ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2009Letzte Dinge: Glauben und klammern
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Foto: Winnifred Limburg, Eberhard Hahne
Foto: Winnifred Limburg, Eberhard Hahne
Der Psychiater Hartmut Kraft zeigt in einer Ausstellung neun überraschende „Zwischenräume für Kunst, Kultur und Religion“ auf.

Auf dem Titelbild des Kataloges ist das elfenbeinerne Skelett eines Hundes zu sehen, der einen Berg bunten Schmucks umklammert. Die 84,5 cm hohe Terrakottafigur „Schatzbewacher“ von Carolein Smit steht für eine Ausstellung unter dem Titel „BIS ZULETZT“ im Museum für Sepulkralkultur in Kassel.

Bis zuletzt hat sich der Wachhund an seinen Schatz geklammert, den deshalb niemand rauben konnte. Vielleicht gar nicht rauben wollte, denn hätte ein Schatzräuber ihn nicht unter dem harmlosen Skelett am Ende hervorziehen können?

Der Wachhund steht für den Menschen, jedenfalls, wenn man der Interpretation des Sammlers und Ausstellungsmachers, des Kölner Psychiaters und Psychotherapeuten Dr. med. Hartmut Kraft folgt. Bis zuletzt glauben und klammern wir Menschen uns an Dinge, Gedanken und Fantasien, die uns mal Trost, mal Ansporn sind. Man denke an Heiligenfiguren und Fetische oder an die große Idee, die uns ein Leben lang nicht loslässt, aber auch an die Größenfantasien, die Diktatoren wie Sportler an- und manchmal ins Unheil treiben.

Kraft zeigt, wie sehr das „bis zuletzt“ bekannte Künstler, gerade auch der Gegenwart, wie auch unbekannte fremder Kulturen beschäftigt. Und nicht zuletzt Kraft selbst, der die Objekte, die in Kassel zu sehen sind, thematisch so ungewöhnlich zusammengestellt hat.

Hartmut Kraft macht neun solcher „Zwischenräume für Kunst, Kultur und Religion“ aus, in seinen Worten: BIS ZULETZT
– beopfern wir unsere Fetische
– identifizieren wir uns/andere mit Tieren
– suchen wir innere Wege
– vertrauen wir auf die Macht der Wandlung
– kämpfen wir mit unseren Versuchungen
– treiben Größenfantasien uns voran
– verdecken Masken unser Gesicht
– begleiten Kopffüßler unseren Lebensweg
BIS ZULETZT – die Liebe.

Eine wahrlich heterogene, eigenwillige Zusammenstellung. Weshalb zum Beispiel Kopffüßler unseren Lebensweg begleiten, wird mancher erst wissen, wenn er sich mit Krafts Überlegungen vertraut gemacht hat. Der Sammler beschäftigt sich schon seit rund dreißig Jahren mit diesem künstlerischen Phänomen, das bei näherem Hinsehen gar nicht so selten, ja fast alltäglich ist. Kinder malen und zeichnen Kopffüßler in einer bestimmten Entwicklungsphase, und die zeitgenössische Kunst ist reich an solchen Darstellungen; man denke etwa an Horst Antes oder Peter Gilles.

Der Besucher wird alsbald dazu verleitet, sich selbst ein Bild zu machen, was den Menschen im Letzten bewegt und im stummen Gespräch mit den Objekten oder der Diskussion mit seiner Begleitung dann Kraft vielleicht widersprechen oder beipflichten. Und das macht ja schließlich eine gute Ausstellung aus: die Auseinandersetzung.

Kraft, der in diesen Tagen 60 wird, ist nicht nur Sammler, sondern auch der beste Deuter seiner Sammlung. So interpretiert er regelmäßig ausgewählte Stücke im Deutschen Ärzteblatt. Viele Themen der Kasseler Ausstellung kehren in Einzeldarstellungen wieder: so in „Die Kopffüßler“ (Stuttgart 1982), „Größenphantasien und Kreativität“ (Köln 1999), „Die Versuchung des Hl. Antonius“ (Köln 2004) und insgesamt in seinem wohl am weitesten verbreiteten Buch „Grenzgänger zwischen Kunst und Psychiatrie“ (Köln, zuletzt 2005).
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