ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2009Hausärztemangel – Weil der Nachwuchs fehlt: Der Ruhestand muss warten

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Hausärztemangel – Weil der Nachwuchs fehlt: Der Ruhestand muss warten

Schmitt-Sausen, Nora

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Ausspannen vertagt: Zeit zum Erholen ist später. Derzeit hat die ambulante Versorgung der Bürger in Gotha Vorrang. Foto: Mauritius Images
Ausspannen vertagt: Zeit zum Erholen ist später. Derzeit hat die ambulante Versorgung der Bürger in Gotha Vorrang. Foto: Mauritius Images
Statt in Rente zu gehen, arbeiten im thüringischen Gotha sechs Allgemeinmediziner nach dem eigentlichen Ende ihrer Tätigkeit in einer Eigeneinrichtung der KV. Ein weiterer Versuch, dem Mangel in der ambulanten Versorgung zu begegnen.

D r. med. Christine Jankowski wird im Dezember 70 Jahre alt. Dass sie in diesem Alter immer noch im Kittel durch die Praxis hetzt, Herzen abhört, Rezepte schreibt und Krankenakten führt, wäre für sie vor einigen Jahren undenkbar gewesen. Doch nun wird genau das Realität: Zum 1. Juli hat Jankowski einen Zweijahresvertrag mit der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Thüringen unterschrieben. Sie ist eine von sechs Allgemeinmedizinern, die gemeinsam in einer Eigeneinrichtung der KV in Gotha arbeiten. Aus Mangel an ärztlichem Nachwuchs in der Stadt hängen die Mediziner noch einige Arbeitsjahre dran. Der Ruhestand muss warten.

Halb war es die Verpflichtung ihren Patienten gegenüber, halb die Leidenschaft für den Beruf, die Jankowski dazu bewogen haben, ihren Garten noch etwas länger zu vernachlässigen. „Ich habe immer gesagt, mit 70 arbeite ich nicht mehr. Aber dann hat sich der Ärztemangel wie ein Gewitter über uns zusammengebraut. Und schließlich sind wir nun mal Ärzte“, sagt sie. Immerhin: Ein bisschen mehr Zeit als vorher hat Jankowski nun. Denn die Mediziner der Gemeinschaftspraxis arbeiten jeweils nur noch zwei Tage in der Woche. Auch müssen sie das Risiko der Praxis nicht mehr tragen. Das liegt ausschließlich bei der KV. Sie hat die Verträge abgeschlossen und steht für alle finanziellen Aufwendungen gerade. „Es ist schon eine große Erleichterung, nicht mehr für alles verantwortlich sein zu müssen“, sagt Jankowski, die erst Ende Juni ihre eigene Praxis geschlossen hat. Auch zwei ihrer neuen Kollegen haben bis vor Kurzem noch in eigener Praxis gearbeitet, die beiden anderen waren gelegentlich als Vertretungsärzte tätig.

Die Umstellung vom langjährigen Einzelkämpfer hin zum Arzt im Gemeinschaftsbetrieb verläuft noch nicht ganz reibungslos. „Vieles muss sich noch einspielen“, sagt Jankowski. Das größte Problem der Startphase: Alte Patientendaten müssen neu erfasst und digitalisiert werden. Alle sechs Ärzte müssen darauf leichten Zugriff haben. Etwa wenn ein Patient Jankowskis an einem Tag mit Beschwerden in die Praxis kommt, an dem die Medizinerin nicht da ist.

Die Bürger nehmen die Praxis sehr gut an. Der Ansturm sei riesig, sagt Jankowski. Kaum zu bewältigen. Es kämen vor allem die Patienten der Ärzte, die bis vor Kurzem noch voll praktiziert haben, aber auch viele neue. „Und es kommen welche, die hören, dass ihr alter Hausarzt wieder tätig ist.“ Jankowski hat einige ihrer Patienten in Tränen ausbrechen sehen, als sie gehört haben, dass sie weiter praktiziert.

Bereits die zweite Eigeneinrichtung in Gotha
Die Gemeinschaftspraxis ist bereits die zweite Eigeneinrichtung der KV in Gotha. In der Stadt sei es besonders schwierig, Nachfolger für eine Praxis zu finden, sagt der zweite KV-Vorsitzende Sven Auerswald. Im Mai 2008 hatte der ehemalige Bundeswehrarzt Andreas Schwenn mithilfe der KV eine Praxis eröffnet. Das Projekt trug schneller Früchte als erwartet: Seit dem 1. Juli führt Schwenn seine Praxis losgelöst von der KV, die ihn noch ein weiteres Jahr unterstützt hätte. „Mein Ziel war es, die Praxis so schnell wie möglich zu übernehmen, und es war schnell klar, dass das funktionieren würde“, sagt der 45-Jährige. Schwenn ist in alle Verträge eingestiegen, etwa mit dem Vermieter und dem Hersteller der Computer-Software. „Die KV hat mir das Risiko vom Herzen genommen“, beschreibt Schwenn die Vorteile der KV-Anstellung. Durch die Unterstützung habe er „zunächst ausprobieren können, ob das mit der eigenen Praxis funktioniert“. Schließlich habe er zuvor nie unternehmerisch gearbeitet und sei nicht sicher gewesen, ob die Patienten ihn annehmen. In der Eigeneinrichtung hätte er sich „über die erste Durststrecke hinweghangeln“ können.
Nora Schmitt-Sausen

Neue Stiftung
Um die ambulante Versorgung in Thüringen zu fördern und zu verbessern, hat die Kassenärztliche Vereinigung gemeinsam mit dem Land Thüringen Ende Juli eine Stiftung gegründet. Die „Stiftung zur Förderung der ambulanten ärztlichen Versorgung im Freistaat Thüringen“ soll unter anderem Ärzte im praktischen Jahr unterstützen und bedarfsbezogene Weiterbildungen fördern. Auch der Betrieb von Eigeneinrichtungen ist ein Stiftungszweck.
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