ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2009Börsebius: Ein Fliegenschiss

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Börsebius: Ein Fliegenschiss

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LNSLNS Da bekommt ein Mann eine überaus großzügige Abfindung, und alle Welt regt sich mit der größtmöglichen Entrüstung darüber auf, sogar unsere Kanzlerin knurrte hörbar über die moralische Verwerflichkeit der Causa Eick. Sage und schreibe 15 Millionen Euro streicht der Kurzzeitmanager – 185 Tage Amtsdauer – für seine Tätigkeit als Arcandor-Chef ein, und Stammtischrechner nebst Regenbogenpresse ermittelten genüsslich Tagessätze für den ehemaligen Telekommanager, zu denen drei bis vier normale Arbeitnehmer ein ganzes Jahr ihr Auskommen fänden.

Zu allem Unglück will Karl-Gerhard Eick auch noch ein Drittel seiner Abfindung spenden. Die sicher gut gemeinte Geste schürt erst recht Vermutungen der bösgläubigen Kritikerschar, das mache doch nur einer, der entweder ein schlechtes Gewissen habe oder Dreck am Stecken oder wahrscheinlich beides. Leute, lasst doch bitte die Kirche im Dorf. Ja, es stimmt, manche Manager lassen sich ihre bisweilen fragwürdig erfolgreiche Tätigkeit vergolden, bei einigen sind auch Kritik und Wut über horrende Abfindungen mehr als angebracht, Wiedeking (Porsche) und Esser (Mannesmann) nebst einigen Bankern lassen grüßen.

Im Fall Karl-Gerhard Eick liegen die Dinge doch um einiges anders. So horrend die Summe von 15 Millionen auf den ersten Blick ist, so sehr ist diese Summe im Vergleich zu dem Schaden, den sein Vorgänger Thomas Middelhoff angerichtet hat, ein Fliegenschiss. Die middelschoffsche Vorstandstätigkeit steht als Synonym für systematische Wertevernichtung in Milliardenhöhe, und zwar schön gleichmäßig verteilt in Richtung Arbeitnehmer, Gläubiger und Aktionäre. Mir sind kaum Politiker bekannt, die sich zur Personalie Middelhoff dezidiert aus dem Fenster lehnen, aber Karl-Gerhard Eick hauen sie genüsslich in die Pfanne. Es darf schließlich auch nicht vergessen werden, dass sich Eick aus einem gut dotierten Vorstandsposten bei der Deutschen Telekom „herauskaufen“ ließ, wie wir wissen, letztlich für ein Himmelfahrtskommando, und erst recht gilt es zu berücksichtigen, dass selbst wenn die 15 Millionen Abfindung zu viel gewesen wären, was, wie gesagt, wegen der Besonderheit des Falles so nicht stimmt, diese Summe nicht (!) der Insolvenzmasse entnommen wird, sondern vom Bankhaus Oppenheim zu tragen ist. Wenn dieses Institut also glaubte, diese Summe ausloben zu müssen, um einen fähigen Retter für Arcandor zu finden, was soll die Aufregung, wenn Dritte nicht betroffen sind?

Was mich wirklich wundert, ist die Blauäugigkeit, mit der in voller Fahrt in die Insolvenz geschliddert wurde. Wie ahnungslos müssen das Bankhaus Oppenheim und die Aufsichtsgremien gewesen sein, in ihrer (unbegründeten) Hoffnung, den Laden Arcandor überhaupt retten zu können! Konnten die Herren etwa keine Bilanzen lesen? Wie zu hören ist, hat Eick-Vorgänger Middelhoff sogar das Schwarze unter den Fingernägeln verpfändet. Von verwertbarer Substanz weit und breit keine Spur. Das ist der wahre Skandal.
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