ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Politik im Internet: Obama kämpft im Netz um US-Gesundheitsreform

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Politik im Internet: Obama kämpft im Netz um US-Gesundheitsreform

Schmitt-Sausen, Nora

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LNSLNS Die medizinische Versorgung im Land zu verbessern, hat derzeit die höchste innenpolitische Priorität der Regierung Obama. Der Präsident arbeitet dafür auf allen Kanälen – auch im Internet.

Bryce aus Kalifornien wird zum ersten Mal Vater. Doch die Freude darüber währt nur kurz: Bis zu dem Tag, an dem er und seine Frau feststellen mussten, dass die Schwangerschaftsvorsorge nicht von ihrer Kran­ken­ver­siche­rung abgedeckt ist. Ein anderer Fall: Die 57-jährige Pamela aus Arizona, mitversichert bei ihrem Ehemann. Sie sorgt sich um die Therapie ihres Diabetes mellitus, wenn ihr Mann in den Ruhestand geht. Oder James aus Boston. Seine Familie muss nicht nur den Krebstod von drei Familienmitgliedern verkraften, sondern quält sich darüber hinaus mit der Frage, wie sie die offen gebliebenen Behandlungskosten tragen soll.

Persönliche Berichte wie diese sind derzeit auf der Internetseite des amerikanischen Präsidenten Barack Obama auf der Plattform „Health Care Action Center“ zu lesen. Bereitwillig berichten US-Bürger von ihren Erfahrungen mit dem maroden Gesundheitssystem in den USA. Laufend kommen Beiträge hinzu.

Stimmungsmache im Netz: US-Präsident Barack Obama nutzt digitale Kommunikationswege, um Unterstützer für sein Reformvorhaben zu gewinnen.
Stimmungsmache im Netz: US-Präsident Barack Obama nutzt digitale Kommunikationswege, um Unterstützer für sein Reformvorhaben zu gewinnen.
Daran wird deutlich: Der US-Präsident, seit gut sechs Monaten im Amt, macht in seiner Regierungsarbeit dort weiter, wo er im Wahlkampf aufgehört hat: Er nutzt das Internet, um in direkten Kontakt mit den Bürgern zu treten und Unterstützer für seine Politik zu mobilisieren. Im Kampf um den Einzug ins Weiße Haus hatte das Obama-Lager die digitalen Kommunikationswege bereits meisterlich eingesetzt. Nun soll die Dynamik des Internets helfen, den Weg für die Reform des US-amerikanischen Gesundheitswesens zu ebnen.

Der direkte Draht schafft nicht nur Nähe zum Bürger, er dient auch als kostbare Informationsquelle und Orientierungshilfe für die Arbeit der Regierung – auch wenn nur schwer nachzuvollziehen ist, in welchem Maße die von den Bürgern gelieferten Informationen letztendlich in den Reformentwurf einfließen. In jedem Fall klopft der Präsident auf diesem Weg den Zustimmungsgrad für sein Reformvorhaben ab und erhöht durch eine zunehmende Zahl von Unterstützern den politischen Druck.

Auf Obamas Homepage gibt es die Möglichkeit, eigene Beiträge zu schreiben und Erfahrungsberichte anderer zu lesen. Die Internetnutzer werden über die landesweiten Aktivitäten der Kampagne informiert. Zudem wird die Webgemeinde aufgerufen, direkt Kontakt zu ihren Abgeordneten aufzunehmen, für TV-Werbespots der Gesundheitskampagne zu spenden und Fremde wie Freunde durch Telefonanrufe oder Nachbarschaftsbesuche von der Sache zu überzeugen.

Zu Obamas professionellem Internetauftreten gehören neben seiner Homepage Aktivitäten in Internetportalen wie dem sozialen Netzwerk Facebook oder dem Mini-nachrichtendienst Twitter. Außerdem werden via Videoübertragung – etwa auf Obamas eigenem You-Tube-Kanal – Reden und Statements des Präsidenten ins Land geschickt. Eines der vielen landesweiten „Town Hall Meetings“ (Bürgersprechstunde) zur Gesundheitsreform wurde sogar exklusiv im Netz – nicht aber vom US-Fernsehen – übertragen: etwa über das Web-TV auf der offiziellen Homepage der US-Regierung. Neben Fragen aus dem Publikum wurden dabei Beiträge von Nutzern der Internetportale Twitter, Facebook und You Tube zugelassen.

Auch die einflussreiche amerikanische Blogger-Szene versucht Obama in den Kampf für seine Sache einzubinden: In einer kürzlich einberufenen Konferenz hat er wichtige liberale Internetautoren um Unterstützung gebeten.

Der amerikanische Kongress wird nach dem Ende der Sommerpause über die Gesundheitspolitik debattieren. Nach Angaben des Obama-Lagers unterstützen derzeit mehr als eine Millionen US-Bürger aktiv die Kampagne des Präsidenten.
Nora Schmitt-Sausen
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