ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Gesund­heits­förder­ung: Zu einseitig, zu pauschal

BÜCHER

Gesund­heits­förder­ung: Zu einseitig, zu pauschal

PP 8, Ausgabe September 2009, Seite 420

Kuhn, Joseph

Als E-Mail versenden...
Auf facebook teilen...
Twittern...
Drucken...
LNSLNS
Interessant wäre es gewesen, hätte der Autor die eine oder andere These ausgearbeitet, statt sie nur als rhetorische Munition zu benutzen.

Seit einiger Zeit wird die Gesund­heits­förder­ung gelegentlich mit den Mitteln der Diskursanalyse kritisch hinterfragt, meist in Anlehnung an Michel Foucault. Das ist zu begrüßen, denn allzu unbedarft wird die Gesund­heits­förder­ung in vielen Büchern und vielen Projekten als „das Gute und Wünschenswerte“ schlechthin betrachtet, das keine Schattenseite hat. Leicht wird daraus die Pflicht zur Gesundheit für die ins Visier genommenen Zielgruppen, leicht verbirgt sich dahinter ein biopolitischer Zugriff auf das Verhalten der Menschen. Die Frage, ob es in der Gesund­heits­förder­ung nur um Gesundheit oder auch um Moral und um den Mustermenschen geht, ist durchaus berechtigt. Der „Kampf gegen den Speck“ und die manchmal mehr den rauchenden Menschen als dem Rauchen geltenden Anti-Tabak-Kampagnen mögen dafür als Beispiele genügen. Die Tabakindustrie hat die Chance, dem-gegenüber als Pate der Freiheit aufzutreten, auch dankbar ergriffen.

Missionarischer Tonfall
Schon 1993 hat Hagen Kühn mit seinem Buch „Healthismus“ eine fundierte und noch immer lesenswerte Kritik an einer verhaltens-normierenden Gesund­heits­förder­ung vorgelegt. Fast zeitgleich, 1992, hatte Christa Sonnenfeld mit ihrem leider kaum bekannten Buch „. . . aber die Verantwortung liegt doch bei Dir!“ den Selbstverantwortungsdiskurs in der Prävention diskutiert – unter Berufung auf Michel Foucault. Und vor Kurzem haben Bettina Schmidt („Eigenverantwortung haben immer die Anderen“) und Ulrich Bröckling („Das unternehmerische Selbst“) sehr aufschlussreiche und reflexionsstarke Analysen zum Präventionsdiskurs veröffentlicht. Es ist also nicht so, dass es keine kritischen Stimmen gäbe.

In diese Debatte hat sich jetzt auch Christoph Klotter, Ernährungspsychologe aus Fulda, mit einer „Streitschrift zur Gesund­heits­förder­ung“ eingemischt. Das Buch hinterlässt einen zwiespältigen Eindruck. Klotter kritisiert missionarische Tendenzen an der Gesund­heits­förder­ung, er tut dies in missionarischem Tonfall. Er wirft der Gesund­heits­förder­ung vor, unreflektiert das Erbe der Aufklärung weiterzutragen, und will doch selbst aufklären. Er bemängelt die Kampfmetaphern etwa in den Adipositas-Kampagnen und schreibt dann Sätze wie diesen: „Der neue Gesund­heits­förder­ungsfundamentalismus schürt Hass und Verachtung“ oder „Dergestalt ist Gesund­heits­förder­ung ein Triumph des terroristischen Über-Ichs, das im Grunde nur eines will: nämlich vernichten“. Das trifft weder die Funktion des Über-Ichs in der Psychoanalyse noch die der Gesund­heits­förder­ung. Der Autor blickt mit dem Buch, wie er schreibt, auch auf sein eigenes früheres Engagement in der Gesund­heits­förder­ung zurück, er hat früher selbst Gesundheitsförderkurse konzipiert. Dem Thema ist diese Form der Vergangenheitsbewältigung nicht bekommen. Das Buch erinnert stellenweise an die ebenfalls aus persönlicher Enttäuschung motivierte Abrechnung mit der Gesund­heits­förder­ung, die ein anderer Gesundheitswissenschaftler, Rolf Weitkunat, in der Zeitschrift „Prävention“ 4/2004 formuliert hat – bevor er kurz darauf zur Tabakindustrie gewechselt ist.

Christoph Klotter hätte es besser gekonnt. Das zeigt die Zusammenfassung seines Buches. Diese letzten acht Seiten sind durchaus lesenswert. Interessant wäre es auch gewesen, hätte er die eine oder andere These ausgearbeitet, statt sie nur als rhetorische Munition zu benutzen. Möglicherweise ließe sich zum Beispiel aus der Idee, die Gesund­heits­förder­ung trage das rationalistische Erbe der Aufklärung weiter, zur Aufklärung gehöre aber als Gegenbewegung die Romantik mit ihrer Sympathie für das Uneindeutige, Unsystematische und Unfertige, eine kluge Analyse biopolitischer Aspekte in der Gesund­heits­förder­ung entwickeln. Klotter tut dies nicht, er analysiert nicht, er knüpft auch nicht wirklich an früher formulierte kritische Beiträge an (die eingangs genannten Veröffentlichungen werden bei ihm nicht einmal zitiert), er will eben streiten. Dieses Motiv lässt das Buch auch in anderer Hinsicht oberflächlich werden.

Kein Erkenntnisgewinn
Das Kapitel über Evaluation in der Gesund­heits­förder­ung kann man im Grunde mit dem Satz zusammenfassen, dass die Evaluation in der Gesund­heits­förder­ung bisher nicht weit gekommen ist. In dieser pauschalen Form ist das kein Erkenntnisgewinn. Manchmal informiert der Autor auch sachlich schlicht falsch, zum Beispiel, wenn er behauptet, es seien bisher keine nationalen Gesundheitsziele benannt worden. Auf der Website gesundheitsziele.de kann man seit Jahren den nationalen Gesundheitsziele-Prozess nachverfolgen. Dass seine Wirksamkeit gering ist, steht auf einem anderen Blatt.

Anzumerken bleibt noch, dass der Buchtitel wohl eher dem Marketing dienen soll und im Buch kaum eine Rolle spielt. Fazit: interessante Ansätze, aber zu einseitig, zu pauschal, zu polemisch. Eine zweite überarbeitete Auflage sollte rhetorisch ab- und analytisch nachgerüstet werden, damit etwas mehr Licht der Aufklärung auf den Sachverhalt fällt. Joseph Kuhn

Christoph Klotter: Warum wir es schaffen, nicht gesund zu bleiben. Reinhardt, München 2009, 163 Seiten, kartoniert, 16,90 Euro
Anzeige

Leserkommentare

E-Mail
Passwort

Registrieren

Um Artikel, Nachrichten oder Blogs kommentieren zu können, müssen Sie registriert sein. Sind sie bereits für den Newsletter oder den Stellenmarkt registriert, können Sie sich hier direkt anmelden.

Fachgebiet

Zum Artikel

Anzeige

Alle Leserbriefe zum Thema