ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Psychotherapeutische Versorgung: Noch immer unzureichend

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Psychotherapeutische Versorgung: Noch immer unzureichend

PP 8, Ausgabe September 2009, Seite 391

Gieseke, Sunna

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Noch immer müssen viele Patienten bis zu ein Jahr auf einen Termin bei einem Psychotherapeuten warten.Foto: Fotolia
Noch immer müssen viele Patienten bis zu ein Jahr auf einen Termin bei einem Psychotherapeuten warten.
Foto: Fotolia
Die Psychotherapeutenkammer Bayern macht den ersten Schritt und will bereits vor der Bundestagswahl Ende September auf Defizite aufmerksam machen. Die Probleme sind nicht neu, aber deutschlandweit aktuell.

Seit 2001 sind psychische Störungen in Deutschland der häufigste Grund für Frühberentungen bei Frauen und Männern. Die Krankenkassenstatistiken der letzten Jahre zeigen, dass die Arbeitsunfähigkeitszeiten und -fälle wegen psychischer Erkrankungen steigen. Darauf machte die Psychotherapeutenkammer Bayern (PTK Bayern) im Vorfeld der Bundestagswahl aufmerksam. „Die Versorgung sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich ist weiterhin schlicht und einfach unzureichend“, sagte Dr. Nikolaus Melcop, Präsident der PTK Bayern. Er drängt darauf, dass es für die betroffenen Menschen leichter werden muss, einen geeigneten Therapieplatz zu finden. Diese Forderung ist zwar nicht neu, aber sie ist brisant: Viele Patienten müssten Wartezeiten von vier Monaten bis zu einem Jahr in Kauf nehmen. Zum Teil werde der Behandlungsbedarf sogar ausdrücklich nachgewiesen, trotzdem erhalte der Patient keine Psychotherapie, beklagte Melcop. Besonders wichtig sei es in diesem Zusammenhang, dass die Prävention psychischer Erkrankungen in der nächsten Gesundheitsreform zentral berücksichtigt werde, so der Kammerpräsident. Aus diesem Grund müssten dringend die therapeutischen Angebote in der Jugendhilfe und in Beratungsstellen ausgebaut werden, erklärt die Psychotherapeutenkammer.

In der Diskussion zur Aufweichung oder Abschaffung des über die Kassenärztliche Vereinigung Bayerns mit den Krankenkassen geschlossenen Kollektivvertrags vertritt die PTK Bayern eine klare Position. „Wenn wir die flächendeckende Versorgung von Menschen mit psychischen Erkrankungen oder körperlichen Erkrankungen mit psychischen Anteilen im Rahmen der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung wollen, brauchen wir den Kollektivvertrag für alle zugelassenen Behandler“, erläuterte Melcop. Selektivverträge, die zwischen einer einzigen Kasse und einzelnen Psychotherapeuten oder Ärzten abgeschlossen würden, dürfe es nur für zusätzliche Modellprojekte geben.

Auch die Bedarfsplanung ist weiterhin ein zentrales Thema der psychotherapeutischen Versorgung – und zwar nicht nur in Bayern. Zahlreiche junge Psychologische Psychotherapeuten (PP) und Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeuten (KJP) hoffen auf die Abschaffung der Bedarfsplanung. Durch den Wegfall der Altersgrenze können die eingesessenen PP und KJP so lange arbeiten, wie sie wollen – und die Nachfolger stehen in der Warteschleife. Die einst geschaffene Möglichkeit, einen halben Praxissitz zu verkaufen, lohne sich für viele nicht, betonen viele PP.

Hinzu kommt, dass viele Menschen immer noch lange Anfahrtswege in Kauf nehmen müssen, wenn sie eine Psychotherapie machen wollen. Das sei besonders bei Kindern und Jugendlichen ein Problem, da man diesen lange Fahrzeiten kaum zumuten könne, so die Bundes­psycho­therapeuten­kammer (BPtK). Daher sei eine flächendeckende Versorgung wünschenswert. Allerdings seien für einige Psychotherapeuten soziale Brennpunkte oder ländliche Gebiete für eine Niederlassung nicht sehr attraktiv beziehungsweise würden nur selten genutzt, bemängelt ein niedergelassener Arzt aus Norddeutschland. Die Bedarfsplanung spiegele allerdings auch nicht den tatsächlichen Bedarf wider, erklärt die BPtK in diesem Zusammenhang wiederholt. Sinnvoll wäre es zudem, das Therapieangebot flexibler zu gestalten und Akutsprechstunden einzuführen.
Sunna Gieseke
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