ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Ärztemangel: Wenn der Nachwuchs fremdgeht

POLITIK

Ärztemangel: Wenn der Nachwuchs fremdgeht

Flintrop, Jens

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LNSLNSLNSLNS Jeder fünfte Absolvent des Medizinstudiums entscheidet sich gegen den Arztberuf. Dabei werden die jungen Ärzte dringender benötigt denn je. Das Problem gehöre auf der politischen Agenda weiter nach oben, mahnt die Bundes­ärzte­kammer.

Der Präsident der Bundes­ärzte­kammer (BÄK) fordert von der nächsten Bundesregierung, den künftigen ärztlichen Versorgungs-bedarf vorrangig zu diskutieren und konkrete Ziele in einem Koalitionsvertrag zu verankern: „Wir müssen den Weg in den Arztberuf wieder frei machen. Die Rahmenbedingungen für den Arztberuf müssen endlich so gestaltet werden, dass die angehenden Ärzte in der Betreuung und Behandlung von Patienten wieder ihre Berufung finden“, betonte Prof. Dr. med. Jörg-Dietrich Hoppe am 27. August in Berlin. Ansonsten drohe die Versorgung in Teilen wegzubrechen, warnte er zum Auftakt des BÄK-Symposiums „Demographischer Wandel und ärztliche Versorgung in Deutschland“.

Bereits jetzt werden in manchen Regionen und vielen Krankenhäusern Ärzte gesucht. Wegen der sich ändernden Altersstruktur der Bevölkerung, der steigenden Lebenserwartung und der Innovationskraft des medizinischen Fortschritts dürfte der medizinische Versorgungsbedarf in den kommenden Jahren weiter zunehmen. Zugleich macht die demografische Entwicklung auch vor der Ärzteschaft nicht halt: Der Anteil der Ärzte in einem Alter über 50 Jahre (derzeit: 38,5 Prozent) beziehungsweise über 60 Jahre (11,8 Prozent) nimmt stetig zu. Bis zum Jahr 2017 gehen mehr als 75 000 Ärzte in den Ruhestand. Jedes Jahr müssten rund 8 000 junge Mediziner nachrücken, um die Versorgung sicherzustellen. Jährlich schließen aber nur etwa 7 000 Frauen und Männer ihr Medizinstudium ab. Rund 20 Prozent von ihnen entscheiden sich gegen den Arztberuf.

Aus Sicht des Bun­des­ge­sund­heits­mi­nis­ter­iums sind die Veränderungen der Morbidität in einer alternden Bevölkerung kein Grund dafür, in Panik zu verfallen: „Auch in den vergangenen 40 Jahren ist das Durchschnittsalter der Bevölkerung gestiegen und das medizinische Wissen geradezu explosionsartig gewachsen“, sagte Staatssekretär Dr. Klaus Theo Schröder. Von 1967 bis 2007 seien die Gesamtausgaben der gesetzlichen Kran­ken­ver­siche­rung (GKV) auf das 12,8-fache gesteigert worden. Die Ausgaben für ärztliche Leistungen hätten sich verzehnfacht, die für Krankenhausbehandlung sogar mehr als verzwanzigfacht, obgleich die Bruttolohnsumme, die Bemessungsgrundlage der GKV, nur um das 8,6-fache gestiegen sei. „Das zeigt: Wir haben eine Basis, um die Herausforderungen zu meistern“, hob Schröder hervor. Es sei aber richtig, dass das Thema Fachkräftemangel im Gesundheitswesen ein wesentlicher Arbeitsbereich in den kommenden Legislaturperioden werden müsse.

Um dem Ärztemangel entgegenzuwirken, regte Schröder eine Aufstockung der Studienplätze im Fach Humanmedizin an. Die Bundesregierung werde mit den Ländern über die Ausbildungskapazitäten reden müssen. Auch die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) will an dieser Stellschraube drehen: Die Reduzierung der Studienkapazitäten im Zuge der Reform der Approbationsordnung im Jahr 2002 von 10 500 auf 9 900 Studienplätze sei ein falsches Signal ge-wesen, argumentierte DKG-Präsident Dr. Rudolf Kösters: „Ohne die Erhöhung der Studienkapazitäten werden wir das Problem des Ärztemangels nicht lösen können.“ Er verwies auf eine Umfrage des Deutschen Krankenhausinstituts, wonach mehr als 4 000 ärztliche Stellen in den Krankenhäusern nicht besetzt werden können.

