ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Sexsucht: Verführungen im Netz

THEMEN DER ZEIT

Sexsucht: Verführungen im Netz

Düring, Sonja

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LNSLNS Immer mehr junge Frauen suchen ihre sexuellen Erfahrungen im Internet und versuchen, ihren eigentlichen Problemen damit aus dem Weg zu gehen. Eine Psychologische Psychotherapeutin berichtet von einigen Fällen aus ihrer Praxis.

Eine Frau, 23 Jahre alt, sucht meine psychotherapeutische Praxis auf: Sie hat das Gefühl, sexuell kaum noch empfindungsfähig zu sein: „Wenn ich mich stimuliere, fühlt es sich an wie unter Wasser, seit ich das Piercing aus der Klitorisvorhaut habe entfernen lassen.“

Viele junge Frauen wollen sexuell erfahren sein – dabei geht es ihnen nicht um Liebe und Zärtlichkeit.Die Kontakte finden sie im Internet. Foto: iStockphoto
Viele junge Frauen wollen sexuell erfahren sein – dabei geht es ihnen nicht um Liebe und Zärtlichkeit.
Die Kontakte finden sie im Internet. Foto: iStockphoto
Es stellt sich heraus, dass sie sich aus Wut darüber, dass ihre erste und einzige Beziehung beendet wurde, ein Klitorispiercing hat machen lassen. Sie wollte damit ein Zeichen setzen und handelte gegen ihre Wünsche nach einer nahen Liebesbeziehung, von denen sie befürchtet, dass sie ohnehin nie in Erfüllung gehen würden: als Jugendliche nicht und als erwachsene Frau erst recht nicht. Wenn ihr diese Wünsche bewusst wurden, fühlte sie sich schwach, bedürftig und abhängig. Sie hasste sich für diese Schwäche. Stattdessen wollte sie künftigen Liebhabern ausschließlich als coole, sexuell erfahrene Frau entgegentreten, die vor nichts Angst hat.

Kurz darauf begann sie, verschiedene Portale im Internet zu besuchen. Sie wollte Kontakte, sie wollte sexuell erfahren und souverän sein und keine unerfahrene Person vom Land – für die sie sich aber eigentlich hielt. Sie suchte nach Männern, die ihr stark erschienen. Dabei stellte sie sich vor, wie diese ihr erliegen und nichts anderes mehr wollen, als sofort Sex mit ihr zu haben. Das ist die narzisstische Seite, die sie in den Kontakten inszenierte. Da sie innerlich Zärtlichkeit mit Schwäche gleichsetzt, kommen zärtliche Männer nicht infrage. Sie wären ihr zu ähnlich, und nichts will sie mehr, als anders zu sein, als sie ist.

Meist stehen Ängste und Depressionen im Vordergrund
In der Szene, in der sadomasochistischer Sex praktiziert wird, schien sie geschützt zu sein vor diesen zärtlichen Bestrebungen und Liebeswünschen. Unter der Regie der „Doms“ kann sie die eigene Unsicherheit leicht verstecken, und darunter können kindliche Abhängigkeitswünsche gelebt werden. Sie kann sich zugleich beweisen, dass sie gegen Schmerz immun ist und ihm mutig entgegentreten kann, statt ihm ängstlich auszuweichen: Ihr konnte dann niemand mehr etwas anhaben. Das ist vor dem Hintergrund ihrer Lebensgeschichte ein zentrales Thema. Aber die Wünsche sind nicht bezwingbar, sie kommen immer wieder und müssen aufs Neue besiegt werden, indem sie immer neue Kontakte sucht.

So offen wird eine sexuelle Symptomatik selten am Anfang einer Behandlung präsentiert. Meist stehen Ängste oder Depressionen im Vordergrund, und die Klientinnen erwähnen dann ganz nebenbei, dass sie über Internetportale Kontakt zu sadomasochistischen Szenen haben und dort regelmäßig Sexualpartner rekrutieren. Das Log-in in diese Portale fand zeitweise täglich statt und hatte einen hohen Stellenwert in ihrem Tagesablauf. Denkt man sich das Netz weg, beschreiben sie in etwa das, was man früher unter „Personen mit häufig wechselnden Geschlechtspartnern“ verstand. Es handelt sich meist um 20- bis 27-jährige Frauen, die in der Regel eher überdurchschnittlich attraktiv sind. Sie hatten oftmals zwei bis drei verschiedene Sexualpartner in der Woche, die sie zum Teil wiederholt trafen und denen sie sexuell zu Diensten waren. Anfangs war ich wirklich irritiert darüber und vor allem auch über die Beiläufigkeit, mit der sie dies erwähnten. Ich stellte mich auf schwierige Behandlungen ein, zumal noch erschwerend hinzukam, dass sie, mit Mitte 20, kaum oder in seltenen Fällen sogar gar keine sexuellen Erfahrungen gemacht hatten, die in einer wenn auch noch so flüchtigen Liebesbeziehung stattgefunden hätten. Sind dies die Verführungen durch das „Netz“? Wären diese jungen Frauen, wenn es die Möglichkeiten über die Portale nicht gegeben hätte, Mauerblümchen geblieben?

