ArchivDeutsches Ärzteblatt36/2009Patientenverfügung: Schwarzer Tag für eine humane Medizin
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Der 18. Juni, an dem der Bundestag den Beschluss gefasst hat, war ein schwarzer Tag für eine Medizin, welche sich in einer humanistischen Tradition geborgen fühlt.

Ich begann sofort, meine Patientenverfügung zu Papier zu bringen: „Sollte ich in einen Zustand geraten, in welchem ich nicht mehr in vernünftiger Weise zu entscheiden vermag, welche ärztlichen und/oder medizinischen Maßnahmen getroffen werden sollen, so möchte ich, dass alles, buchstäblich alles, was medizinisch möglich ist, unternommen werde, um mein Leben zu retten; und dass nichts, buchstäblich nichts, unterlassen werde, was mein Leben zu verlängern verspricht. Kurzum: Ich wünsche lebenserhaltende und lebensverlängernde Maßnahmen!“ Die behandelnden Ärzte werden es mir danken. Sie dürfen in meinem Fall der alten Tradition folgen und Leben erhalten und Leben auch weiterhin ermöglichen, so lange es eben geht …

Die schriftlich niedergelegten Wünsche des Patienten sollen für den behandelnden Arzt juristisch bindend sein. Eine groteske Situation! Niemand kann vorausahnen, in welcher ganz speziellen Situation diese Verfügung einmal wirksam werden sollte. Mit Sicherheit wird diese Situation einmal ganz, ganz anders sein, als der Patient es ahnte. Und mit großer Wahrscheinlichkeit würde die Entscheidung des Patienten anders ausfallen, wenn er die exakten Bedingungen überschauen und seine Vorstellungen und Wünsche noch einmal überdenken könnte . . . Auf das Vertrauen des Patienten in die Heilkunst des Arztes kann in einer solchen Situation nicht verzichtet werden und auf das Verantwortungsbewusstsein des Arztes hierfür natürlich auch nicht. Ich hänge noch an alten idealistischen (humanistischen) Vorstellungen von der ärztlichen Kunst; ich glaube noch, dass die abendländischen Grundregeln des sogenannten hippokratischen Eides auch in unserer Zeit befolgt werden sollten. So falsch können sie nicht sein, wenn sie so lange den Ärzten als moralische Grundlage ihres Tuns dienten. Vielleicht ist das alles obsolet, nicht mehr zeitgemäß . . .

Jetzt sollen Ärzte von Gesetzes wegen gezwungen werden zuzuschauen, wenn Patienten sich selbst Schaden zufügen. Solange ein Patient sich zur Problematik seines Leidens noch äußern kann, ist er ja meistens bereit, im Vertrauen auf die Kompetenz eines Arztes seiner Wahl, den Empfehlungen und Vorschlägen dieses Arztes zu folgen, sich ihm anzuvertrauen.

Und wenn er in eine wirklich ernste Situation gerät, dann will er plötzlich alles selbst entscheiden, dann soll dieses Vertrauensverhältnis gekündigt werden! . . .
Dr. med. Jürgen Bohl, Lenzenbergstraße 16, 65527 Niedernhausen
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