THEMEN DER ZEIT: Kommentar

Gesundheit von Ärzten: Der Beruf macht krank

Dtsch Arztebl 2009; 106(37): A-1789 / B-1537 / C-1505

Gieseke, Sunna

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Sunna Gieseke, DÄ-Redakteurin
Sunna Gieseke, DÄ-Redakteurin
Sunna Gieseke, DÄ-Redakteurin

Es fehlen Ärzte in Deutschland. Nun fordert die Bundes­ärzte­kammer neue Konzepte, um den Ärztemangel auszugleichen. Denn das System funktioniert nicht mehr. Viele Ärzte sind aufgrund der Rahmenbedingungen nicht mehr zufrieden in ihrem Beruf.

Der Gestaltungsspielraum der Ärzte wird zudem enger. In Zukunft werden sie vermutlich immer mehr als Gesundheitsökonom gefordert werden. Kaum noch haben sie Zeit für ihre eigentliche Profession – das Heilen von Menschen. Stattdessen arbeiten sie häufig unter massiven wirtschaftlichen Zwängen: sei es in Krankenhäusern, in denen ökonomische Vorgaben den Tagesablauf diktieren, oder in der eigenen Praxis, wo die Ärzte sich mehr Zeit für Bürokratie als für ihre Patienten nehmen müssen. Viele Ärzte empfinden dies als Autonomieverlust und fühlen sich fremdbestimmt – durch Politik, Selbstverwaltung und Patienten. Eine solche Diskrepanz zwischen dem, wofür man ausgebildet ist, und dem, wofür man tatsächlich Zeit aufwenden muss, kann unzufrieden machen und die Gesundheit stark beeinträchtigen.

Besonders Ärzte sind daher gefährdet, depressiv zu werden oder an einem Burn-out zu erkranken: Zeitdruck, Verwaltungsaufwand, Fremdbestimmung, Hierarchien und das starre System sind nur einige Faktoren, die dazu beitragen können. Das sogenannte Helfersyndrom wirkt hier noch verstärkend: Man fühlt sich permanent gefordert – der Arzt will schließlich für die Patienten da sein. Der Arzt von heute bewegt sich zudem in einer durch moderne Medien geprägten Welt. Nicht selten informieren sich Patienten zum Beispiel vorab im Internet über eine mögliche Diagnose und Heilungschancen. Das Bild vom Arzt hat sich in der Gesellschaft allerdings kaum verändert – es ist geradezu archaisch geprägt: Weiterhin stellt man sich jemanden vor, der sich viel Zeit nimmt und die Erkrankung seines Patienten sofort erkennt und heilt. Unvorstellbar für viele, dass der Arzt vielleicht selbst nicht weiterweiß. So auch das Selbstbild vieler Ärzte: Alles, was zählt, ist die Leistung, sonst hat man den Beruf verfehlt. Dieses idealisierte Bild macht es den Ärzten auch schwerer, Hilfe anzunehmen.

Die Wege in einen Burn-out sind komplex, und meist ist der Prozess schleichend. Die Anzeichen können zum Beispiel chronische Müdigkeit und Hyperaktivität sein. Klar, jeder ist für sich selbst verantwortlich, aber auch der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht gegenüber den Ärzten. Überbelastung sollte in keinem Fall verharmlost werden – und auch nicht heroisiert. Es ist in jedem Fall wichtig, dass man die Anzeichen erkennt und die Abwärtsspirale durchbricht. Wenig hilfreich sind allerdings Sätze von Mitarbeitern wie: „Wir schaffen das schon ohne dich.“ Eher empfiehlt es sich, die Arbeit des einzelnen wertzuschätzen. Ein privater Ausgleich kann zumindest präventiv wirken: Familie, Sport und Hobbys werden empfohlen. Nur woher die Zeit nehmen, wenn Bereitschaftsdienst und Bürokratie die Ärzte von genau diesen unabdingbaren präventiven Maßnahmen fernhalten? Die Gefahr des Burn-outs ist zumindest ein Zeichen dafür, dass das ganze System nicht mehr funktioniert. Vielleicht können die Ärzte aber ein Stück Autonomie zurückgewinnen. Einen Tag in der Woche mal früher gehen, schlägt ein Experte vor. Eine so einfache Patentlösung wird es mit Sicherheit nicht geben. Dennoch, der Ansatz ist richtig: Die Ärzte sollten ihre eigenen Bedürfnisse nicht vergessen. Keiner hat etwas davon, wenn am Ende der Arzt nicht mehr kann.
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