ArchivDeutsches Ärzteblatt37/2009Allgemeine Medizin: Dialog zwischen Arzt und Patient unterstreichen

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Allgemeine Medizin: Dialog zwischen Arzt und Patient unterstreichen

Maio, Giovanni

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Hans-Christian Deter (Hg.): Allgemeine Klinische Medizin. Ärztliches Handeln im Dialog als Grundlage einer modernen Heilkunde. Vanden hoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, 236 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro
Hans-Christian Deter (Hg.): Allgemeine Klinische Medizin. Ärztliches Handeln im Dialog als Grundlage einer modernen Heilkunde. Vanden hoeck & Ruprecht, Göttingen, 2007, 236 Seiten, kartoniert, 19,90 Euro
Die moderne Medizin befindet sich in einem grundlegenden Transformationsprozess, der mit einer Veränderung der Identität der Medizin einhergeht. Dies scheint den Autoren des Bandes bewusst gewesen zu sein, als sie namhafte Internisten, Neurologen, Gynäkologen, Chir-urgen und Psychosomatiker anlässlich einer Tagung zu Ehren des 120. Geburtstags von Viktor von Weizsäcker zusammenführten, um sein Konzept einer „Allgemeinen Medizin“ mit der heutigen Wirklichkeit der modernen Medizin zu konfrontieren. Anliegen des Buches war es, die Grenze des rein naturwissenschaftlich-technischen Zugangs auf die Medizin kenntlich zu machen und den Dialog zwischen Patient und Arzt in seiner Bedeutsamkeit für die ärztliche Heilkunde zu unterstreichen.

Unter dem Begriff einer Allgemeinen Medizin verstand Viktor von Weizsäcker eine bestimmte ärztliche Einstellung, die das Subjekt des Kranken in den Mittelpunkt rückt, und zugleich eine allgemeine Wissenschaft vom kranken Menschen, die sich am Anthropologischen orientiert. Dementsprechend ist das Buch in vier Teile aufgeteilt, die diese beiden Pole der Allgemeinen Medizin aufgreifen und vertiefen. Im ersten Teil gehen namhafte Autoren auf die Allgemeine Klinische Medizin als Voraussetzung einer modernen Heilkunde ein. Herausragend ist hier der Beitrag von Hans-Christian Deter, der in überzeugender Weise verdeutlicht, dass die moderne Medizin den Arztberuf zu einer reinen Vermittler- oder Moderatorenfunktion herabstuft und dabei die Mitmenschbeziehung zunehmend marginalisiert. Sehr lesenswert auch die Ausführungen von Günther Bergmann, der auf das unheilvolle Effizienzdiktat aufmerksam macht. Wenn unter DRG-Bedingungen eine radikale Beschleunigung hergestellt wird, gerät nach Bergmann die psychosoziale Dimension der Erkrankung weiter aus dem Blickfeld, weil das hierfür notwendige Innehalten wegrationalisiert wird.

Dem menschlichen Körper als Gegenstand oder Subjekt in der Behandlung widmet sich der zweite Teil des Buches. Während Johannes Köbberling den Begriff der Wissenschaft in der Medizin problematisiert, stellt Elk Franke kritische Rückfragen an das herrschende Paradigma der Handlung in der Behandlung, und Günter Gebauer fragt in seinem philosophischen Aufsatz nach der Normativität des Körpers. Der dritte Teil widmet sich dem ärztlichen Selbstverständnis. Einige Beiträge stellen hier die Rolle des Gesprächs in den Mittelpunkt, andere betonen in direktem Rückgriff auf Viktor von Weizsäcker das Allgemeine in der ärztlichen Begegnung mit dem Kranken. Besonders eindrücklich ist hier der Beitrag von Fritz von Weizsäcker, der die Rückbindung an das Allgemeine als Notwendigkeit zur Vermeidung einer inhaltlichen Entfremdung durch die Fülle des Partikularwissens überzeugend herausstellt. Beiträge von Werner Herzog, Sven Olaf Hoffmann und Dieter Janz gehen schließlich im vierten Teil auf die enorme Ausstrahlungskraft der Person und der Werke von Viktor von Weizsäcker ein und verdeutlichen die Chancen und Schwierigkeiten der institutionellen Einrichtung einer Allgemeinen Klinischen Medizin in Deutschland.

Das Buch ist eine sehr gelungene Verbindung einer Bestandsaufnahme der Lehre von Viktor von Weizsäcker mit den heutigen Herausforderungen einer Medizin, die – unterstützt durch das marktwirtschaftliche Credo – sich heute immer mehr von der ärztlichen Heilkunde entfernt. Wie aktuell Viktor von Weizsäcker gerade heute noch ist, belegt dieser Band sehr eindrücklich. Die Lektüre dieses faszinierenden Bandes ist jedem ärztlich Tätigen anzuraten, damit wieder neu ins Bewusstsein kommt, dass Heilkunde ohne anthropologische Reflexion auf das Wesen des Menschen nicht möglich ist. Giovanni Maio
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