SCHLUSSPUNKT

Ärzteschach: Brutale Eleganz

Dtsch Arztebl 2009; 106(37): [140]

Pfleger, Helmut

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Foto: Dagobert Kohlmeyer
Foto: Dagobert Kohlmeyer
Dr. med. Helmut Pfleger

Obwohl noch jung an Jahren, ist der Ulmer Kardiologe Dr. med. Patrick Stiller schon ein erfahrener Haudegen auf den 64 Feldern und braucht sich nicht wie einst der Kalif Al-Ma’mun zu beklagen, dass er zwar ein riesiges Reich beherrsche, aber nicht mit 32 kleinen Figuren auf dem Schachbrett klarkomme. Zu klagen hatten beim letzten Ärzteturnier in Bad Neuenahr allenfalls seine Gegner, die er teils mit feiner Strategie, teils mit „brutaler Eleganz“ (Großmeister Kindermann) besiegte. Schon der legendäre US-Amerikaner Bobby Fischer, der 1972 auf dem Höhepunkt des Kalten Krieges den Sowjetrussen Boris Spassky besiegte, wusste: „Schach ist ein geistiges Catch-as-catch-can, bei dem sich nur der Brutale durchsetzen kann.“ Und der englische, selbst dem Schach verfallene Schriftsteller H. G. Wells schrieb: „Schach ist eine schreckliche Passion. Willst du jemanden zerstören, so lehre ihn Schach. Politiker regieren nicht mehr, Väter kümmern sich nicht mehr um die Familie.“

Ich fürchte, ich muss mich bei Dr. Stiller doch von diesen eingängigen Parolen und Verallgemeinerungen verabschieden, eher scheint mir zugewandte Freundlichkeit und Zurückhaltung sein Wesen zu bestimmen und er sich sehr wohl um seine mitgereiste Familie zu kümmern. Vielleicht ist ja das französische Sprichwort „Wenn du sanftmütig bist, kannst du nicht Schach spielen“ nicht in jedem Fall wahr – Gewährsmann hierfür sei der indische Weltmeister Viswanathan Anand, obwohl dieser sich früher wirklich allzu sehr von der unverhohlenen Aggressivität eines Kasparow beeindrucken ließ und vor allem deshalb den Weltmeisterschaftskampf 1995 auf der Aussichtsplattform des World Trade Center in New York (übrigens begann dieses Match am 11. September, am gleichen Tag wie dessen Zerstörung sechs Jahre später) verlor; wohl erst durch die Heirat mit seiner zwar sanftmütigen, aber doch recht bestimmten Gattin Aruna gewann er an Widerstands- und Durchsetzungskraft.

Dr. Stiller ging es also recht gut bei dieser Ärztemeisterschaft, zum Schluss wurde er sogar Sieger, während manche seiner unterlegenen Kollegen nach ihren Partien sich möglicherweise in der Schilderung ihrer (schachlichen) Misshandlung durch ihn gegenseitig überboten, ähnlich wie ansonsten manche ihrer Patienten: „So, so, mit der Bandscheibe haben Sie’s. Na, da wünsch’ ich Ihnen nur mal drei Tage von meiner Migräne; dann wissen’s, was krank sein heißt.“

Vermutlich war Dr. med. Lorenz Pausch als Schwarzer, der sich mit feinem Positionsverständnis „lege artis“ aufgebaut, aber gerade(zu) aggressiv den Läufer h4 bedroht hatte, vom folgenden Einschlag Dr. Stillers als Weißer, der die schwarze Königsstellung in Trümmer legen sollte, völlig überrascht worden. Wie kam’s?

Lösung:
Das Springeropfer 1. Sxf7! an der schwarzen Achillesferse f7 musste mit 1. . . . Kxf7 angenommen werden, doch nun fielen nach 2. Dg6+ Kf8 3. Dxh6+ Kg8 4. Dxg5+ sämtliche Königsflügelbauern in den weit geöffneten Rachen der weißen Dame, und nach 4. . . . Kf8 5. Dh6+ Kg8 6. Dg6+ Kf8 (auch nach 6. . . . Kh8 war der Widerstand letztlich vergeblich) 7. Lg5! (Drohung 8. Lh6 matt) Sg8 8. Lh6+ Sxh6 9. Dxh6+ gab Schwarz wegen des unausweichlichen Matts nach 9. . . . Kf7
10.Lg6+ Kg8 (10. . . . Kf6 11. Lh5+ Kf5 12. g4 matt) 11 .Dh7+ Kf8 12. Dh8 auf.
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