ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2009Rauschtrinken im Kindes- und Jugendalter – Epidemiologie, Auswirkungen und Intervention: Schlusswort
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LNSLNS Die Kollegen Zimmermann und Laucht weisen bezüglich der Risikokonstellationen zum jugendlichen Rauschtrinken richtigerweise auf die Bedeutung genetischer Schutz- und Risikofaktoren hin, die ihre Wirkung im Zusammenhang mit frühen Stressbelastungen entfalten. Auch in unserer Übersicht haben wir der Gen-Umwelt-Interaktion beziehungsweise -Korrelation einen angemessenen Stellenwert beigemessen.

Die von Zimmermann angesprochenen alkoholinduzierten Gehirnschädigungen haben wir in unserem Beitrag ebenfalls benannt. Ergänzend weisen wir auf die Arbeit von de Bellis et al. (2005) hin, die bei Jugendlichen mit alkoholbezogenen Störungen (inklusive Rauschtrinken) eine Volumenverminderung des präfrontalen Cortex sowie eine Verringerung der dort lokalisierten weißen Substanz fanden.

Unter Berücksichtigung der multikonditionalen Genese von Alkoholmissbrauch und Suchtgefährdung (neurobiologische Aspekte, komorbide psychische Störungen, psychosoziale Einflussfaktoren) lassen sich Kinder und Jugendliche mit einem besonders hohen Erkrankungsrisiko identifizieren. Kritisch sehen wir die Schlussfolgerung der Kollegen, dass diese Hochrisikokinder und -jugendlichen nach den Grundsätzen der motivierenden Gesprächsführung über ihr persönliches Risiko aufgeklärt und dadurch in eine aktive Auseinandersetzung mit ihrer Gefährdung gebracht werden können, aus der sie dann die richtigen Schlussfolgerungen ziehen würden. Die motivierende Gesprächsführung zielt eben nicht allein auf Informationsvermittlung ab. Die Präventionsforschung hat gezeigt, dass bei solchem Vorgehen der Widerstand befördert werden kann (Thomasius et al. 2009). Die motivierende Gesprächsführung entfaltet ihre Wirksamkeit vielmehr durch eine empathische Grundhaltung mit Verzicht auf Konfrontation sowie die Förderung von Diskrepanzwahrnehmungen („wenn ich weiter in dieser Art Alkohol konsumiere, werde ich weder den Führerschein erlangen noch die Schule schaffen“). Ferner wird mit dieser Technik der Aufbau von Vertrauen in die Selbstwirksamkeit der Kinder und Jugendlichen verfolgt (Miller und Rollnik 1999).
DOI: 10.3238/arztebl.2009.0595b


Dr. med. Martin Stolle
Deutsches Zentrum für Suchtfragen des Kindes und Jugendalters
Univeritätsklinkum Hamburg-Eppendorf
Martinistraße 52
20246 Hamburg
E-Mail: M.Stolle@uke.de

Interessenkonflikt
Die Autoren beider Beiträge erklären, dass kein Interessenkonflikt im Sinne der Richtlinien des International Committee of Medical Journal Editors besteht.
1.
De Bellis MD, Narasimhan A, Thatcher DL, Keshavan MS, Soloff P, Clark DB: Prefrontal cortex, thalamus, and cerebellar volumes in adolescent and young adults with adolescent-onset alcohol use disorders and comorbid mental disorders. Alcohol Clin Exp Res 2005; 9: 1590–600. MEDLINE
2.
Miller WR, Rollnik S: Motivierende Gesprächsführung. Freiburg im Breisgau: Lambertus 2009.
3.
Thomasius R, Stolle M, Sack PM: Entwicklungspsychopathologisches Modell. In: R Thomasius, M Schulte-Markwort, UJ Küstner, P Riedesser (Hrsg.): Handbuch der Suchtstörungen im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Schattauer 2009; 139–46.
4.
Stolle M, Sack PM, Thomasius R: Binge drinking in childhood and adolescence: epidemiology, consequences, and interventions [Rauschtrinken im Kindes- und Jugendalter: Epidemiologie, Auswirkungen und Intervention]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(19): 323–8. MEDLINE
1. De Bellis MD, Narasimhan A, Thatcher DL, Keshavan MS, Soloff P, Clark DB: Prefrontal cortex, thalamus, and cerebellar volumes in adolescent and young adults with adolescent-onset alcohol use disorders and comorbid mental disorders. Alcohol Clin Exp Res 2005; 9: 1590–600. MEDLINE
2. Miller WR, Rollnik S: Motivierende Gesprächsführung. Freiburg im Breisgau: Lambertus 2009.
3. Thomasius R, Stolle M, Sack PM: Entwicklungspsychopathologisches Modell. In: R Thomasius, M Schulte-Markwort, UJ Küstner, P Riedesser (Hrsg.): Handbuch der Suchtstörungen im Kindes- und Jugendalter. Stuttgart: Schattauer 2009; 139–46.
4. Stolle M, Sack PM, Thomasius R: Binge drinking in childhood and adolescence: epidemiology, consequences, and interventions [Rauschtrinken im Kindes- und Jugendalter: Epidemiologie, Auswirkungen und Intervention]. Dtsch Arztebl Int 2009; 106(19): 323–8. MEDLINE

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