ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2009Frührehabilitation: Für eine nahtlose Behandlungskette

POLITIK

Frührehabilitation: Für eine nahtlose Behandlungskette

Dtsch Arztebl 2009; 106(37): A-1774 / B-1526 / C-1494

Hibbeler, Birgit

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Raus aus dem Bett: Mobilisation einer Patientin in der Abteilung für Medizinische Frührehabilitation in Meppen. Foto: Ludmillenstift Meppen
Raus aus dem Bett: Mobilisation einer Patientin in der Abteilung für Medizinische Frührehabilitation in Meppen. Foto: Ludmillenstift Meppen
Zwar ist die Früh­reha seit eini­gen Jah­ren im Sozial­gesetz­buch ver­ankert, doch in der Praxis setzt sich das Konzept nur schleppend durch.

In einem Positionspapier fordern Rehabilitationsmediziner jetzt ein Umdenken.

Die Wahrscheinlichkeit, einen schweren Unfall oder eine akute Erkrankung zu überleben, ist heute höher denn je. Doch die Fortschritte der Akutmedizin führen dazu, dass immer mehr Patienten dauerhaft eingeschränkt bleiben oder chronisch krank sind. Um das zu verhindern, muss die Rehabilitation so schnell wie möglich beginnen. Im Jahr 2001 wurde folgerichtig die Frührehabilitation als Teil der Krankenhausbehandlung im fünften Sozialgesetzbuch (§ 39 SGB V) verankert. Allerdings gibt es bis heute Unschärfen bei der Definition, wie die Behandlung zu der in Rehabilitationskliniken abzugrenzen ist. Akutkrankenhäuser, die Frühreha anbieten, beklagen außerdem, dass die Leistungen in den Diagnosis Related Groups (DRGs) nicht adäquat abgebildet sind.

„Die Frührehabilitation entwickelt sich nicht dem Bedarf entsprechend, sondern stagniert“, kritisiert Dr. med. Joachim Beyer, Leiter der Abteilung für Medizinische Frührehabilitation am Krankenhaus Ludmillenstift in Meppen. Eine nahtlose Rehabilitationskette – wie gesetzlich vorgesehen – sei heute vielfach nicht gewährleistet. Der Internist und Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin schätzt, dass bei rund zwei Prozent aller Krankenhauspatienten eine Indikation zur Frührehabilitation besteht. Diese Patienten benötigen noch den sicheren Rahmen der Akutmedizin, gleichzeitig aber schon intensive rehabilitative Maßnahmen, um alle regenerativen Potenziale auszuschöpfen. Beyer denkt dabei vor allem an Polytraumatisierte, Schädel-Hirn-Erkrankte und multimorbide Patienten.

Es gibt drei Positionen im Operationen- und Prozedurenschlüssel (OPS), die frührehabilitative Leistungen im DRG-System abbilden: die „geriatrisch-frührehabiliative Komplexbehandlung“ (OPS 8-550), die „neurologisch-neurochirurgische Frührehabilitation“ (OPS 8-552) und die „fachübergreifende und andere Frührehabilitation“ (OPS 8-559). Aus Beyers Sicht spiegelt die Bewertung dieser Prozeduren den Aufwand einer qualitativ hochwertigen Frührehabilitation allerdings nicht angemessen wider. Im Fallpauschalensystem bestimmt die Erkrankung, die zur Aufnahme geführt hat, die Hauptdiagnose. Die funktionelle Einschränkung – meist Folge der Grunderkrankung – verändert die Fallgroupierung unterdessen nicht. Wenn Patienten innerhalb eines Hauses in die Frühreha verlegt werden, lohnt sich das aus wirtschaftlicher Sicht für die Kliniken oftmals kaum, denn die Hauptdiagnose bleibt gleich. Bei Langzeitbeatmeten ist die erbrachte Frührehabilitation nicht erlösrelevant. Beyer zufolge fallen im derzeitigen DRG-System außerdem Patienten durch das Raster – zum Beispiel einige kardiochirurgische Patienten. Abteilungen für fachübergreifende Frührehabilitation gebe es noch zu wenige. „Deshalb ist es ganz wichtig, dass wir wegkommen von dem Fächerdenken in der Frührehabilitation“, betont der Chefarzt.

Beyer ist einer der Rehabilitationsmediziner, die nun gemeinsam ein Positionspapier zur Frühreha erstellt haben. Darin wenden sich der Berufsverband der Rehabilitationsärzte, die Deutsche Gesellschaft für Physikalische Medizin und Rehabilitation sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft der Akutkrankenhäuser mit Abteilungen für fachübergreifende Rehabilitation unter anderem an Politik und Kostenträger. Ihre Forderungen: ein flächendeckendes Angebot qualifizierter frührehabilitativer Abteilungen – mindestens aber in Krankenhäusern der Schwerpunkt- und Maximalversorgung. Darüber hinaus plädieren die Autoren des Papiers für eine kostendeckende Finanzierung. Dabei sprechen sie sich für fachübergreifende Frührehabilitationsabteilungen aus. Wenn die Einrichtungen fachspezifisch seien, bestehe die Gefahr, dass Patienten, die man nicht den entsprechenden Gebieten zuordnen könne, von der Behandlung ausgeschlossen würden.
Dr. med. Birgit Hibbeler

@ Das Positionspapier zur fachübergreifenden Frührehabilitation im Internet: www.aerzteblatt.de/091774
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