Eine Erhöhung der Studienplätze allein löse das Problem nicht, betonte dagegen BÄK-Präsident Hoppe: „Es geht vielmehr um die Mo-tivation einer ganzen Generation nachwachsender Ärzte.“ Und eben jene Motivation, kurativ in Deutschland tätig zu werden, habe sich in den vergangenen Jahrzehnten verändert, ergänzte BÄK-Vizepräsident Dr. med. Frank Ulrich Montgomery: „Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass junge, moderne Menschen mit einer hoch qualifizierten Ausbildung und viel Elan nicht mehr bereit sind, ihren Lebensstil, ihre Lebensqualität und ihre Arbeitnehmerrechte an den Pforten des Krankenhauses, des Medizinischen Versorgungszentrums oder am Praxiseingang abzugeben.“ Wer diese Generation wieder für die ärztliche Arbeit begeistern wolle, müsse die Bedingungen ihren Bedürfnissen anpassen. „Früher lebte man, um zu arbeiten. Heute arbeitet man, um zu leben. Oder: Man lebt beim Arbeiten“, beschrieb Dr. med. Andreas Botzlar, Zweiter Vorsitzender des Marburger Bundes, das Lebensgefühl.

Damit die ärztliche Tätigkeit für die nachrückenden Ärzte wieder attraktiver wird, regte Montgomery eine Reihe von Maßnahmen an. Im niedergelassenen Bereich sei eine bessere Vergütung der Ärzte und eine höhere Anerkennung der geleisteten Arbeit überfällig. Darüber hin-aus müsse die Facharztweiterbildung in einer Arztpraxis von den Krankenkassen bezahlt werden. In den Krankenhäusern sollten mehr ärztliche Stellen geschaffen und das Angebot an Teilzeitstellen aufgestockt werden. Zudem gelte es, die Bezahlung zu verbessern. Daneben plädierte der BÄK-Vizepräsident für den Abbau von Überstunden, die Entlastung der Ärzte von Bürokratie sowie die Ausweitung des Angebots von Kinderbetreuungsplätzen. Prof. Dr. med. Christoph Fuchs fügte dem später noch einen wichtigen Punkt hinzu, indem er auf das Reformtempo im Gesundheitswesen verwies: „Bildet nicht gerade eine gewisse Berechenbarkeit und Planungssicherheit eine wesentliche Grundlage, um junge Kolleginnen und Kollegen zu motivieren, sich und ihre Familie 30 bis 40 Jahre an eine Region zu binden und langfristige finanzielle Verpflichtungen einzugehen?“, fragte der BÄK-Hauptgeschäftsführer.

Aber wie kann es eigentlich sein, dass die Zahl der berufstätigen Ärzte in Deutschland jährlich steigt (2008 abermals um 1,5 Prozent auf 319 697) und es trotzdem zu wenige von ihnen gibt? Dr. Thomas Kopetsch, Leiter des Referats Bedarfsplanung, Bundesarztregister und Datenaustausch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, nannte vier Gründe für die wachsende Nachfrage nach Ärzten:

Der medizinische Fortschritt schafft ständig neue Möglichkeiten und damit einen Bedarf an Ärzten, die diese Möglichkeiten den Patienten anbieten.

Das Durchschnittsalter der Bevölkerung steigt. Ältere Menschen haben einen höheren Versorgungsbedarf.

Der Frauenanteil in der Medizin steigt und liegt im ärztlichen Bereich mittlerweile bei 41,5 Prozent. Ärztinnen arbeiten häufiger in Teilzeit als Männer.

In der Gesellschaft ist ein Trend zur Arbeitszeitverkürzung zu beobachten, der auch vor der Medizin nicht haltmacht. So hat sich die Zahl der Ärztinnen und Ärzte zwischen 2000 und 2007 zwar um 6,9 Prozent erhöht, die Zahl der insgesamt im Jahr geleisteten ärztlichen Arbeitsstunden ist aber um 1,6 Prozent gesunken (siehe Tabelle).

Auf den ärztlichen Arbeitsalltag wirkt sich der Ärztemangel tendenziell negativ aus, weil die Arbeitsbelastung des Einzelnen zunimmt. Festzuhalten sei aber auch, „dass ein latenter Ärztemangel – zumindest im stationären Bereich – ein Motor von Verbesserung ist“, unterstrich Botzlar, ganz Gewerkschaftsvertreter. Erst mit Aufkommen des Ärztemangels sei ein viele Jahre währender Stillstand im Tarifwesen überwunden worden. Die Folge seien humanere Arbeitszeiten und höhere Gehälter für die Klinikärzte.

Auch Dominique Ouart, Präsident der Bundesvertretung der Medizinstudierenden, verwies auf die zwei Seiten der Medaille Ärztemangel: Einerseits seien die Klinikarbeitgeber merklich bemüht, den Medizinstudierenden etwas zu bieten („wenn auch von einem Bieterwettstreit in Fragen der Ausbildungsqualität noch lange keine Rede sein kann“), andererseits erlebten die Studierenden im Rahmen ihrer Famulatur und des Pflegepraktikums aber auch, wie stressig die Arbeit auf unterbesetzten Stationen sei – „was natürlich eher eine abschreckende Wirkung hat“.
Jens Flintrop
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