ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Bildtexte/Textbilder: Bernd Schwarting – Optischer Mehrwert

KUNST + PSYCHE

Bildtexte/Textbilder: Bernd Schwarting – Optischer Mehrwert

PP 8, Ausgabe September 2009, Seite 386

Kraft, Hartmut

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LNSLNS Ein unscheinbares Blatt Papier, eines von vielen: „es ist zum Greifen nahe – unerreichbar weit“. Der Künstler hat diesen Satz, der ihm beim Malen durch den Kopf schoss, aufgeschrieben und neben viele andere Blätter mit kurzen Texten auf den Boden seines Ateliers fallen lassen. Sofort erinnern wir uns daran, wie oft uns ein Wort „auf der Zunge liegt“, sich aber partout nicht einstellen will, oder aber wir „den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen“ können. Insofern finden wir in dieser Aussage eine uns berührende, oft durchaus auch quälende Erfahrung wieder. Was aber macht aus dieser uns stimmig erscheinenden Sentenz ein Bild?

Bernd Schwarting: „es ist zum Greifen nahe – unerreichbar weit“. Bleistift und Ölfarbe auf Papier, circa 21 × 30,5 cm, signiert und datiert (20)05.Foto: Eberhard Hahne
Bernd Schwarting: „es ist zum Greifen nahe – unerreichbar weit“. Bleistift und Ölfarbe auf Papier, circa 21 × 30,5 cm, signiert und datiert (20)05.
Foto: Eberhard Hahne
Der vorliegende Satz wird durch eine Linie in zwei Hälften geteilt. Sie läuft rechts aus dem Bild hinaus und kommt nach einer uns unbekannten Strecke – rund um die Welt? – links ins Bild zurück. Sie ist also keineswegs unendlich lang, kennzeichnet aber etwas weit entfernt Liegendes. Bereits mit diesem Strich transformiert der Künstler den einfachen Satz zu einem Bild. Zumindest zwei weitere Gestaltungselemente unterstützen diesen Kunstgriff. Zum einen beginnt der Satz in Kleinschreibung – und endet ohne Punkt. Er steht in einem uns unbekannten Kontinuum, dessen Anfang und Ende wir nicht kennen. Ob nun auch der rote Farbfleck am rechten unteren Bildrand einer bewusst gesetzten künstlerischen Geste entspricht, mag sich der Betrachter nun fragen. Bernd Schwarting malt mit den Händen, was wortwörtlich zu nehmen ist: Er malt ohne Pinsel und trägt die Ölfarben mit seinen Händen auf die Leinwand auf. Beim Malen „mit vollen Händen“ ist er von Farbspritzern umgeben. Einer dieser Farbkleckse könnte, zunächst ohne gestalterische Absicht, auf dem Blattrand gelandet sein. Aber der Künstler hat ihn hier belassen, ihn weder verwischt noch abgerissen, ihn also als Teil des Bildes akzeptiert. Und er gehört wirklich dorthin: Wie ein kleiner Kobold sitzt er da und scheint sich gleichzeitig aus dem Bild davonschleichen zu wollen. Er überschreitet den Bildrand, einen Ölfleck zurücklassend. Bald schon könnte er unerreichbar weit entfernt sein.

Mit Signatur und Datierung erhebt der Künstler dieses Blatt Papier über einen Notizzettel hinaus und macht es zu einem Teil seines Werkes. Hartmut Kraft


Biografie Bernd Schwarting
Geboren 1964 in Stade. 1986–1988 Studium der Bildenden Kunst und Musik in Oldenburg, danach selbstständige Tätigkeit als Fotograf. 1993–1995 Studium der Malerei und Grafik an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden, anschließend bis 1998 an der Hochschule der Künste in Berlin, dort Meisterschüler bei Walter Stöhrer. 1999 erster Preis beim Max-Ernst-Stipendium in Brühl. Zahlreiche Einzelausstellungen, unter anderem in der Kunsthalle Emden (2004).

Literatur
Kraft H: TANZ mit dem TOTENTANZ. Salon Verlag, Köln 2007.
B.S.: Kahleby. Kunsthalle Dominikanerkirche, Osnabrück 2000.
B.S.: Malfluten. Kunsthalle in Emden, Emden 2004.
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