ArchivDeutsches Ärzteblatt PP9/2009Medizinische Plakate: Wenig Platz für Zwischentöne

KULTUR

Medizinische Plakate: Wenig Platz für Zwischentöne

PP 8, Ausgabe September 2009, Seite 421

Gerste, Ronald D.

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Das Verhängnis ist weiblich. Jedenfalls auf Plakaten, die vor Geschlechtskrankheiten warnen. Auf diesem Poster aus dem Jahr 1940 ist es eine grell geschminkte Raucherin.
Das Verhängnis ist weiblich. Jedenfalls auf Plakaten, die vor Geschlechtskrankheiten warnen. Auf diesem Poster aus dem Jahr 1940 ist es eine grell geschminkte Raucherin.
In den USA beschäftigt sich eine Ausstellung mit der „Ikonografie der Ansteckung“.

Medizinische Plakate waren von jeher ein Medium, das eine Didaktik der Marke Holzhammer benutzt. Poster zur Gesundheitsaufklärung und ganz besonders zur Warnung vor Infektionen und Seuchen sind ein Ausdruck einer im wahrsten Sinne des Wortes plakativen Indoktrination der Bevölkerung, die einen guten Grund hatte. Über weite Strecken des 20. Jahrhunderts standen gegen einige der „großen Seuchen“ nur unzureichende Therapien zur Verfügung, was die Bedeutung der Prävention noch unterstrich. Antiinfektiologische Aufklärungsplakate entwickelten sich in zahlreichen Ländern ab etwa 1920 zu einem festen Genre in der medizinischen Illustration – einer Kunstrichtung, die jetzt in den USA in der Ausstellung „An Iconography of Contagion“, die Ikonografie der Ansteckung, gewürdigt wird.

Manch eine Prävention kann so einfach sein. Nur eine Hand müsste sich der niesende Zeitgenosse von anno 1930 vor das Gesicht halten, um seine vielen kleinen Tröpfchen von der Menge im Hintergrund fernzuhalten, die der Zeichner eines dänischen Posters als potenzielle Opfer einer Epidemie darstellt. Die ganz große Seuche des frühen 20. Jahrhunderts, die Grippepandemie von 1918/19 war damals noch lebendige Erinnerung.

Es scheint, als sei die Lustseuche Syphilis das Ziel Nummer eins der Schöpfer medizinischer Poster gewesen. Es schien wichtig, mit den knappen sprachlichen Mitteln des Plakats und seinen immensen illustrativen Möglichkeiten vor der Übertragung von Geschlechtskrankheiten zu warnen; vor allem in den Jahren des Zweiten Weltkrieges. Bei keiner anderen Krankheit wirken die Poster so anachronistisch wie bei den Plakaten zur Vorbeugung von venerischen Leiden. Der Sturm der Entrüstung nähme Orkanstärke an, würde man heute bei einer Seuche die Rollen von Verursacher/Überträger und Opfer/Patient so schwarz-weiß zeichnen: Es sind ausschließlich Frauen, die als Verhängnis gezeichnet werden, als grell geschminkte Prostituierte oder als scheinbar biederes Mädchen mit weißer Bluse, das hinter der Maske der Harmlosigkeit doch moralisch so verkommen und zutiefst spirochätenbelastet sein kann. Die Herren in Uniform, die sich die „Dienste“ der Vektorinnen kaufen – sie trifft kein Tadel.

Ein gutes Gesundheitsposter kommt ohne viele Worte aus, so wie dieses Plakat des luxemburgischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums aus dem Jahr 1990.
Ein gutes Gesundheitsposter kommt ohne viele Worte aus, so wie dieses Plakat des luxemburgischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums aus dem Jahr 1990.
Mit dem Aufkommen von Aids haben die Schöpfer von Aufklärungsplakaten meist sorgsam Schuldzuweisungen zu vermeiden gesucht. Das Plakat des luxemburgischen Ge­sund­heits­mi­nis­teriums beschränkte sich 1990 auf das elektronen-mikroskopische Porträt HIV-infizierter T-Zellen und eines im Strom mitschwimmenden Kondoms: Préservez-vous du SIDA (Schützen Sie sich vor Aids). Ein gutes Gesundheitsposter kommt eben ohne viele Worte aus. Und ohne einen Zeigefinger, der auf eine einzelne Gruppe der Gesellschaft zeigt.

Die Ausstellung „An Iconography of Contagion“ ist vom 28. September 2009 bis 29. Januar 2010 im Global Health Odyssey Museum, Centers for Disease Control and Prevention, in Atlanta, USA, zu sehen. Vom 15. Februar bis 1. Juni 2010 werden die Plakate in der Claude Moore Health Sciences Library, University of Virginia, in Atlanta ausgestellt. Informationen: www.nationalacademies.org/arts
Ronald D. Gerste
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