ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Reihe: Psychotherapie mit Älteren – Nicht nur Ängste und Vorurteile

WISSENSCHAFT

Reihe: Psychotherapie mit Älteren – Nicht nur Ängste und Vorurteile

PP 8, Ausgabe September 2009, Seite 417

Sonnenmoser, Marion

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Die Einstellung älterer Menschen gegenüber psychischen Erkrankungen und Psychotherapie ist durch viele Vorurteile und Missverständnisse geprägt. Studien zeigen: Ihre Gründe, keine Psychotherapie wahrzunehmen, gehen allerdings darüber hinaus.

Nach wie vor sind ältere Menschen in psychotherapeutischen Praxen und Kliniken unterrepräsentiert. Nur ein Bruchteil von ihnen wird adäquat psychotherapeutisch behandelt. Dies könnte an einer negativen Einstellung der Älteren gegenüber psychischen Erkrankungen und Psychotherapie liegen. Die älteren Generationen sind damit groß geworden, dass psychische Erkrankungen als „Schande“ oder „Versagen“ galten und stark tabuisiert waren. Früher verheimlichte man psychische Probleme und vertraute sie höchstens einem Seelsorger an. Psychotherapeutische Behandlung wurde gleichgesetzt mit „Klapse“, und wer sie beanspruchte, war stigmatisiert und galt als „nicht ganz richtig im Kopf“. Solche Vorurteile und Missverständnisse waren sehr verbreitet und hielten sich hartnäckig, zum Teil bis in die heutige Zeit.

Die jungen Alten haben weniger Vorbehalte
Die Vermutung, dass ältere Menschen wegen ihrer Vorbehalte und Ängste, aber auch wegen Informationsdefiziten eine psychotherapeutische Behandlung vermeiden, wird von empirischen Studien weitgehend bestätigt. Sie weisen aber auch darauf hin, dass dieser Befund nicht generell für ältere Menschen gilt. Einen Unterschied gibt es zum Beispiel beim Geschlecht: Kanadische Psychologen haben bei einer Befragung von 206 Senioren herausgefunden, dass ältere Frauen gegenüber Psychotherapie und anderen psychologischen Dienstleistungen offener eingestellt und eher bereit waren, sich fachkundige Hilfe zu suchen, als ältere Männer.

Ein weiterer Unterschied ist beim Alter festgestellt worden. Psychologen der Universität North Texas fragten im Jahr 1977 insgesamt 91 Personen (Durchschnittsalter: 70 Jahre) und im Jahr 1991 insgesamt 116 Personen (Durchschnittsalter: 72 Jahre) nach ihrer Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen und Psychotherapie. Im Gegensatz zur älteren Kohorte war die jüngere Kohorte wesentlich positiver eingestellt. In dieser Abweichung zwischen den Kohorten zeigt sich nach Meinung der Wissenschaftler, dass die Menschen möglicherweise immer eine aufgeschlossene Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen und Psychotherapie werden.

Britische Psychologen haben darüber hinaus durch eine Befragung von 50 Frauen und 24 Männern im durchschnittlichen Alter von 78 Jahren festgestellt, dass die Einstellung gegenüber dem Alter auch die Einstellung gegenüber psychischen Erkrankungen beeinflusst. „Ältere, die das Altern vorwiegend als negative Entwicklung ansahen, empfanden psychische Erkrankungen besonders stigmatisierend“, berichten die Autoren. Diese Befragten hatten auch größere Angst davor, im Alter psychisch zu erkranken, in eine Klinik eingeliefert zu werden und ihre mentalen Fähigkeiten einzubüßen. Umgekehrt hatten Befragte, die das Älterwerden als Herausforderung und Wachstumschance ansahen, mehr Verständnis und waren toleranter gegenüber psychischen Erkrankungen.

Einen Unterschied macht außerdem die Erfahrung mit Psychotherapie. Mehrere Studien kamen zu dem Ergebnis, dass ältere Personen, die selbst bereits positive Erfahrungen mit Psychotherapie gemacht haben oder die von Behandlungserfolgen im sozialen Umfeld berichten konnten, gegenüber Psychotherapie besonders offen und an einer Behandlung interessiert waren. Sie hatten auch die wenigsten Vorurteile und Ängste.

Logistische Hindernisse spielen auch eine Rolle
Neben den genannten Faktoren scheinen auch Bildung, Einkommen und Kultur einen Einfluss auf Einstellungen und Inanspruchnahme psychotherapeutischer Dienstleistungen durch Ältere zu haben.

Vieles weist also darauf hin, dass die Ursache für den geringen Anteil an älteren Psychotherapiepatienten nicht allein an der Einstellung der Älteren liegen kann. Vermutlich spielen auch logistische und finanzielle Hindernisse, Überweisungsverhalten von Hausärzten sowie mangelnde Unterstützung und Zuspruch durch das soziale Umfeld eine Rolle. Dies muss allerdings noch gründlicher untersucht werden.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

LITERATUR
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Mackenzie CS, Gekoski WL, Knox VJ: Age, gender, and the underutilization of mental health services. Aging & Mental Health 2006; 10(6): 574–82.
Quinn KM, Laidlaw K, Murray LK: Older peoples’ attitudes to mental illness. Clinical Psychology and Psychotherapy 2009; 16: 33–45.
Zank S: Einstellung alter Menschen zur Psychotherapie und Prädiktoren der Behandlungsbereitschaft bei Psychotherapeuten. Verhaltenstherapie & Verhaltensmedizin 2002; 23(2): 181–93.
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