizinische Entwicklungshilfe mehr als nur die Unterstützung von primary health care und public health beinhalten sollte. Was nutzt es der Gesellschaft, wenn das Baby, das durch eine Impfkampagne gerettet wird, als erwachsene Frau mit fünf Kindern unter der Geburt an einer Präeklampsie oder an Blutungskomplikationen sterben muss, weil die Bedingungen für eine einfache intensivmedizinische Versorgung nicht gegeben sind? Menschenwürdiges Leben in einer Gesellschaft manifestiert sich auch darin, wie groß die Wahrscheinlichkeit ist, jenseits der Einrichtungen der Basisgesundheitsversorgung zu gesunden. Dies setzt es einen Facharztstandard voraus. Ohne die mehrjährige Konzentration auf einen Bereich der Medizin – natürlich unter geeignetem Lehrpersonal – ist ein großer Teil der persönlichen Ressourcen nicht abrufbar und mithin für die Gemeinschaft verloren.

Malawi wird auch in 30 Jahren kein flächendeckendes System von Anästhesisten besitzen. Aber es benötigt genügend Spezialisten, um die Ausbildung der ACO sicherzustellen und die wichtigsten Schaltfunktionen ärztlich zu besetzen. Wahrscheinlich reichen bereits etwa 20 weitergebildete Kollegen aus, um eine Verbesserung der Patientenversorgung zu erreichen.

Dr. med. Gregor Pollach M. A., Paul Downie
E-Mail : gipi.bc62@yahoo.de

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