Um sexuelle Auffälligkeiten und Süchte verstehen und behandeln zu können, ist es wichtig, diese im Kontext von einer veränderten Welt und von ebenso veränderten Sexualitäten zu denken. Volkmar Sigusch (1996) hat die veränderten Verhältnisse unter den Begriff „Neosexualitäten“ gefasst. Phänomenologisch firmieren sie als Lifestylesexualitäten. Es geht um Möglichkeiten der Erregung und des Vergnügens, die zu nutzen die jungen Frauen medial geradezu angehalten werden. Sie probieren alles Mögliche aus, legen sich nicht fest, sondern schreiten relativ mühelos zum Nächsten – sobald etwas an Reiz verliert. Die Regulierung des narzisstischen Gleichgewichts steht im Zentrum und wird zum Kern des sexuellen Begehrens und Handelns. Betrachtet man pornografische Filme für heterosexuelle Männer, so wird auf den ersten Blick deutlich, dass es um die Idealisierung des männlichen Geschlechtsteils geht und die jeweiligen Frauen als Vehikel dienen. Auf den entsprechenden Internetseiten für Frauen rangieren, so Attwood (2006), Dessous, Lotionen und Sexspielzeug vor Videos, Magazinen und Büchern. „Kunst, Mode und Softcore-Pornocodes werden miteinander kombiniert. Sex wird dabei als eine Form der Lust an sich selbst und an Selbstinszenierungen konstruiert.“ Das macht den Erfolg solcher Serien wie „Sex in the City“ aus. Wer diese Serien gesehen hat, wird bestätigen können, dass die Sexualität ein reines Vehikel für die narzisstische Selbstbespiegelung darstellt. Wäre es anders, hätten solche Produktionen sicher nicht die US-amerikanische Zensur passiert.

Die allgemeine Sexualisierung soll eine Leere füllen
Wichtig ist, dass Sexualität weniger als Ganzes erlebt wird mit zärtlichen und aggressiven Strebungen, die auf ein Objekt in seiner Ganzheit bezogen sind. Die Gesellschaft ist umgeben von einer allgemeinen Sexualisierung. Ob es Autos sind oder Unterwäsche, Schokolade, Eis, Urlaubsorte, Getränke, Fernsehshows: Alles wird sexualisiert und soll seine euphorisierende Wirkung entfalten, sobald man sich die neuen Produkte einverleibt hat. Damit wird permanent suggeriert, dass man allen Übeln durch Sexualisierung entfliehen könne.

Die Sexualisierung, das heißt die Nutzung der Sexualität zu Zwecken der Abwehr, eignet sich, um Unlustgefühle in Lustgefühle umzuwandeln, um Leere zu füllen, Ängste scheinbar zu bewältigen. Sie ist durch die Körperlichkeit mit frühen Empfindungen verbunden, eignet sich gleichzeitig auch zur Vergewisserung von Potenz, zur triumphalen Überwindung von regressiven Ängsten und Sehnsüchten.

Wenn man vor diesem Hintergrund die Symptomatik der jungen Frauen betrachtet, ist die Beiläufigkeit, mit der sie über die Anzahl ihrer Liebhaber und ihre sadomasochistischen Erfahrungen sprechen, und die Selbstverständlichkeit, mit der sie die szeneüblichen Abkürzungen benutzen, nicht mehr so erstaunlich. Letzteres lässt sich dann auch als Zeichen verstehen, dass sie erfolgreich in das Leben eines Erwachsenen eingetaucht sind, was kaschieren soll, dass es genau das ist, was sie in ihrem subjektiven Erleben nicht geschafft haben.

Der Hintergrund ist häufig ein strukturelles Defizit, das verhindert, mit den eigenen Wünschen, Sehnsüchten und Ängsten in Kontakt zu kommen. Diese Frauen sind in ihrer Symbolisierungsfähigkeit beeinträchtigt. Sie erleben ihre Wünsche diffus, können sie schwer fassen und zum Ausdruck bringen. Der britische Psychoanalytiker Peter Fonagay bezeichnet diese Störungen als „Mentalisierungsstörungen“, die regelhaft bei Borderlinepatienten auftreten. Viele Betroffene haben es nicht erlebt, dass ihre Emotionen und Wünsche im frühen Kindesalter hinreichend gut gespiegelt worden sind. Der grundlegende Gedanke hierbei ist, dass Säuglinge ihren eigenen Ausdruck erst durch die Spiegelung im Anderen „verstehen“ lernen und in die Lage versetzt werden, sich in andere Menschen einzufühlen und ihre Gefühle richtig zu deuten. Patienten und Patientinnen mit einer sexuellen Suchtentwicklung berichten häufig aus ihrer Vorgeschichte, dass sie sich exzessiv mit Dingen umgeben, die genau diese Spiegelungsfunktion haben. Es können Bücher sein oder Schallplatten, bei deren Anblick bestimmte Gefühle wachgerufen werden, die psychisch existenziell wichtig sind, weil sie einen selbstbestätigenden Widerhall in den Patienten erzeugen.

