ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2009Von schräg unten: Dienstwagen

SCHLUSSPUNKT

Von schräg unten: Dienstwagen

Böhmeke, Thomas

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Unsere verehrte Ge­sund­heits­mi­nis­terin Ulla Schmidt hat sich während ihres wohlverdienten Urlaubs ihren Dienstwagen stehlen lassen und ist in das Kompetenzteam des Kanzlerkandidaten Steinmeier berufen worden. Ein Sommermärchen von einer Karriere. Dabei hatte die Ministerin Glück: Die Diebe hätten auch ihren zum Dienstwagen zugehörigen Chauffeur versehentlich mitgehen lassen können. In diesem Fall wäre ihre Hoffnung auf eine künftige Regierungsgestaltung wohl zunichte gewesen. Über das Geschehen war nicht nur der innerärztliche Aufruhr groß, die Kritik in den Medien ausgesprochen heftig. Dass unsere Ministerin nun in das Kompetenzteam gewählt wurde, finde ich allerdings völlig normal, ist dies doch pathognomonisch für unsere neue politische Kultur. Denn deutsche Firmen lassen sich im Ausland Schmiergelder entwenden und erfahren weiterhin großzügige Unterstützung aus Regierungskreisen. Namhafte Banken lassen sich das Vermögen ihrer Anleger von transatlantischen Tricksern abnehmen und bekommen danach Milliardenunterstützungen von Vater Staat. Da reiht sich die automobile Absence doch nahtlos ein. Ich darf an dieser Stelle für ein bisschen Sympathie für unsere Ministerin werben: Sind wir nicht alle ein bisschen Ulla Schmidt, wenn wir dienstliche Angelegenheiten, beispielsweise Fachliteratur mit in den Urlaub nehmen, um uns am Strand, zwischen Sonnencreme und Speiseeis, dem Studium aktueller wissenschaftlicher Erkenntnisse hinzugeben? Uns in Ruhe exklusiven Expertisen und extensiven Fachartikeln widmen können? Wir gehen noch nicht einmal ein Risiko ein. Mir wurden jedenfalls noch nie meine Ärzteblätter und Fachbücher geklaut. Und schließlich darf ich eine Lanze für unsere Ulla brechen: In der Schmidtschen Beschäftigung mit dienstlichen Angelegenheiten und damit einhergehenden Verlusten während ihrer Urlaubstage kommt klar zum Ausdruck, wie sehr sie sich in den vielen Jahren als Ge­sund­heits­mi­nis­terin dem ärztlichen Wesen angenähert hat: Unsere Regressverhandlungen finden auch in der Freizeit statt. Es stellt sich ein Verlust ein. Man fährt nach Hause, reicher an Erfahrung, um nicht zu sagen: kompetent. In den Spielregeln der Magermedizin. Aber warum werden wir dann nicht zu Höherem berufen?

Dr. med. Thomas Böhmeke ist niedergelassener Kardiologe in Gladbeck.
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