ArchivDeutsches Ärzteblatt10/1996Hochschulmedizin/Marburger Bund: Gegen Trennung der Zuständigkeiten

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Hochschulmedizin/Marburger Bund: Gegen Trennung der Zuständigkeiten

Clade, Harald

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LNSLNS Die Hochschulmedizin müsse wie bisher öffentliche Aufgabe bleiben. Die Universitätskliniken dürften nicht in reine Medical Schools US-amerikanischer Prägung umfunktioniert werden. Die Hochschulmedizin dürfe nicht weiter unter das einseitige Diktat der Kostendämpfung gestellt werden, so das Fazit einer Expertentagung zur Reform der Hochschulmedizin, veranstaltet vom Marburger Bund (Verband der angestellten und beamteten Ärztinnen und Ärzte Deutschlands e.V.) Anfang Februar in Köln. Der 99. Deutsche Ärztetag (4. bis 8. Juni 1996) in Köln wird das Thema ebenfalls unter Tagesordnungspunkt III "Die Medizinischen Hochschulen im Wandel des Gesundheitswesens" zur Debatte stellen.


Gegen eine Trennung der Zuständigkeiten für Forschung und Lehre einerseits und der davon isolierten Krankenversorgung andererseits an den 37 deutschen Universitätskliniken und medizinischen Hochschulen hat sich der Klinikärzteverband Marburger Bund ausgesprochen. Die international anerkannt hochstehende Hochschulmedizin in Deutschland müsse als integraler Bestandteil der Universitäten erhalten bleiben. Bestrebungen, die Struktur und die Finanzierungsgrundlagen der Hochschulmedizin neu zu gestalten, gibt es seitens der Wissenschaftsminister von Rheinland-Pfalz und von Nordrhein-Westfalen. Begründet wird die Absicht mit der Notwendigkeit, auch den Universitätskliniken mehr Wirtschaftlichkeit und eine größere Effizienz beim Einsatz der knappen finanziellen Mittel für die Forschung und Lehre zu verleihen. Zudem wollen die Länder als Träger von Universitätskliniken mehr Transparenz bei der Mittelvergabe durchsetzen.
Bei einem Symposium in Köln erinnerte der Marburger Bund (MB) an die Tatsache, daß es bei der Finanzierung von Universitätskliniken bislang keine konkreten und objektivierbaren Grundlagen für die Berechnung der Kosten und die Zuweisung der Finanzierungsmittel für die Krankenversorgung und die Lehre sowie für die Forschung gibt. Allenfalls gibt es im Wege des Subtraktionsverfahrens grobe Anhaltswerte, die aber nicht immer den Realitäten entsprechen. Unter den Bedingungen der Ausgabenbudgetierung, vor allem im Bereich der Krankenhäuser und Universitätskliniken, haben die Länder ein gesteigertes Interesse daran, den finanziellen Aufwand für die Krankenversorgung zu verringern und auf das notwendige Maß zu begrenzen.
Der stellvertretende Bundesvorsitzende des Marburger Bundes, Rudolf Henke, Internist aus Aachen, Mitglied des Vorstandes der Bundes-ärztekammer, wies in Köln darauf hin, die Hochschulmedizin an den Universitätskliniken könne nur dann im bisherigen Umfang aufrechterhalten werden, wenn die Länder in Verhandlungen mit den Krankenkassen darauf drängten, leistungsgerechte Entgelte und kostengerecht kalkulierte Pflegesätze zu vereinbaren. Die Krankenkassen dürften sich hier nicht ihrer finanziellen Verantwortung entziehen. Zudem gebe es Zusagen vor dem 98. Deutschen Ärztetag 1995, daß ein ForschungsObolus seitens der Krankenkassen zusätzlich bezahlt werde, wenn dies in Form von anwendungsbezogener praktischer Forschung den Patienten zugute käme.


In einer Hand
Privatdozent Dr. med. Joachim Grifka, Vorstandsmitglied des Marburger Bundes aus Bochum, Vorsitzender des MB-Arbeitskreises "Hochschule und Medizinstudium", warnte davor, die Lehrfunktion im Rahmen der Hochschulmedizin überzubetonen. Eine anwendungsbezogene medizinische Forschung müsse an Universitätskliniken maßgeblich auch zum Nutzen der Patientenversorgung stattfinden. Eine "buchhalterische Aufschlüsselung" von Kosten für Forschung, Lehre und Krankenversorgung, wie dies schon praktiziert wird ("Bochumer Modell"), dürfe aber nicht zu einer Untergliederung institutioneller und personenbezogener Art führen, so Grifka.
Die Aufgaben des Leitenden Arztes an Universitätskliniken und des Professors müßten in einer Hand bleiben. Ebensowenig dürfe an der Zugehörigkeit des gesamten ärztlichen Dienstes an der Universitätsklinik zur Medizinischen Fakultät gerüttelt werden. Um eine fundierte Ausbildung der Studenten zu sichern, eine hochstehende medizinische Versorgung zu garantieren und den medizinischen Fortschritt rasch zu implementieren, müßten die Universitätskliniken mit tatkräftiger Mitwirkung der Länder erhalten bleiben. Die Hochschulmedizin sei von großer öffentlicher Bedeutung. Das Universitätsklinikum dürfe nicht, betonte Grifka, vollständig aus der Medizinischen Fakultät ausgegliedert werden. Anderenfalls werde eine Entwicklung zu einem reinen Versorgungskrankenhaus auf der einen Seite und einer Medical School auf der anderen Seite zwangsläufig sein.
Der Tarifexperte des Marburger Bundes, Lutz Hammerschlag, appellierte an die Länder, dafür zu sorgen, Universitätskliniken auch in geänderter Rechtsform (insbesondere als GmbH oder Anstalt des öffentlichen Rechts) als Mitglied der Tarifgemeinschaft Deutscher Länder anzuerkennen. Es könne nicht angehen, daß mit einer durchaus gerechtfertigten Umwandlung der Universitätskliniken in andere Rechtsformen die angestammten Tarifrechte angestellter Ärztinnen und Ärzte an Uni-Kliniken ausgehöhlt werden. Eine wirtschaftliche Betriebsführung durch "Privatisierung" von Teilbereichen der Hochschulmedizin und eine Umwandlung in neue Rechtsformen lassen sich nur dann erfolgreich erreichen, wenn Länder und Beschäftigte gemeinsam vorgehen. HC

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