Sehnsüchte werden im Internet gespiegelt
Über die Interaktivität im Internet erleben einige Menschen, dass ihre sexualisierten Sehnsüchte, Wünsche und Ängste laufend gespiegelt werden. Der Vergleich mit dem therapeutischen (Übertragungs-)Raum liegt nahe. Gerade in nichtdeutenden, humanistischen Therapieverfahren, wie der Gestalt- oder Gesprächstherapie, versucht der Therapeut, die Äußerungen des Patienten so zu spiegeln, dass dieser mit seinen eigenen, noch nicht erkannten Gefühlen, Impulsen oder Gedanken in Kontakt kommt. Carl Rogers (1972) nannte diese Technik das Verbalisieren von emotionalen Erlebnisinhalten.

Das Internet vermag in seiner Spiegelungsfunktion nicht das Gleiche. Viele Patienten kommen über den Prozess des Durch- und Weiterklickens überhaupt erst ihren Regungen auf die Spur. Sie geben etwas ein, und wenn die Antwort nicht stimmt – Bilder, Texte, Videos erscheinen, die nicht gemeint waren –, können sie es so oft weiter versuchen, bis sie sich in ihren Wünschen verstanden fühlen. So halten zum Beispiel viele sexsüchtige Männer ihre lustvolle Erregung stundenlang aufrecht. Die Freude, in ihrer (Er)regung verstanden, gespiegelt und bestärkt zu werden, ist neben der Vorfreude viel wichtiger als die sexuelle Befriedigung selbst.

Im Vergleich zwischen Männern und Frauen fällt auf, dass die Sexualisierungsbereitschaft und -fähigkeit bei Männern sehr viel stärker ausgeprägt ist. Denkt man an die Patientin, so ist der regressive Wunsch nach Nähe sehr viel bewusstseinsnäher und von daher auch brüchiger im Erleben, als dies bei Männern mit entsprechender Symptomatik der Fall ist.
Sonja Düring
E-Mail: sonja.duering@yahoo.de

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/0909
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1.
Attwood F: Mode und Leidenschaft. In Z. Sexualforsch 2006; 19: 120.
2.
Düring S: Rennen wir offene Türen ein? Die Funktion des Feminismus in der Sexualwissenschaft. In: Düring, Sonja und Margret Hauch (Hrsg.): Heterosexuelle Verhältnisse; Gießen 2000.
3.
Fonagay P: Die Bedeutung der Entwicklung metakognitiver Kontrolle der mentalen Repräsentanzen für die Betreuung und das Wachstum des Kindes. In: Fanagay, Petwe und Mary Target (Hrsg.): Frühe Bindung und psychische Entwicklung, Gießen 2003.
4.
Laufer M, Laufer ME: Adoleszenz und Entwicklungskrise. Stuttgart 1989. 5. Rogers C: Die Nicht-direktive Beratung. Counseling and Psychotherapy. München 1972.
6.
Sigusch V: Kultureller Wandel der Sexualität. In: Sigusch, Volkmar (Hrsg.): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung. Stuttgart, New York 1996.
7.
Stoller R: Perversion. Die erotische Form von Haß. Reinbek 1979.
1. Attwood F: Mode und Leidenschaft. In Z. Sexualforsch 2006; 19: 120.
2. Düring S: Rennen wir offene Türen ein? Die Funktion des Feminismus in der Sexualwissenschaft. In: Düring, Sonja und Margret Hauch (Hrsg.): Heterosexuelle Verhältnisse; Gießen 2000.
3. Fonagay P: Die Bedeutung der Entwicklung metakognitiver Kontrolle der mentalen Repräsentanzen für die Betreuung und das Wachstum des Kindes. In: Fanagay, Petwe und Mary Target (Hrsg.): Frühe Bindung und psychische Entwicklung, Gießen 2003.
4. Laufer M, Laufer ME: Adoleszenz und Entwicklungskrise. Stuttgart 1989. 5. Rogers C: Die Nicht-direktive Beratung. Counseling and Psychotherapy. München 1972.
6. Sigusch V: Kultureller Wandel der Sexualität. In: Sigusch, Volkmar (Hrsg.): Sexuelle Störungen und ihre Behandlung. Stuttgart, New York 1996.
7. Stoller R: Perversion. Die erotische Form von Haß. Reinbek 1979.

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