ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2009Nachahmerpräparate: Wettbewerbsmängel im Markt

POLITIK

Nachahmerpräparate: Wettbewerbsmängel im Markt

Dtsch Arztebl 2009; 106(36): A-1711 / B-1472 / C-1440

Spielberg, Petra

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LNSLNS Zahlreiche Pharmafirmen versuchen, die Generikamärkte in der Europäischen Union auszubremsen. Ein erstes Kartellverfahren läuft.

Die EU-Kommission hat 18 Monate lang die Pharmaindustrie ins Visier genommen und die Branche unter anderem mit Razzien aufgeschreckt. Ziel der unter Federführung von EU-Wettbewerbskommissarin Neelie Kroes durchgeführten Aktion war es, Wettbewerbsverzerrungen auf dem Arzneimittelmarkt aufzudecken. „Und das ist erst der Anfang“, warnte die Niederländerin bei der Vorstellung ihres knapp 600 Seiten starken Prüfberichts Anfang Juli in Brüssel. Die Ermittlungen liefen weiter und würden gegebenenfalls zu weiteren Verfahren führen.

Bislang kann die Kommission allerdings nur einen konkreten Verdachtsfall für kartellrechtlich bedenkliches Verhalten benennen. Betroffen ist das französische Unternehmen Les Laboratoires Servier, das mit fünf Generikaanbietern illegale Absprachen getroffen haben soll.

Dennoch scheint die Marktanalyse zu bestätigen, dass es auf dem hart umkämpften Arzneimittelmarkt nicht immer mit rechten Dingen zugeht. Demnach versuchen zahlreiche Pharmaunternehmen über illegale Vereinbarungen und fragwürdige Patentstrategien den Markteintritt von kostengünstigen Generika zu verzögern. Aus dem Dokument geht ferner hervor, dass nationale Rechtsvorschriften mitunter ebenfalls eine zügige Durchdringung des Arzneimittelmarkts mit Nachahmerpräparaten verhindern.

Deutschland kann indes für sich geltend machen, „dass es den Preiswettbewerb und die Marktpenetration durch Generika zu erleichtern scheint, wenn Mitgliedstaaten den Apotheken Generikasubstitutionen zwingend vorschreiben und Ärzte ermuntern, den Wirkstoff (statt eines Markenpräparats) zu verschreiben“, wie es im Bericht heißt. Auch bestätigte das Bundeskartellamt, dass deutsche Pharmahersteller derzeit nicht im Verdacht stehen, den Generikamarkt zu blockieren.

Deutschland gehört im internationalen Vergleich zu den Ländern mit dem höchsten Generikaanteil an den Verordnungen. 2007 lag dieser gemessen am gesamten deutschen Arzneimittelmarkt erstmals bei über 80 Prozent, wie aus dem Arzneiverordnungsreport hervorgeht. Das Einsparpotenzial für die gesetzlichen Krankenkassen wird mit 4,7 Milliarden Euro angegeben.

Für ihre Untersuchung hatte die EU-Kommission die Arzneimittelmärkte in 17 EU-Staaten anhand einer Stichprobe von 219 Medikamenten unter die Lupe genommen, deren Patente zwischen 2000 und 2007 abgelaufen waren. Darüber hinaus wurden 43 forschende Pharmaunternehmen sowie 27 Generikahersteller einer näheren Betrachtung unterzogen. Dabei kam heraus, dass es im Schnitt sieben Monate dauert, bis preisgünstige, wirkstoffgleiche Präparate nach Ablauf des Patentschutzes eines Originalprodukts auf dem Markt erhältlich sind.

Einzelne Arzneien werden mit bis zu 100 Patenten geschützt
„Jede Woche, jeder Monat, um den sich der Markteintritt eines Generikums verzögert, kostet das Geld von Patienten und Steuerzahlern“, monierte Kroes. Die Zusatzkosten, die den Gesundheitssystemen der 17 untersuchten Staaten durch den verzögerten Markteintritt der Nachahmerprodukte entstanden sind, beziffert sie auf drei Milliarden Euro.

Um den Generikamarkt auszubremsen, bedienen sich die Pharmafirmen dem Bericht zufolge verschiedener Methoden. Eine „weitverbreitete Praxis“ bestehe darin, eine Vielzahl von Patenten für ein und dasselbe Medikament einzureichen. So würden einzelne Arzneien von bis zu 100 Patenten geschützt, heißt es im Kommissionspapier. Ebenfalls beliebt seien „Teilpatentanmeldungen“, die eine Fristverlängerung für die Prüfung durch das Patentamt bewirkten.

Schwarze Schafe gibt es auch bei Generikaherstellern
Die Generikahersteller reagierten prompt auf den Bericht: Das Patentsystem dürfe nicht dazu missbraucht werden, „dass sich forschende Arzneimittelhersteller auf Kosten der Patienten auf ihren im Markt befindlichen Produkten ausruhen und die Forschung vernachlässigen“, kritisierte Peter Schmidt, Geschäftsführer des Branchenverbandes Pro-Generika. Gleichwohl scheint es auch unter den Herstellern von Nachahmerprodukten schwarze Schafe zu geben. So hat die Kommission Hinweise auf illegale Absprachen zwischen forschenden Unternehmen und Generikaherstellern. Hierunter fallen beispielsweise „Vereinbarungen über einen frühen Markteintritt“, die bestimmten Generika einen Marktvorteil gegenüber Konkurrenzprodukten sichern sollen.

Auch mithilfe von Patentstreitigkeiten werde versucht, unliebsame Wettbewerber vom Markt fernzuhalten, betonte die Kommission. So konnte die Brüsseler Behörde für den siebenjährigen Untersuchungszeitraum knapp 700 Patentprozesse ermitteln. Um hier mehr Rechtssicherheit zu schaffen, drängt Kroes darauf, ein Gemeinschaftspatent sowie ein einheitliches europäisches System zur Beilegung von Patentstreitigkeiten einzuführen.
Petra Spielberg
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