ArchivDeutsches Ärzteblatt34-35/2009Arztgeschichte: 35 au quart

SCHLUSSPUNKT

Arztgeschichte: 35 au quart

Tröndle, Reinhard

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Zeichnung: Elke R. Steiner
Zeichnung: Elke R. Steiner
„Die Schwester sieht meine vorwurfsvolle Miene, ist aber selbst ganz verstört.“

Ein ländliches Krankenhaus in einem kleinen afrikanischen Land, Ende der 80er-Jahre des letzten Jahrhunderts.

Ich habe Dienst und mache gerade meine abendliche Runde, bevor ich mich zurückziehen möchte. Im Kreissaal ist noch eine Frau. Pressend liegt sie auf einem der zwei schlichten Entbindungsstühle, abgetrennt zur Eingangstür durch einen verblichenen Stoffvorhang. Die betreuende Krankenschwester gehört zu den weniger erfahrenen, so entschließe ich mich, kurz dabei zu bleiben. Sie sagt, es sei alles in Ordnung, auch die Herztöne gut, auskultiert mit einem Aluminium-Stethoskop: „35 au quart“, das heißt 35 Schläge in der viertel Minute (entsprechend 140 pro Minute). Das Köpfchen ist auch zu sehen, in der übernächsten Wehe wird das Kind geboren. Es macht einen schlappen Eindruck, nach dem Abnabeln legen wir es auf ein nebenstehendes Tischchen. Die Schwester sucht eilig nach einem Ambobeutel. Der Herzschlag ist nicht zu hören, die nähere Betrachtung der Haut lässt eine leichte Mazeration erkennen. Der Tod muss schon vor etlichen Stunden eingetreten sein.

Die Schwester sieht meine vorwurfsvolle Miene, ist aber selbst ganz verstört und versichert mir inbrünstig: „Ich habe wirklich die Herztöne gehört.“ – Wir werden unterbrochen durch einen Laut der zwischenzeitlich etwas vernachlässigten Entbundenen – sie muss nochmals pressen. Ein prüfender Griff auf ihren Bauch zeigt eine kräftige Wehe, den Fundus noch hoch über dem Nabel. Da kommt auch schon das nächste Köpfchen zum Vorschein, der Körper folgt, und das Licht erblickt ein kräftig schreiendes Mädchen, putzmunter zappelnd.

Die Mutter hat nichts von Zwillingen gewusst und ist selbst vollkommen überrascht. Die Schwester und ich blicken uns an, und beide sind wir erleichtert, dass das „Herzton-Phänomen“ doch eine wirkliche und so erfreuliche Erklärung gefunden hat.
Reinhard Tröndle

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