ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2009Medizinischer Bildatlas: Aufklärung über Folter in der Türkei

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Medizinischer Bildatlas: Aufklärung über Folter in der Türkei

Neppert, Barbara; Öktem, Alper; Öktem, Rosa

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Ärzte in der Türkei kämpfen gemeinsam für ein Ende der Folter. Um grundlegend über das Thema zu informieren, wurde bereits 2007 der Medizinische Bildatlas herausgegeben. Der Band soll nun ins Englische übersetzt werden.

Menschenrechtsverletzung und Folter in der Türkei sind in Europa hinreichend bekannte Themen. Weniger bekannt dagegen ist der jahrzehntelange Einsatz der türkischen Ärzteschaft für die Abschaffung der Folter und ihr Engagement bei der Behandlung von Folteropfern. Seit knapp 30 Jahren wird in der Türkei systematisch von staatlichen Organen gefoltert. Nur schwer lassen sich die Betroffenen wieder in die Gesellschaft integrieren; sie werden mit den gesundheitlichen und psychischen Nebenwirkungen der Folter alleingelassen. Türkische Menschenrechtsaktivisten – Ärzte, Ingenieure und Anwälte – gründeten 1990 eine private Menschenrechtsstiftung der Türkei (TIHV). Diese unabhängige Organisation unterhält in fünf türkischen Großstädten Behandlungszentren für Folteropfer. Die Arbeit der Menschenrechtsstiftung der Türkei – sowohl die der Behandlungszentren als auch die des Dokumentationszentrums – ist international anerkannt.

Folterspuren in der täglichen Routine erkennen lernen
Der Stiftung wurde im Jahr 1998 zusammen mit zwei anderen Organisationen der Menschenrechtspreis des Ministerkomitees des Europarates verliehen. Vorsitzende der TIHV ist die Rechtsmedizinerin Prof. Dr. Sebnem Korur Fincanci. Im Vorstand befinden sich fünf Ärzte, unter anderem Prof. Dr. Okan Akhan und der frühere Stellvertretende Vorsitzende der türkischen Ärztekammer, Dr. Metin Bakkalci.

Bis Ende 2008 wurden in den Behandlungszentren 11 661 Menschen medizinisch behandelt. Nur durch freiwillige und kostenlose Hilfe sowie die Mitwirkung von Ärzten und gesundheitlichen Institutionen kann die medizinische und psychologische Betreuung der Opfer aufrechterhalten werden. Dass es trotz aller gegenteiligen Bekundungen der Regierung Folter im Land gibt und wie sich Ärzte für die Betroffenen einsetzten, hat die Stiftung im Dokumentarfilm „Tolerance to Torture“ von Armagan Pekkaya aus dem Jahr 2008 dargestellt.

In den 18 Jahren ihrer Stiftungsarbeit hat die TIHV viel staatliche Repression erfahren müssen; die Stiftung hat aber zunehmend an internationalem Renommee gewonnen. Sie zählt zu den Hauptmitwirkenden am Istanbul-Protokoll der Vereinten Nationen mit dem Titel „Manual on Effective Investigation and Documentation of Torture and Other Cruel, Inhuman or Degrading Treatment or Punishment“. Das Istanbul-Protokoll entstand durch die Zusammenarbeit mit der türkischen Ärztekammer und dem türkischen Verein der Rechtsmediziner sowie zahlreichen internationalen Organisationen.

Ende 2007 veröffentlichte die Stiftung das Buch „Der medizinische Bildatlas der Folter“ in der Türkei. Es soll dabei helfen, in der täglichen Routine Folterspuren zu diagnostizieren. „Das weltweit größte Hindernis auf dem Weg zur Abschaffung der Folter ist, dass die Folter nicht bestraft wird und die Folterer geschützt werden. Daher hat der Beweis der Foltervorwürfe entscheidende Bedeutung, um Folter zu verhüten“, heißt es in der Einleitung.

„Der medizinische Bildatlas der Folter“ beschreibt verschiedene Foltermethoden, auch mithilfe drastischer Zeichnungen, die auf Grundlage der Erzählungen der Folteropfer von einem Arzt und Zeichner angefertigt wurden. Er setzt körperliche Befunde mit verschiedenen Formen der Gewaltanwendung in Bezug. Die Autoren gehen außerdem auf die apparativen und histopathologischen Befunde ein. Im Rahmen der Differenzialdiagnose wird im Bildatlas auch auf Simulationsfälle eingegangen. Zum Schluss werden acht Fälle in Anamnese, körperlichen Befunden und Untersuchungsergebnissen vorgestellt. Ferner werden Verletzungen erklärt, die Häftlinge nach Angriffen staatlicher Sicherheitskräfte in Gefängnissen erlitten haben. Das Buch endet mit Fallbeschreibungen gefolterter Kinder.

Spenden sollen eine englische Übersetzung ermöglichen
Die Fotodokumentation der Folterspuren hat in diesem Werk eine besondere Bedeutung. Die gute Darstellung hilft dem Arzt bei der Diagnose. Das verwendete Bildmaterial stammt hauptsächlich aus den Archiven der Menschenrechtsstiftung der Türkei. „Der Medizinische Bildatlas der Folter“ hat 236 Seiten und ist der weltweit erste umfassende Bildatlas zu diesem Thema. Bisher liegt er nur auf Türkisch vor. Für die Übersetzung ins Englische und den Druck fehlen finanzielle Mittel. Spenden können an das Konto des Demokratischen Türkeiforums Postbank Hamburg, Konto 741864205 BLZ 20010020, Stichwort „Bildatlas“, überwiesen werden. Spendenquittungen können ausgestellt werden.

Dr. med. Barbara Neppert,
Med.-Dr. (TR) Alper Öktem
Vorstandsmitglieder des
Demokratischen Türkeiforums
Rosa Öktem
Menschenrechtsstiftung der Türkei
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